Zum letzten Mal 2011 trifft Extremsport (BMX und Skaten auf riesigen Rampen) auf Musik. Die TELEKOM EXTREME PLAYGROUNDS verabschieden das Jahr in Berlin mit einem glänzenden Finale. INCUBUS. Aber beginnen wir am Anfang. Während bei mir Bedenken bestehen, wie erfolgreich so ein Event trotz großer PR tatsächlich sein könnte, muss ich nachmittags im Velodrom feststellen, dass noch vor dem musikalischen Abschnitt des Tages die Ränge schon gut gefüllt sind. Vor der Bühne hingegen ist es noch ziemlich leer, als die Londoner Gruppe fiN samt cooler Gitarristin jene verfrüht entert.  Dazu kommt, dass der Altersdurchschnitt in den ersten Reihen bei 14 Jahren liegen dürfte. Aber früh übt sich. Die Band lässt sich davon nicht beeindrucken und spielt ihr knappes Set schnell durch. fiN ist hoch anzurechnen, dass sie relativ kurzfristig als Ersatz für die ausgefallenen Alkaline Trio spielen kommen und das Beste aus der Situation machen. Ihre Musik passt weniger in die Skaterwelt, aber wunderbar zu der, die man noch von INCUBUS erwartet, die gerade von fiN auf ihrer Europatour unterstützt werden. fiN's Songs sind leicht verrockt, sehr melodisch, größtenteils poppig und schaffen eine etwas melancholische Atmosphäre. Es wird offenbar eher auf Gefühl als auf Partystimmung gesetzt, was bei so einer Veranstaltung schnell langweilig werden könnte, aber für die Spannungs- und Vorfreudeerzeugung völlig ausreicht. ZEBRAHEAD verkörpern das genaue Gegenteil. Die Band ist in den fünf Jahren, seit ich sie zum ersten Mal sah, kein Stück gereift. Nun gut, vielleicht lieben ihre Fans ZEBRAHEAD genau dafür, dass sie niemals aus der Pubertät heraus- und über Fäkalhumor hinauskommen werden. Die Bühne ist im Inselstil gehalten, es gibt aufblasbare Palmen, Blumenketten und eine Tiki-Bar.  Als die Band (ebenfalls zu früh) gegen 18 Uhr „Aloha“ sagt und mit ihrem Song ‚Blackout‘ das Set eröffnet, beginnt auch im Publikum das Fest. Auf ihrer Seite der Absperrung besinnen sich ZEBRAHEAD vor allem auf ihre aktuellste Scheibe „Get Nice“, von der sie auch noch ‚Ricky Bobby‘ und gegen Ende den Titelsong zum „Besten“ geben. Zwischen den Songs wird (zu) viel geredet, getrunken und zum Mitsingen animiert. Das können die Jungs sicherlich gut, und wer die Band kennt, ist darauf vorbereitet. Die Frage ist jedoch, ob man sich bei so einem großen Event, das teilweise einer Familienveranstaltung gleichkommt, so vulgär wie immer benehmen darf. Eine entschärfte Version ihres Humors hätte auch genügt. Einlagen wie das Crowdsurfing im Schlauchboot  oder das Einladen in die Tiki-Bar machen auch Stimmung, obwohl sie völlig harmlos sind. Nach etwa 45 Minuten verabschieden sich die Kalifornier schließlich mit ‚HMP‘ und lassen trotz allem ein recht  aufgedrehtes, angeheiztes Publikum zurück. Niveau? Fehlanzeige! Zweck? Erfüllt. Schade, dass es noch gut zwei Stunden bis zum Headliner sind. Aber, wer schon einmal auf einem Festival war, weiß sich die Wartezeit zu vertreiben und im Vergleich zu dreckigen Zeltplätzen und dem Gestank von trockener Erde oder Matsch ist das Velodrom warm und gemütlich. Während der musikalischen Pause gibt es sowohl die Finals als auch die Siegerehrungen im Sport und im Anschluss wieder organisatorisches Chaos. Das auf INCUBUS wartende Publikum wird noch einmal aus dem