Samstag, den 20.11 war es endlich soweit. TURBOSTAAT spielten in der näheren Umgebung. Nachdem ich es aus organisatorischen Gründen nicht geschafft habe, mir den Auftritt am 18.11 in Braunschweig anzusehen (sag doch ruhig, dass die es vor Ort verkackt haben mit der Gästeliste! – Zosse), war ich umso erfreuter, dass ich noch eine zweite Chance in Hannover bekam. Gesagt, getan. Ab ins Auto und rennfahrermäßig über die Autobahn gebraten. Man wollte ja rechtzeitig da sein. Nachdem ich dann aber in den Stadtteil Linden eingebogen war, verwarf ich den Gedanken mit dem pünktlich da sein ganz schnell wieder. Parkplatz? No way! Nach einer gefühlten Ewigkeit fand sich aber Gott sei Dank eine Parkmöglichkeit (so ging es mit letzte Woche bei Melissa auf der Maur auch! – Zosse) und ich musste nur noch ein paar hundert Meter laufen, bis ich endlich meinen Bestimmungsort, das Kulturzentrum Faust, „just in time“ betreten konnte. Um 21 Uhr sollte das Ganze starten, ich hatte noch genügend Zeit, mich meiner Jacke zu entledigen und mir eine Imperialisten-Brause zu besorgen. Da die Halle noch recht überschaubar gefüllt war, suchte ich mir einen Platz relativ weit vorne und wartete auf die Vorband, die jeden Moment anfangen sollte zu spielen. 21.20 Uhr war es dann soweit. HIER KREPIERT betraten die Bühne und bei dem, was sich in den nächsten 45 Minuten vor meinen Augen abspielte, wusste ich nicht ob ich lachen oder weinen sollte. Der Name der Band lässt auf rotzigen Deutschpunk der Marke „Deutschland verrecke“ schließen. So weit so gut. Der Punk war da und auch die Texte erfüllten die Erwartungen. Doch für das, was der Frontmann auf der Bühne abzog, fehlen mir fast die Worte. Der in Jeans und Jeanshemd gekleidete Mittvierziger war definitiv auf allen Drogen, die er sich vor dem Auftritt nur reinziehen konnte. Mit Mühe konnte er sich auf den Beinen halten, der Mikrofonständer wurde kurzerhand als Stützstock missbraucht, während er apathisch an die Decke starrend seine Vocals ins Mikro brüllte. Da seine Bandkollegen die Performance ganz gelassen mit ansahen, kann davon ausgegangen werden, dass das wohl sein Normalzustand ist. However, als Vorband erfüllten sie trotzdem ihren Zweck. Die mittlerweile gut gefüllte Halle wurde ordentlich eingeheizt und erste Pogos wurden getanzt. Nachdem der Drogenbaron auf der Bühne sämtliche Setlisten in der Hand zerrissen und seinen Gitarristen fast umgetreten hatte, verließen HIER KREPIERT wieder die Bühne. Der Auftritt war wirklich mehr als strange! Aber man war ja auch wegen einer ganz anderen Band an diesem Abend dort versammelt. Nach einer kurzen Umbaupause war es dann um 22.15 auch endlich soweit. TURBOSTAAT, der Fünfmaster aus Flensburg, war den weiten Weg bis nach Hannover gesegelt, um hier an Land zu gehen und alles zu verwüsten. Und genau das taten die fünf Jungs auch. Nach einem kurzen Intro entfesselten sie einen Sturm der seinesgleichen sucht. Von der ersten Minute an war die Band präsent und eröffneten mit ihrem Schlachtruf ‚Husum verdammt!’ das Konzert. ‚Surt & Tyrann’, von dem aktuellen Album „Das Island Manöver“, wurde ohne Pause nachgeschoben und Sänger Jan Windmeier hatte die tobende Menge mit seinem aggressiven Sprechgesang voll und ganz in der Hand. War ich schon beeindruckt, was am 08.11.2010 bei der Imperial Never Say Die-Tour in Hamburg vor der Bühne abging, so wurde das von dem TURBOSTAAT-Publikum nochmal ordentlich getoppt. Dickster Mosh würde ich sagen! Extrem textsicher untermalte die Menge Jans Gesang. Am eindrucksvollsten wurde dies bei der Textzeile „hört sich traurig an? Ist es auch!“ von dem großartigen Song ‚Fraukes Ende’ unter Beweis gestellt, bei dem sich wirklich jeder der Anwesenden die Seele aus dem Leib schrie. Mit einem solchen Publikum konnte man sich auch kleine Textpatzer wie bei ‚Ufos im Moor’ erlauben. Die Stimmung war mittlerweile mehr als am kochen und etliche Crowdsurfer versuchten ihr Glück, auf entspannte Art und Weise zum Bierstand zu gelangen. Erstaunlicherweise klappte das sogar.........fast (Aua). Auch TURBOSTAAT konnten ihre Begeisterung für das extrem abfeiernde Publikum nicht verbergen. Jan warf im Sekundentakt Handküsse ins Publikum und Gitarrist Rotze zog kurzerhand die Schuhe(!) an, die jemand verloren hatte. Man merkte sofort, dass die fünf Flensburger sich auf kleineren Bühnen am wohlsten fühlen. Im Sommer hatte ich die Gelegenheit, sie auf dem Open Flair-Festival zu sehen, auf einer mehr als doppelt so großen Bühne, vor zehnmal so vielen Menschen. Das war kein Vergleich zu dem Auftritt in der Faust. Dieser Auftritt war einfach nur grandios. Nach zahlreichen Stücken von den drei Vorgängeralben, wurde mit ‚Harm Rochel’ das vorerst letzte Lied angekündigt. Dementsprechend wurde danach lauthals eine Zugabe eingefordert, die das schweißnasse Publikum auch sofort bekam. TURBOSTAAT ließen es sich nicht nehmen, für zwei Zugaben zurück zu kommen und dem Volk noch einmal alles abzuverlangen. Mit dem letzten Song ‚Kussmaul’ stand die gesamte Halle Kopf. Wirklich jeder war am Ausrasten und bei dem nochmals angespieltem ‚Husum verdammt!’, gab es ein letztes Aufbäumen der Menge, so dass Sänger Jan noch das Eierphone rausholte, um diesen Moment festzuhalten. Mit dem letzten Ton hatte sich der Sturm wieder gelegt, die See war glatt und ruhig, TURBOSTAAT hatten das Meer gezähmt und konnten sich aufmachen, die nächste Stadt zu bereisen, um dort erneut ein Unwetter aufziehen zu lassen. Die Jungs haben eines der besten Konzerte abgeliefert, das ich je gesehen habe. Die Spielfreude, die sie an den Tag legten, wie sie das Publikum in der Hand hatten, wie sie sich selbst komplett verausgabt haben, war unbeschreiblich. Leider ist jedes Konzert einmal zu Ende, so auch dieses. Hört sich traurig an? Ist es auch!