(Island Records) Über die Jahre genoss Polly Jean HARVEY den Status eines – um nur die positiven Elemente zu nennen – weiblichen Nick Cave Englands, und konnte, wie auch immer der Charakter ihrer doch selten zugänglichen Alben ausschlug, sich auf eine stets loyale Fanbase stützen. Mit ‚Down By The Water’, Gastbeiträgen auf Queens Of The Stone Age-Frontmann Josh Homme's „Desert Sessions“, oder der Gänsehautballade ‚Henry Lee’ -obgleich die Nick Cave-Dominanz nicht zu überhören war-, probierte sich die gebürtige Britin immer wieder neu aus. Die kantige, immer etwas nervöse Art ist und bleibt aber ein Markenzeichen der knochigen Frau mit dem großen Mund. Was also ist wirklich neu an „Let England Shake“? Nun, Leute, es ist ein Konzeptalbum. Ja, es geht (wer hätt's geahnt) um England, um Krieg (und seine Folgen) und Niedergang, over and over again. Über diesen, alle drei doch sehr tristen Thematiken, schwebt die entfernte, ungewöhnlich sanfte Stimme von PJ HARVEY, die sonst immer einen eher verkaterten Eindruck macht, auch auf der Bühne. Und obgleich die mit Trompeten und anspruchslos tanzbaren Drums unterlegte Melodei auf „Let England Shake“ niemals aggressiv wird, ist die Platte mit einem wütenden „Warum?“ gestempelt, das sich in den unbarmherzigen Texten offenbart: „So our young men hid with guns, in the dirt and in the dark places“. Manchmal kontrastieren Musik und Gesang dermaßen hart zum düsteren Inhalt, dass es dem Hörer Schauder den Rücken runterjagt (höre ‚England’). ‚The Words That Maketh Murder’, im Video mit einem Outtake und dann genuschelten „Oh bugger..“ von PJ beginnend, baut sich aus, zu einem ausgewachsenen Song mit Rock'n Roll-Groove, Trompeten, Baritonsaxophon und einer kessen Anspielung auf Eddie Cochran’s ‚Summertime Blues’ („I gonna take my problems to the United Nations“). Ohne Zweifel der beste Track auf der Platte. Dass die Künstlerin auf „Let England Shake“ nicht in die stets gefährlich nahen Gefilde der Antikriegsplattitüde abdriftet, sondern mit einem Todernst und gekonnt geschwungener Künstlerfeder reale Antipathie und fast an Designation grenzende Traumatisierung intoniert, sollte eigentlich nicht überraschen, sonst wäre PJ HARVEY nicht die Genia, die sie ist. Aber weil fast jeder Künstler in die Falle der polierten Kriegskritik tappt, dürfen wir noch mal ehrerbietig den Hut vor ihr ziehen, denn die Dame schafft etwas ganz Entscheidendes: Sie wird nicht zynisch oder, wie World Aid-Parolen es leider immer sind, unerträglich irrational. Vielleicht ist es den Produzenten John Parish und Ex-Bad Seeds Mick Harvey zu verdanken, dass „Let England Shake“ etwas zugänglicher ausfällt als „To Bring You My Love“ oder „White Chalk“. Etwaige klangliche Verwandtschaft zu anderen hervorragenden Bands, namentlich 16 Horsepower (ebenfalls John Parish) und Eels, dienen als große Höreinstiegshilfe zu diesem Album. PJ HARVEY hat sich jedenfalls nicht, wie man heute gerne sagt, „neu erfunden“ (was auch immer das bedeuten soll), sondern tiefere Spuren in ihren geradlinigen Weg getreten, was in diesem Fall auch nicht verkehrt war. Von gestromt.de gibt es daher fünf von sechs Blitzen Album-VÖ: 11.02.2011