therapy-bandEigentlich sollte das Interview um 16 Uhr beginnen, da aber das Management von THERAPY? noch die Uhren nach englischer Zeit gestellt hatten, waren Andy und Michael noch in der Stadt, um Waffeltüten und Geschenkpapier für Weihnachten zu kaufen. Der Rückweg entpuppte sich jedoch als eine kleine Abenteuerreise… A walk in the park, a trip in the dark…I'm getting away, escaping today! Wie läuft eure Tour momentan, seid ihr zufrieden? Ich habe gesehen, dass ihr bei Myspace alle Veranstaltungsorte bewertet… Neil: (lacht) Stimmt, wir haben die ganzen Clubs nach verschiedenen Kriterien bewertet. Zum Beispiel bezogen aufs Publikum, Duschen, Toiletten oder das Essen!! Ein Wettkampf! Insgesamt wurden für die jeweiligen örtlichen „Disziplinen“ 10 Punkte vergeben! Bei voller Punktzahl haben wir gelebt wie Könige! An alle Veranstalter, wir sind eine verdammt harte Jury! (lacht) Insgesamt sind wir mit der Tour durchaus zufrieden! Jede Show ist unterschiedlich, von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Therapy-AndyAndy: Unsere Tour umfasst 44 Shows. Heute ist glaube ich die 30te oder 31te. Richtig schlimm waren eigentlich nur zwei Orte. Leipzig und ein Tourhalt in der Schweiz. Habe grad auch den Namen von der Stadt vergessen… Bei den beiden Shows waren weniger als 100 Besucher da. Normalerweise ist das ja kein Problem, aber wenn die wenigen Besucher dann auch noch so teilnahmelos nebeneinander stehen, ist es schon schwer, die Stimmung wieder rumzureißen. Hinzu kommt noch, dass die Veranstalter uns mit der Gage verarscht haben. Aber alles in allem haben wir eine super Tour! Großartige Menschen, die sich sehr um uns kümmern! Was denkt ihr über Seiten wie Myspace, Facebook oder Twitter? Wie wichtig sind diese Social Networks für eine Band, die es seit Ende der 80er gibt? Andy: Für mich persönlich…ich finde diese Seiten echt praktisch! Ihr könnt mir jetzt einen Namen von einer lokalen Band sagen…aus Hildesheim oder Hannover…ich müsste morgen in die Stadt gehen, einen Plattenladen suchen, die CD kaufen, zurück nach Hause und die CD hören! Mit dem Internet kann ich mir innerhalb von 5 Minuten ein Bild von der Band machen und euch sofort sagen, ob ich sie mag oder nicht! Find ich super! Aber auch wir, als „Urgesteine“ aus den 80ern, versuchen diese neuen Medien zu nutzen! Es hat nichts mit dem Bandalter zu tun. Klar, man muss dem neuen Internetverhalten schon positiv gegenüber stehen. Wir versuchen unsere Fans mit einzubeziehen, THERAPY? auch im Netz eine Persönlichkeit zu geben und letztendlich unseren Freunden zu zeigen, dass sie Teil dieser Band sind. Deswegen machen wir das auch mit den Clubbewertungen. Sie sollen täglich auf dem Laufenden gehalten werden. Außerdem haben unsere Fans auch Mitbestimmungsrecht bezüglich unserer Setlisten für die kommenden Konzerte. Das Voting findet auch auf diesen Seiten statt. Von Videos bis hin zu neuen Liedern zum downloaden. Alles dabei! Wie denkt ihr darüber, dass Fans eure Musik runterladen? Welches ja auch im Zusammenhang mit dem Web 2.0 steht… Neil: Man kann es eh nicht aufhalten! Momentan funktioniert das Ganze in der Musikbranche so und es ist auch kein Ende in Sicht. Die Bands und die Musikindustrie müssen versuchen sich darauf einzustellen. Sie müssen den sinnvollsten Weg finden, der sie im Umgang mit Downloads unterstützt. Ich weiß nicht, ob das Bezahlen von Mp3s der beste Weg ist. Die Leute bekommen es ja doch auf irgendwelchen Seiten für umsonst. Es ist genau so, wenn die Leute zehn Jahre nichts für ihr Essen bezahlt haben und auf einmal wird ihnen vorgeschrieben, sie hätten dafür zu bezahlen…das funktioniert nicht. Andy: Meiner Meinung nach können Künstler in ein paar Jahren nur noch über Konzerte und Merchandise Geld verdienen, da deutet ja alles drauf hin. Musik wird komplett kostenlos sein. Dieses „free downloading“- Verhalten hat sich bei den Menschen so verfestigt, es wurde zu einer Normalität. Wie Neil meinte, wird es nicht funktionieren, dieses Verhalten komplett zu verbiegen. Auf der anderen Seite muss ich eingestehen, würde ich es genau so wie die Kids machen! Bei dieser Musikfülle heutzutage, wäre es mir früher auch nicht möglich gewesen all diese Platten zu kaufen. Therapy-MichaelMichael: Das Einzige was mich an diesem Zustand stört ist, dass diese ganzen Download-Plattformen an uns Musikern Kohle verdienen. Klar, die ganze Mucke ist umsonst und genau das zieht die Leute auf diese Seiten, wie beispielsweise Rapidshare. Auf Grund dieser hohen Besucherzahlen können sie dann über Advertising ordentlich verdienen! Die Bands gehen leer aus. Das ist unfair! Ihr habt jetzt insgesamt 12 Alben veröffentlicht…puh, echt ne Menge. Ich denke, dass „Troublegum“ aber das Album ist, welches bei euren Fans am meisten Anerkennung findet! Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, wie denkt ihr darüber? Welches ist das aussagekräftigste Album von THERAPY? Andy: Es gibt vier! (lacht) Als erstes wäre da „Babyteeth“. Für THERAPY? war dieses Album wichtig, da wir darauf anders klangen als irgendeine andere Band aus Nordirland. Wir konnten uns damit durchsetzten. Dann kam „Troublegum“ und verhalf uns zu weltweitem Erfolg. 1999 folgte „Suicide Pact – Your First“. Dieses Album war unser „Goodbye“ zur kommerziellen Schiene! Und als letztes wäre da noch unser aktuelles Album „Crooked Timber“. Es ist das heftigste Album in unserer Diskographie. Es spiegelt am ehesten die Band wieder…wer wir sind, wie wir fühlen oder wie wir denken. Michael: Eventuell noch „ Never Apologise…“ Die Platte erschien 2004, ab diesem Jahr waren wir auch nur noch als Trio unterwegs. Andy: Es ist schön Lieder geschrieben zu haben, die jeder kennt. Du hast eine Motörhead-Mütze auf…bei den war es „Ace of Spades“…diesen Song kennt jeder….bei uns ist es halt „Nowhere“…ein kleines Stück Musikgeschichte. Wie kam es damals eigentlich zu eurem Richtungswechsel? Therapy-Andy-LiveAndy: Weißt du, wir sind Vollblutmusiker. Wir hören fast jede Musikrichtung und lassen alles auf uns wirken. Ich liebe Bands wie AC/DC, Ramones oder Motörhead und ziehe den Hut vor ihnen. Aber wir sind nicht so eine Band, die immer gleich klingen möchte. Wir würden schnell Däumchen drehen und wüssten vor Langerweile nichts mit uns anzufangen. Es ist uns egal, ob wir bei Konzerten vor 10 oder 2000 Fans stehen. Hauptsache wir sind mit Herzblut dabei. „We have to love what we do. “ Diese Einstellung kann aber sehr frustrierend für das Management oder die Plattenfirma sein, die eine ganz andere Meinung vertreten: „ Guuuuuuuys! Pleeeeeaaaase, record Troublegum Part Two! Pleeeeeeaaase!“ (alle lachen) Klar wäre die Platte bestimmt ein Verkaufsschlager geworden, aber wen interessierst es? Die Leute können stattdessen lieber Foo Fighters oder so hören. Dave Grohl hat sowieso viel schönere Zähne als ich! (lacht) Michael: Mit dieser Meinung werden wir ständig konfrontiert…aber ganz ehrlich, ich möchte nicht „Troublegum Part Four“ hören! Dieses eine Album existiert, es ist da! Hört es euch einfach an und liebt es! Einen Nachfolger wird es nicht geben. Wie war es für euch in Belfast aufzuwachsen und eine Band während dem Nordirlandkonflikt zu gründen? Hatten die Konflikte einen großen Einfluss auf euren musikalischen Werdegang? Neil: Eine schwierige Zeit war das…die uns stark geprägt hat…und ein Teil unseres Lebens wurde. Von der kreativen Seite aus gesehen, haben sich die Aufstände positiv auf THERAPY? ausgewirkt. Damals gab es nicht viele Plätze, an denen man sich aufhalten konnte. Die Anzahl der Bands war auch sehr gering. Plattenfirmen, Roadies oder sonstige Musikinfrastrukturen waren auch nicht vorhanden. Konzerte wurden nur gelegentlich veranstaltet, deshalb waren sie aber immer sehr gut besucht. Wir waren sozusagen auf uns alleine gestellt und komplett isoliert. Von dieser Situation profitierten wir sehr. Musstet ihr damals nebenbei noch arbeiten oder hat der Banderfolg euren kompletten Lebensunterhalt finanzieren können? Andy: Wir mussten nebenbei nie arbeiten. Unsere kompletten Einnahmen haben wir sorgfältig zurückgelegt und investiert. Wir haben uns eigentlich nie darum bemüht, dieses typische „Rock `n Roll-Image“ aufzubauen. Michael: Keiner von uns fährt einen roten Ferrari, ist mit einem Supermodel verheiratet oder pfeift sich irgendwelche Drogen rein. Das passt nicht zu uns und war auch nicht die Absicht unserer Bandgründung! Welches war die kurioseste Situation, in der ihr gehört habt, dass eine CD von euch gespielt wurde? Therapy-NeilNeil: Oh, da hab ich eine! (lacht) Es ist schon ein wenig her…Wir waren in Newcastle zufällig in einem Pub und da hat eine „THERAPY? Tribute Band“ gespielt! (lacht) Andy: Ich glaube es war damals zur Weihnachtszeit…Wir sind in diesen Pub gegangen, um ein Bierchen zu trinken und da hing ein Poster von uns, wo drauf stand: „Heute Abend, THERAPY? Tribute Band. Live!“ Das war schon eine bizarre Situation! (lacht) Neil: Ich würde mir noch mal wünschen einen Song von uns als Fahrstuhlmusikversion zu hören! Dann würde ich nur noch hoch und runter fahren und vor Lachen nicht mehr aufhören! Was habt ihr euch für die Zukunft vorgenommen? Andy: Wir versuchen solange wie möglich als Band unterwegs zu sein, bis wir nicht mehr können. Neil: Naja, das wäre heute ja fast nicht mehr möglich gewesen, weil wir uns im Park verlaufen und nicht mehr rausgefunden haben. Andy: Aber ihr habt uns ja zum Glück gerettet! (alle lachen) (alle Interview- und Live-Fotos von Zosse)