Eine Nacht mit „Troublegum“ - THERAPY? im Herzen von Kreuzberg Kennt ihr das, wenn ihr eine CD in den Spieler legt und der Playknopf startet die Zeitmaschine, die euch zurückbringt in eine längst vergangene Zeit. Bei mir startet alleine die Vorfreude auf den heutigen Abend bereits die Maschine, die mich zurückbringt in meine Oberstufenzeit. Ich sehe Sommer, den guten Hohnsensee im verschlafenen Hildesheim, den alten Honda Civic und die Fahrten mit den Kumpels zu sämtlichen Punkrock-Konzerten, die man mit dem gerade mal wieder nur halbvollen Tank erreichen konnte. Warum? Heute Abend laden die Jungs von THERAPY? zur Live-Interpretation ihres erfolgreichen Albums „Troublegum“, welches 1994 erschien und heute noch von vielen als eines der Rockalben der 90er Jahre gehandelt wird. Und das Ganze im Herzen von Berlin- Kreuzberg im altehrwürdigen Musikclub SO36, unweit des Kottbuser Tores. Meine Vorfreude ist heute ganz besonders groß. Mir blieb es bisher immer verwehrt, die Kultband live zu erleben. Gerade letztes Jahr spielten sie im Vier Linden meiner Heimatstadt Hildesheim und ich konnte wegen einer erzwungenen Verabredung mit meinem Arbeitgeber nicht dabei sein. Aber jetzt heute, nach einigen harten Arbeitstagen, ist es endlich soweit: Das SO36 in der Oranienstraße ist ein traditionsreicher Musikclub, welcher sich bereits in den 80ern zu einem Westberliner Zentrum der Rock- und Punkszene entwickelt hat, mit Auftritten von Slime, den Dead Kennedys und den Einstürzenden Neubauten. Das ganze natürlich damals Kreuzberg-like - einschließlich Räumung durch die Polizei aufgrund von Konzertverlagerungen auf die Oranienstraße mit integrierter Straßenschlacht. Im Inneren ist der Club so geradlinig und direkt heraus, wie der Hauptact des heutigen Abends - und in einer angenehmen Größe. Keine Ecken und Kanten, ein langer Raum mit der Bühne an einem Ende und der Theke für das obligatorische Berliner Pils im Eingangsbereich. Um kurz nach 21 Uhr betritt die Vorband Earthbend die Bühne und hat das Publikum schnell im Griff. Die ersten Pogos werden getanzt. Die Lokalmatadore aus Brandenburg spielen Rockmusik, die stark von den Klassikern der Siebziger beeinflusst ist und sind mittlerweile mit ihrem vierten Album am Start. Optischer und akustischer Mittelpunkt des Auftritts ist der halbnackte Drummer, der sich mit seinem Schlagzeug im Zentrum der Bühne positioniert und sich für den heutigen Abend vorgenommen hat, sich in eine andere Dimension zu trommeln. Da können Gesang und Gitarre schon mal zur Nebensache werden. Mehr über die Jungs wie üblich unter myspace.com (klickt den Bandnamen) Nach kurzer Pause und Füllung des Musikclubs mit Gleichgesinnten ist es um 22:05 Uhr endlich soweit: Die drei Iren betreten die Bühne und legen los, wie ich es mir erwünscht hatte. Da die drei ihre „Troublegum“-Tour ernst nehmen, wird die Kultplatte, die in keiner guten CD-Sammlung fehlen sollte, einfach eins zu eins in originaler Reihenfolge wiedergegeben. Wer das gute Stück sein Eigen nennen kann, weiß, dass sie mit dem Kracher ‚Knives’ beginnt. Das Niemandsland, das sich noch bei der Vorband zwischen dieser und der Menge befunden hat, ist Geschichte. Es gibt einen Ruck nach vorne bis zum Bühnenrand und sämtliche Berührungsängste sind verschwunden. Der Opener schlägt ein wie eine Bombe. Jede Textzeile wird von meinen Mitstreitern und mir mitgegrölt und die ersten Kreise bilden sich in der Menge und laden ein zum wilden Pogo. Das erste Stück geht nahtlos in ‚Screamager’ über, welches die Masse endgültig zum Toben bringt. Eine Pause gönnen einem die Nordiren nicht. Bei ‚Nowhere’ ist es nun wirklich geschehen. Man hat das Gefühl, die Jungs haben soviel Spaß wie schon lange nicht mehr und die Marihuana-geschwängerte Luft scheint zu kochen. Eingeleitet wird das Stück übrigens von der Rockvariante des Beatles-Klassikers ‚Nowhere Man’. Bei ‚Unbeliever’ gibt es ein großartiges Gitarrensolo von Andy Cairns, welches in den Kracher ‚Trigger Inside’ übergeht. Zwischendurch gibt es immer wieder Handshakes mit Andy und seinerseits lautstarke Liebesbekundungen für die Stadt mit dem Bären. Überhaupt haben die irischen Rocker unglaublich viel Energie auf der Bühne und lassen es ordentlich krachen. Weiteres persönliches Highlight ist ‚Femtex’. Die Menge hat wie ich seine Hausarbeiten gemacht, die Booklets wurden in den 90ern aufgesaugt und das Langzeitgedächtnis ist ja bekanntlich das Entscheidende. So dreht Andy Cairns den Mikrofonständer zur Menge, begnügt sich mit seinem Instrument und aus ungefähr 400 Kehlen hört man: „Masturbation saved my life…“ Die Vorstellung endet im Sinne des Studioalbums mit ‚Brainsaw’ und die Jungs verlassen so schlagartig die Bühne, wie sie diese betreten haben. Aber die Menge ist außer Rand und Band. Das Konzertplakat versprach „Troublegum“ and More und genau dieses More wird jetzt mit minutenlangem Beifall eingefordert. So kehren die Drei zurück und weiter geht die Reise. Es folgt unter anderem ‚Stories’ vom Nachfolgewerk „Infernal Love“. Zwischendurch wirbt Andy Cairns für sein schönes Heimatland und startet im Publikum eine Abfrage, welche Stadt die schönere sei. Zur Wahl stellt er Dublin und Belfast und hat die Menge schnell auf seine Art von der nordirischen Hauptstadt überzeugt. Als einer der wohlgemerkt männlichen Besucher Andy lautstark seine Liebe bekundet und ihn fragt, ob er mit in sein Hotelzimmer darf, lässt dieser die dreckigste, irische Lache erklingen, die ich jemals gehört habe. Weiter geht es mit ‚Teethgrinder’ vom 92er Album „Nurse“, welches das Ende einer langen Zugabe bildet. Nach insgesamt 1 3/4 Stunden (!!!)  gehen die Jungs offensichtlich glücklich und zufrieden um 23:50 Uhr von der Bühne. Beendet wird der Auftritt mit den Worten: “Berlin, we fucking love you, see you next year.“ Also, man darf gespannt sein. Wer die Rebellen noch nicht gesehen hat, von mir gibt es ein ganz klares: Hingehen!!