Eine neue OPETH-Scheibe ohne Growls - geht das überhaupt? Da läuft endlich die neue OPETH-Scheibe „Heritage“ und ich war sehr zwiegespalten, da ja im Vorfeld schon rauskam, das Mikael Åkerfeldt komplett auf seine markanten Growls verzichtet hat und nur noch clean singt. Auf den alten Releases war gerade die Dynamik der Stimme ein besonderes Highlight und auch Markenzeichen der Band. Ok, erster Durchlauf... das Intro ist auch gleich der Titeltrack, der rein auf Piano und Bass basiert - feinste musikalische Kost. Dann bricht ‚The Devil's Orchard’ los, welchen OPETH ja schon auf einigen Sommerfestivals vorgestellt haben. Die nun folgenden Songs brennen sich geradezu in dem Herzen fest. Was für ein geiles Album. Nach dem ersten Anhören habe ich von den 9 Songs (Intro mal nicht mitgezählt) fünf Songs mit 5 Sternchen bewertet, von denen besonders die Songs ‚Häxprocess’, ‚Famine’, ‚Nepenthe’ und ‚The Lines In My Hand’ besonders herausragen - sehr guter Schnitt. Kurz durchschütteln, zurücklehnen und die Runde 2 einleuten. Die Songs fräsen sich beim zweiten Hören richtig in den Schädel. Ein akustischer Orgasmus... Die Produktion zeigt, dass man auch in heutigen Zeiten mit non-digitaler Technik ein Überalbum aufnehmen kann. Hier ist nichts totkomprimiert oder übersteuert, nein im Gegenteil - solch einen Dynamikumfang hat man im Rockbereich schon Ewigkeiten nicht mehr gehört. Man vernimmt den leichtesten Glockenschlag, Kinderlachen hinter glasklaren Akustikgitarren, panische Frauenschreie im Hintergrund. Das wirkt teilweise wie ein Hörspiel-Krimi-Musical. Hammergeil. Und neben den ganzen Soundspielereien und selten gehörten Instrumenten, ballern OPETH natürlich auch wie gewohnt Doublebass Salven zu passenden verzerrten Gitarrensounds. So, und nun eine Liebeserklärung: Nach dem zweiten Anhören ist mein absoluter Fave ‚Famine’. Ein Hochgenuss für jeden Prog-Fan. Panflöten und Congas bringen einen langsam in Stimmung. Auch hier sind die Geräusche sehr gezielt gewählt. Sturm... monsterartiges Gelächter... leichtes Klopfen und Türknarzen... Moment, bin ich in einem Gabriel Burns-Hörspiel??? Nach 1:26 sind überraschend alle Geräusche verschwunden und es geht nahtlos weiter mit Piano und Streicher. Gesang setzt ein... sehr melancholisch. Bevor man aber denkt, dass man es hier mit einer 08/15 Ballade zu tun hat, leitet nach fast 3 Minuten ein Gitarrensolo ein teuflisches Intermezzo ein, welches sich bei Minute 5:00 in ein schwerfällig getragenes Monster verwandelt. Geile Riffs, fette schleppende Drums und dazu ein Panflöten-Solo, das einen an vergangene Psychotic Waltz-Tage denken lässt. Durchatmen... so wie ‚Famine’ hat jeder Song seine persönliche Soundkulisse und Elemente, die es für jeden Hörer selbst zu erkunden gilt. Es fällt absolut kein Song negativ heraus, jeder ist ein musikalisches Kunstwerk. „Heritage“ ist in erster Linie ganz klar Musik für Musiker! Aber OPETH werden mit diesem Schmuckstück garantiert auch neue Fans auf Ihre Seite ziehen. Nun fehlt ja noch die Beantwortung der Überschrift. Die Cleanstimme von Mikael Åkerfeldt ist ja für den OPETH-Fan nichts Neues. Aber sie passt jetzt auf „Heritage“ viel besser zu Songs. Und ich muss ehrlich sagen, ich habe die markanten Growls kein einziges Mal vermisst. Dieser fette Endsiebziger-Jahre-Sound mit den klaren Gitarren-Sounds ... das haut einen echt um. Und allen, die beim gemeinsamen Liebesspiel immer noch die alten Type O Negative-Schreiben auflegen... nehmt doch ab sofort „Heritage“. Das ist der ultimative Soundtrack für die Kinderproduktion!!! Fazit: Jede Band möchte sich weiterentwickeln und OPETH haben mit „Heritage“ einen sehr großen Schritt gewagt, den anderen Bands das Genick brechen würde. Man sollte die fehlenden Growls von Herrn Åkerfeldt einfach mal als reines Instrument ansehen. Dieses ist nun rausgefallen, aber das Riesensortiment an neu dazugekommenen Instrumenten, gleicht dieses Manko gleich mehrfach aus. Dazu die fette Old-School-Produktion. Und auch die Die-Hard-Death-Metal Fraktion wird dieses Album lieben. Das einzige Fragezeichen, welches bleibt - wie werden OPETH die neues Songs auf der Bühne umsetzen? Vom Band? Gastmusiker? Wir werden es im November erfahren. Wir sehen uns vor Ort! Kleiner Tipp zum Schluss - solltet Ihr Euch „Heritage“ zum ersten Mal anhören, benutzt Kopfhörer - und Ihr werden Töne wahrnehmen, von denen die meisten Metaller nicht mal wissen, dass es sie überhaupt gibt. Progressive Rock / Metal vom Allerfeinsten. Und der Albumtitel „Vermächtnis“ wird diesem musikalischen Hochgenuss mehr als gerecht. Album-VÖ: 16.09.11