An 4LYN scheiden sich seit jeher die Geister: Viele sehen die deutsche Band, die auch ihre MTV-Phase hatte, als durchschnittliche Poser, aber sie haben auch eine unerschütterlich feste Fanbase. Obwohl ich meine halbe Jugend auf ihren Konzerten verbracht habe, bin ich am Mittwochabend sehr aufgeregt, ob die Band mich nach ihrer 3-jährigen Tourabstinenz noch immer überzeugen würde, weil ich inzwischen natürlich viel kritischer geworden bin. Der Support mit Namen Der Schulz lässt auch gleich „Schlimmes“ vermuten: Deutsche Texte und ach so gewichtige Themen. Genauso ist es dann auch während des halbstündigen Auftritts, den Der Schulz mit seinem Kollegen Dr. Hagen (genau) aus Weimar unplugged mit zwei Gitarren bestreitet. Seichte Songs wie ‚Die wahren Asis (seid ihr da oben)’ lassen nicht gerade Rock'n'Roll Stimmung aufkommen. Ehrlicherweise muss aber erwähnt werden, dass Der Schulz neben einem sehr cleveren Logo mit einer ausgezeichneten Stimme und der Fähigkeit, sie zu nutzen gesegnet ist, wer also deutschen Gesang und Singer / Songwriter-Musik mag, wird hier wirklich auf seine Kosten kommen! Als 4LYN-Vorband wirkt der Hannoveraner (und sein Kumpel aus Weimar) aber deplaziert. Dementsprechend groß ist die Freude, als 4LYN nach kurzem Intro mit ihrer alten Single ‚One Love’ loslegen. Weiter geht es nach ‚One, Two, Three’ mit einem neuen, überraschend tanzbaren Song ‚Someone's Got To Do It’, der live sehr gut ankommt. Es folgt eine Mischung aus vergangenem und einem weiteren neuen Song. Bis zu diesem Zeitpunkt ist das Konzert nett, aber hat für mich noch nicht gezündet. Bei ‚Hello’ springt der Funke aber über und daraufhin wird ein Live-Hammer nach dem anderen rausgehauen. Darunter ist für mich eindeutig auch der neue Song ‚10 Minutes Ago’. Diese langsame Nummer kommt zwar nicht auf Anhieb bei allen an, ist aber ein unglaublich intensives, nachdenkliches Stück, bei dem Sänger Ron zeigt, dass er gar nicht immer schreien muss, um Gefühle zu vermitteln. Dass die Hamburger auch ruhige Songs nicht zu scheuen brauchen, zeigen sie mit dem wunderschönen ‚Even’ erneut. Abgeschlossen wird das eigentliche Set mit ‚Nostalgia’, dann gibt es eine kurze Pause, das übliche Gebrüll und Geklatsche und schließlich die ersehnte Zugabe. Nach ‚Beautiful Waste’, das mich schon immer genervt hat, folgen die zwei von allen heißgeliebten Songs ‚LYN’ und ‚Pearls and Beauty’. Fazit: Ein vielseitiger Abend: Die Band musste erst in Fahrt kommen. Das Publikum habe ich bei 4LYN noch nie so zahm erlebt. Der Sound war noch nie so wunderbar klar (ich hoffe, das bleibt in Zukunft so!). Es gab keinerlei Rituale, die nach dem dritten Mal schon langweilig waren (‚Braveheart’/Wall Of Death, irgendein armes Mädel bei ‚Pearls&Beauty’ auf der Bühne) und die Band war einfach großartig authentisch. Verbindet man diese Eindrücke, sieht man das Potenzial für ein wirklich geniales Live-Erlebnis, das hoffentlich spätestens bei der vollen Tour zum neuen Album im nächsten Frühjahr zu erleben sein wird.