MAXIMILIAN HECKER – Interview vom 23.02.2010, Berlin

maximilian hecker 3_credit dirk mertenMAXIMILIAN HECKER und Murphy’s Law

Interviewtermin mit MAXIMILIAN HECKER in Berlin. Freundlich erzählt er einmal mehr die Entstehungs-geschichte seines neuen Albums “I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son” wie er in seiner Wohnung in den Gitarrenverstärker sang, weil im Studio zu großer Druck auf ihm lastete und er seine Gefühle in einer authentischen Aufnahme zelebrieren wollte, und wie sehr ihm der so entstandene Sound gefällt. Erzählt, dass er höchstens fünf gute Konzerte in seinem Leben gespielt hat, weil bei allen anderen 30% seines Bewusstseins immer auf das Außen konzentriert waren. Erzählt, dass ‘Gaslights’ und ‘Your Kingdom’ eigentlich der gleiche Song sind, den er für einen Theaterregisseur ausgearbeitet hat. Und erzählt und erzählt und erzählt. Und dann streikt das Aufnahmegerät, als er gerade ansetzt, den Titel des Albums zu erklären. “I Am Nothing But Emotion” ist klar, wo doch HECKER die Katharsis seines geschundenen Seins durch Musik anstrebt. Bei “No Human Being” streikt die Technik und nimmt erst nach Batterientausch und erneutem Soundcheck die Arbeit wieder auf. Der erste Teil des Interviews ist allerdings in den Weiten des digitalen Mülls verschwunden – so gibt es hier nur die zweite Hälfte. Ist aber auch interessant!

Christina: Wo waren wir gerade?

MAXIMILIAN HECKER: Beim Titel – warum kein menschliches Wesen… Weil ich glaube, dass alles körperliche und menschliche war für mich immer ein Widerspruch zum Gefühl. Und diese Rebellion gegen den Körper und das Über-Ich und die Vernunftsvorstellungen der Eltern und so weiter hat mich innerlich immer so befreit, dass ich mein Gefühl besser wahrnehmen konnte. Überhaupt fühlen konnte. Und in diesem Gedicht schreib’ ich von so einer Nacht, in der ich eben viel Gefühl hatte – das hat natürlich viel mit Schlafentzug und Rausch zu tun, und einer Frau, die ich getroffen hatte, und durch diese Melange hab’ ich mich sehr weit von meinem körperlichen Ich irgendwie entfernt. Und je mehr ich mich entfernt habe, desto mehr Gefühl hatte ich, und gleichzeitig – desto mehr Angst hatte ich auch. Das heißt, wenn ich durch diese… Wie soll man das sagen? Ich weiß auch nicht. Ist das schon ne Antwort gewesen?

Doch, schon. Du hast ja grad die Frau erwähnt, die du getroffen hast. Nana, ist das richtig?

Hab ich die schon mal erwähnt?

Nee, aber das steht zum Beispiel im Promotext und der Song ist ja auch über sie…

Ja, stimmt, ist richtig.

Kannst du sagen, inwiefern sie dich inspiriert hat zu diesem Lied?

(überlegt lange) Eigentlich nicht. So kann ich die Frage nicht beantworten.

OK

Sie hat’s halt. Pause.

Andere Frage?

Nee, ich überleg’ grad, was ich dazu sagen kann, aber mir fällt gar nichts ein. Oder meinst du die Frage anders? Was ist da passiert willst du wissen, oder?

Das kannst du auch gerne erzählen, wenn dir das lieber ist.

maximilian hecker album artworkEs war halt so’n Punkt an dem ich gemerkt habe, dass ich so nicht weitermachen kann mit der Musik, und dazu kam, dass ich auch nicht umgehen konnte mit dieser Idealisierung auf diesen Asien-Tourneen, weil die Bewunderung und dieses scheinbare Begehrtsein von den weiblichen Fans mich nur verwirrt hat und mir das Gefühl gegeben hat, ich bin nichts wert und hässlich. Das liegt daran, weil die ja nicht mich meinen, sondern irgendwas anderes. Und das kann eben dazu führen, dass man sich noch beschissener fühlt als vorher schon. Dann war ich in Tokio, um da vielleicht ein Label zu finden, also in Japan kennt man mich nicht, und ich bin da mit meinem Manager hin und wir wollten Leute treffen. Und in diesem Zustand hab ich dann auch diese Frau getroffen, die in ihrer Freizeit – ich glaub, sie ist eine Studentin, die eine Louis Vuitton Tasche kaufen wollte und dafür auf den Strich gegangen ist. Das macht man dort wohl scheinbar. Das ist ein Moment, in dem man sich so verloren fühlt und so weit von sich weg ist in der Rückschau. In der Rückschau können häufig auch traumatische Momente eine gewisse Größe haben. Man romantisiert es dann und sehnt sich mitunter vielleicht sogar nach diesem Leid zurück. Das ist auch so ein untersuchtes Phänomen, dass Menschen sehr gern nostalgisch sind und auch nostalgisch bezüglich schwieriger Situationen, weil man mitunter in Krisen auch was wichtiges mit einem passiert und man ein anderes Selbstgefühl, ein anderes Selbstbild hat, dass eine Krise eben auch was wichtiges sein kann. Dann war diese Nana – wie so ein Engel tauchte sie eben auf. Ich hab dann gemerkt, dass das gar kein so sexueller Wunsch war bei mir, sondern eher so ein Wunsch nach Nähe. Und ich kann jetzt eben nicht genau beschreiben, wie genau diese Begegnung dann mit dem Album und mit diesem sogenannten Verwesungsmodus zu tun hat, aber es war halt ungefähr zeitlich der Auslöser. Und nachdem ich dann zurück war in Berlin, hab ich eben das alles in Frage gestellt, was ich gemacht habe, und – das war kein Plan, aber ich hab mich dann eben befreit von dem, an was ich gelitten habe und hab begonnen mit der Straßenmusik und diesen unorthodoxen Aufnahmen.

