Es ist der 29. Juli 2010. Wir sind in Hildesheim, einer knapp 100.000 Menschen Stadt irgendwo mitten in Niedersachsen. KETTCAR werden heute Abend eines ihrer wenigen Deutschland-Konzerte geben, zu dem noch das vorletzte Konzert mit Drummer Frank. Die Location, das Vier Linden, eine Kneipe mit angeschlossenem Festsaal, man ist überrascht, dass es keine Kegelbahn gibt. Doch sie versprüht einen gewissen Charme, statt Becks trinkt man hier Einbecker. Schon auf dem Parkplatz fällt auf, dass nicht nur Hildesheimer zugegen sind. Die Autokennzeichen kommen von Dortmund bis München, ich bin ein bisschen beeindruckt. Obwohl es noch Restkarten an der Abendkasse gibt, ist der Saal  gut gefüllt. Tim Neuhaus mit Band gibt die Vorband, man hört zu, vor der Bühne herrscht reger Betrieb. Irgendwann dann nach der Umbauphase geht das Licht aus, das Publikum wird unruhig nervös, klatscht vorfreudig. Die Bühne wird in blaues Licht getaucht und als die Band endlich erscheint, bricht man in tosenden Applaus aus. Man hat das Gefühl, den wenigsten sind diese fünf Gesichter unbekannt. Textsicher wird der Opener ‚Kein Außen Mehr’ mitgesungen. Nach ‚Graceland’ wird es plötzlich still auf der Bühne. Eine akustische Gitarre scharrt und Markus verrät uns, dass es gute und nicht so gute Gründe gibt, deine Stadt zu verlassen. ‚Mach immer was dein Herz dir sagt’ wird dann nur noch allein von uns gesungen und ich glaube, ein wenig Ergriffenheit in den Augen der Band zu erkennen. Nach ‚Nullsummenspiel’ folgen gleich vier Songs von „Du und wie viele von deinen Freunden“. Wir werden mit ‚Money left to burn’, ‚Jenseits der Bikinilinie’ und ‚Balkon gegenüber’ an den Rand der Ekstase gebracht, als dann auch noch ‚Landungsbrücken raus’ folgt. Jetzt gibt es kein Halten mehr, es wird endlich gehüpft und gesprungen und getanzt und um sein Leben geklatscht. Wir kommen kaum zum Ausruhen, werden wir doch bei ‚Stockhausen, Bill Gates und ich’ gerade zu zum Mitsingen aufgefordert und unsere Technik perfektioniert. Auch bei ‚Im Taxi weinen’ bricht die euphorische Stimmung nicht ab und nach ‚Tränengas im High-End-Leben’ werden wir aufgefordert, noch einmal alles an Applaus rauszuholen, was wir haben. Was wir auch tun (Zitat Reimer Bustorff, „Die waren richtig laut. Das solltest du schreiben“). Dann kommt noch ‚Ich danke der Academy’ und schließlich werden wir mit ‚Am Tisch’ unter Trompete und Akkordeon in die obligatorische Pause vor der Zugabe entlassen. Diese ist grade lang genug, um zur Theke zu sprinten und sich ein neues Einbecker zu gönnen, bevor es energetisch mit ‚Deiche’ weiter geht und ich hinter mir so etwas wie Pogo entdecken kann. Bei ‚Genauer betrachtet’ lassen sich die Mitsingenden im Publikum nur noch vereinzelt ausmachen, was wohl daran liegt, dass der Song auf keiner Platte enthalten ist, allerdings nicht neu ist, sondern geschrieben wurde, als KETTCAR sich gerade gründete. Was viele bei ‚Ausgetrunken’ dann aber zum Anlass nehmen, noch einmal alles zugeben und zu beweisen, dass auch sie Fans sind. Dann wird sich verabschiedet und für eine kurze Schrecksekunde glaube ich, dass KETTCAR es sich wirklich erlauben ‚Balu’ nicht zu spielen, bis mich meine Freundin auf die wieder bereitgestellte Akustikgitarre aufmerksam macht. Die Minuten bis Markus Wiebusch wieder auf die Bühne kommt sind trotzdem sehr quälend. Doch dann ist er wieder da und er erzählt uns, wie er vor vielen Jahren diesen Song zum ersten Mal live spielte, und das in Hildesheim. Wie alle ganz still waren und zuhörten und bei der Romeo und Julia-Stelle klatschten und er dachte, das könnte was sein. Still ist diesmal niemand und ich bekomme ein bisschen Gänsehaut, als der komplette Saal singt. Dann geht das Licht aus, Markus ist verschwunden und die Pfiffe und der Applaus werden noch morgen in meinen Ohren schmerzen. Doch das war es absolut wert. (Alle Fotos von Feli H.)