Innenraum bugsiert, um nun doch die Rampen abzubauen. Hierbei  werden selten konkrete Ansagen gemacht, so dass viel Zeit verloren geht. Das Ende vom Lied ist, dass man dem Zeitplan schließlich tatsächlich hinterherhinkt, als INCUBUS etwas verspätet mit ‚Megalomaniac‘ endlich den Höhepunkt des Abends einleiten. Dann sorgt die Band für etwa 80 Minuten puren Zauber. Anders kann das perfekte Zusammenspiel von Sound, Gesang, Licht und visueller Technik nicht beschrieben werden. Es gibt nie stumpfes Scheinwerfergeflacker oder langweilige, nichtssagende Videos im Hintergrund der Band. Alles ist großartig aufeinander abgestimmt und schafft so eine magische, energiegeladene Umgebung zu der Hauptsache: der Performance. Bei dieser sieht man, dass wahre Profis am Werk sind. Jeder einzelne Musiker von INCUBUS wirkt wie ein Meister seines Instruments, sei es der unglaubliche Gitarrist Mike Einziger, DJ Kilmore oder Ben Kenney am Bass. Drummer Jose sitzt hinter einem Monument von Trommeln, die er zwar ungemein kraftvoll aber irgendwie dezent einzusetzen weiß und dann ist da noch Brandon Boyd. Das sagt schon alles. Jeder Fan im Zuschauerraum, egal ob männlich oder weiblich, hängt an den Lippen und der Stimme dieses außerweltlichen Mannes, der jeden noch so ungewöhnlichen und schwierigen Ton auf den Punkt trifft und das alles völlig mühelos und voller Herzblut wirken lässt. Dazu kommt die heute leider nicht mehr selbstverständliche Natürlichkeit, die jedes Bandmitglied auszeichnet. Niemand gibt hier vor ein „Rockstar“ oder etwas Besseres als sein Publikum zu sein. Einziger trägt ein braves Hemd und Pulli. Langweilig? Schwachsinn! Sowas ist einfach nur echt, hier geht es schließlich um Musik und jeder weiß das. Das soll nicht heißen, die Band, speziell Boyd, wüsste sich nicht zu inszenieren und Mittel wie Licht und Visuals zu nutzen. Keineswegs. Aber INCUBUS machen keine „Show“, die das Wesentliche überblendet. Was die Setlist angeht, spielen INCUBUS größtenteils Songs ihres aktuellen Albums „If Not Now, When?“, das ja wie die meisten neueren Alben nicht gerade ein Fanliebling ist, aber ich habe das Gefühl, dass sich heute niemand daran stört. Im Gegenteil, ich persönlich lerne einige Songs, die mir auf CD gar nichts gaben, erst richtig kennen. Zum Beispiel die Ballade ‚In The Company Of Wolves‘ entpuppt sich live als Traum. Zum Ausgleich bei all den ruhigen Liedern gibt es dann immer wieder neue und alte Kracher wie ‚Anna Molly‘ oder ‚Vitamin‘. Natürlich dürfen auch die großen kommerziellen Erfolge, also die Singles ‚Nice To Know You‘, ‚Wish You Were Here‘ und ‚Love Hurts‘ (in einer Akustikversion) nicht fehlen.  Als krönenden, brachialen Abschluss zeigen INCUBUS als Zugabe, dass sie das Rocken nie verlernen werden. Bei ‚A Certain Shade Of Green‘, dem Song mit dem einzigartig genialen Beat  vom Zweitwerk „S.C.I.E.N.C.E.“, kann wohl niemand still halten. Es wird auf allen Seiten noch einmal alles gegeben, bevor dann auch das Endstück ‚Tomorrow’s Food‘ wieder neue ungeahnte Schönheit entfaltet und den Abend erfüllt ausklingen lässt. Mit allen Höhen und Tiefen gebe ich dem musikalischen Teil dieser Veranstaltung  aufgrund des unglaublichen Glücksgefühls, dass er letztendlich beschert hat (was bei mir offensichtlich INCUBUS‘ Verdienst ist) die volle Punktzahl!