Woher kommt denn eigentlich diese Verbindung nach Asien? Du bist da ja viel unterwegs und auch im April wieder auf China-Tournee.

Weil ich Glück hab! Lacht. Ich glaube, weil meine Musik dort intuitiv verstanden wird und der asiatischen Kultur relativ ähnlich ist. Ich glaube, diese gefühlsbetonten Sachen mit Tod und Liebe und das Melodramatische, das ist genau das, was da gerne gemacht wird und konsumiert wird. Und dann hatte ich vielleicht tatsächlich das Glück, dass mich einige der Labels in Asien – wann war das so? So 2003, 2002? – entdeckt haben. Ohne das Internet wär das, glaube ich, nicht möglich gewesen, aber heutzutage ist das natürlich die Verbreitungsmöglichkeit. Es gibt eben nicht viele, aber einige Labels, die westliche Indiemusik rausbringen. Die haben dann testweise erst mal was rausgebracht und das lief wunderbar. Und dann kamen immer mehr Länder dazu.

Also basiert die Verbindung zu den Ländern auf dem Erfolg, den du dort hast und nicht auf einer persönlichen Affinität.

Nee, nee, klar. Erst kam die Musik und der Erfolg.

Hast du dich damals eigentlich bewusst entschlossen, Englisch zu singen? War das auch Teil der Rebellion gegen das, was man kennt?

Eigentlich nicht. Ich hab Beatles, Simon & Garfunkel und so was gehört und wenn man dann was Eigenes macht, imitiert man natürlich nicht nur die Musik, sondern auch die Sprache. Eigentlich geht’s nur um Imitation und deshalb ist es Englisch geworden.

Ich hab ein lustiges Zitat von dir gefunden – ich fand’s großartig. 2006 hast du mal in einem Interview gesagt: „Ich möchte meine Promi-Geilheit dadurch befriedigen, dass ich selbst einer bin.“ Gilt das noch?

maximilian hecker 1_credit dirk merten_lowresDas ist nicht von 2006. Das ist bestimmt von 2001, als ich noch ganz jung war – sowas hätte ich 2006 nie gesagt. Es geht eher darum, dass ich relativ früh erkannt habe: Ich bin meinetwegen Fan von Kurt Cobain, damals ’94, und merkte aber, irgendwie genügt es doch nicht, nur die Musik zu hören. Man muss auch Musik machen oder man muss Kurt Cobain werden. Irgendwie ging meine Verehrung der Idole immer weiter, es hörte nicht bei der Verehrung auf. Ich dachte immer, ich muss ihnen noch näher sein, indem ich auch einer von ihnen bin. Und so muss man das auch lesen, sonst – „Promigeilheit“? Das ist ja grauenhaft. Das klingt wie so eine Bambi-Verleihung, wo man dann um Claudia Schiffer rumläuft, oder so.

Du sagst, du versuchst dich von den ganzen äußeren Zwängen zu befreien, auch mit deinem neuen Album. Aber je bekannter man wird, desto größer wird doch der Druck von außen. Wird das denn wirklich weniger, einfach nur dadurch, dass du deine Musik veränderst oder die Art, wie du deine Musik spielst?

Och, damit hat das gar nichts zu tun. Das ist einfach ‘ne Frage der Einstellung. Erst mal wissen wir ja nicht, ob ich bekannter werde und ich glaube nicht, dass ich mich da beeinflussen lasse. Das was ich mache, ist ja auch nicht so abwegig jetzt. Es gibt ja auch Sachen, die vielleicht wirklich, auf eine gewisse Art und Weise, rebellisch sind. Das ist nicht ‘ne Frage danach, wie berühmt ich bin, sondern wie gereift ich bin und wie ich dann damit umgehe.

Was auch in dem Promotext stand war, dass du der Liebe eine Absage erteilt hast. Trotzdem ist das noch ein großes Thema auf dem Album.

Ja, in meiner Musik geht es immer um Liebe, und alle Liebe, die ich habe, ist in meiner Musik. Und deshalb ist sie nicht im Alltag. Das ist leider ungleich verteilt. Ich habe genauso wenig Liebe, wie ich viel Liebe in meiner Musik habe.

Diese ganzen Emotionen, die du in deine Songs reinpackst, möchtest du die auch an den Hörer herantragen? Sollen die auch diese Katharsis erfahren, die du durch diese Gefühle erlebst?

Die Zuhörer oder Zuschauer sollen gar nichts. Wenn die Leute sich angesprochen fühlen, ist gut, aber eigentlich gibt es Zuhörer für mich erstmal nicht. Ich hab mich damit auch nie so richtig befasst, wer das ist und warum und überhaupt. Ich kann nicht behaupten, dass ich da mit anderen Leuten was zu tun hätte, was meine Musik angeht. Ich bin da jetzt nicht so, dass ich da jemandem was mitteilen will.

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