(EMI Music) Die Taste Of Chaos-Tour 2006 liegt nun leider schon wieder hinter uns, aber wir haben einen Heidenspaß auf den Shows gehabt und sogar noch einige Dinge gelernt. Und nicht nur, wie man den Bandnamen korrekt ausspricht. Lassen wir doch als Einleitung zu dieser Rezi Anthony Green, den Ex-Sänger von SAOSIN zu Wort kommen, der uns auf eine kleine Exkursion in die chinesische Geschichte entführt. „Saosin ist ein chinesisches Sprichwort aus dem 15. Jahrhundert. Es bedeutet ‘kleines Herz’. Väter verheirateten damals ihre jüngsten Söhne für Geld mit Frauen aus reichen Familien. Sie rieten ihnen, da sie nicht aus Liebe heirateten, sollten sie ihre Frauen emotional auf Distanz halten, denn diese könnten ja jederzeit sterben. Also liebten die Söhne ihre Ehefrauen nur mit kleinem Herz. Ich habe alle meine Bands so genannt und schreibe Songs über das Thema. Korrekt wird es ‘say-ocean’ ausgesprochen, aber die heutigen Bandmitglieder und die Fans sagen ‘say-oh-sin’.“ Ex-Sänger?! Korrekt. Wer sich in dem Metier ein wenig auskennt, wird bereits von Circa Survive gehört haben, die Anthony Green mittlerweile mit alten Bekannten gegründet hat. Somit verließ der Sänger die Band zwar vor den Aufnahmen zu „Saosin“, damit haben wir aber zwei Bands gewonnen, die man ins Fanherz schließen kann. SAOSIN sind ein Phänomen, denn die Band schaffte es mit nur einer EP-Veröffentlichung („Translating The Name“, wird mittlerweile zu Höchstpreisen gehandelt!), einen Major-Deal bei Capitol Music zu ergattern und kann von der Reihenfolge der Geschehnisse damit durchaus mit dem Internet-Hype um die Arctic Monkeys verglichen werden, wobei SAOSIN aus Kalifornien aber in der EmoCore-Ecke anzusiedeln sind. Die Songs des Debüts wurden lange vor der Veröffentlichung mehr als fünf Millionen Mal auf myspace.com angehört! Somit haben wir hier den nächsten „hot shit“, denn in den Staaten werden sie bereits als große Entdeckung gefeiert. Nach der Teilnahme an der Vans Warped Tour 2005, gemeinsamen Konzerten mit Schwergewichten wie AFI, Avenged Sevenfold, My Chemical Romance und Taking Back Sunday, sowie einer ausverkauften Clubtournee quer durch die USA kann die Band schon auf eine große, ständig wachsende Fangemeinde blicken. Und die wird sich nach der Taste Of Chaos-Tour auch in unseren Breitengraden ausbauen, denn die Band ist nicht nur auf Scheibe erste Sahne, denn obwohl man schon nach Fire In The Attic auf die Bühne musste, bewies man im Billing mit Taking Back Sunday, Underoath und Co., das man evtl. schon im nächsten Jahr als Co-Headliner fungieren könnte. Live war die Band unglaublich. Gut, der blonde Gitarrist hat sich in Bremen zwar mysteriöserweise beim Bühne entern voll aufs Mett gepackt, dafür kennen wir jetzt aber den vierfachen Gitarren-Hula Hupp um die Schulter! Das war fett, Respekt! Der neue Sänger (und das kann man wörtlich nehmen!) Cove Reber hat live seine Stimme so eindrucksvoll präsentiert wie auf Scheibe und ließ mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Körper rieseln. Das Album ist zwar erst am 03. November hierzulande erschienen, die Songs waren aber nicht nur bei mir live schon richtige Mitsing-Hits, denn viele der Anwesenden schienen mit dem Songmaterial von SAOSIN schon mehr als vertraut. Auf dem ersten Langspiel-Werk nehmen SAOSIN den Hörer sofort gefangen. Die Textzeile „What is my body worth…“ des Openers 'It’s Far Better To Learn', die nach 69 Sekunden ertönt, torpediert das epische Stück beim ersten Hören sofort ins Großhirn und ebnet den Weg für die folgenden grandiosen Ohwürmer. SAOSIN’s Mix baut sich auf zwei übergroße Grundpfeiler. Wuchtige und harte Gitarren, die teilweise an P.O.D. erinnern (kein Wunder, denn Howard Benson saß an den Reglern!) und ein absolut hochmelodischer und einschmeichelnder Gesang, auf dem die Band sich stilistisch zwischen EmoCore, Punk, Pop und Metal austobt. Okay, Metal klingt angestaubt, die Klampfen drücken aber zum Beispiel im grandiosen 'Sleepers' so tight aus den Boxen, das der Vergleich in Ordnung geht. Wer seine Anlage privat mit Bands wie Story Of The Year, The Used, Further Seems Forever und Co. füttert und auf geschriene Passagen verzichten kann, braucht SAOSIN! Und wem bei 'You’re Not Alone', einem Wahnsinns-Spagat aus manisch depressiv und hoffnungsvoll nicht das Herz bricht, der ist für diese Art von Musik nicht empfänglich. Ich bin es definitiv und dieses Album ist im meinem „Notfall-Koffer“, der gepackt steht, falls ich das Land mal fluchtartig verlassen muss! Album-VÖ: 03.11.2006