MANIC STREET PREACHERS, 24.04.2012, Huxleys Neue Welt, Berlin

Bevor sie sich zu einer angeblich zwei Jahre dauernden Pause zurückziehen, touren die MANIC STREET PREACHERS mit ihren „National Treasures“, also ihren Singles, noch einmal durch Europa und beehren dabei auch Berlin. Nicht auszudenken, wenn man so etwas verpassen würde. So finde ich mich um kurz nach 18 Uhr vor dem Huxleys ein, einer ehemaligen Varietébühne, was könnte besser zur Extravaganz der MANICS passen?

Vor der Halle haben sich auch schon einige Fans aus ganz Europa (Polen, Finnland, England) eingefunden und ich stelle fest, dass der Kreativität beim Konzertoutfit keine Grenzen gesetzt sind und doch dominiert der Leopardenprint. Was normalerweise lächerlich wäre, ist bei den MSP eben erlaubt und das ist auch gut so! Offenbar ist man sogar ganz anderes gewöhnt: „Where are your feather boas?“ fragt eine niedliche ältere Dame, die mit ihrem Gatten Urlaub in Berlin macht und ursprünglich aus Blackwood, der walisischen Heimat der Band stammt.

Wegen der Konzertbesucher, die alle möglichen Geschlechter, Altersschichten und Kleidungsstile vereinen und einfach interessant zu beobachten sind, sowie den Geschichten der vielen angereisten Fans vergeht die Zeit wie im Flug und so betritt bald die Supportband PEACE die Bühne.  Die vier Engländer passen stilistisch relativ gut zum Hauptact und erinnern mit ihrem düster-melodischen Sound ein wenig an Vampire Weekend oder ähnliche Bands. Sie bringen die undankbare Aufgabe würdig hinter sich und können hinterher vielleicht ein paar Fans mehr verbuchen. Mein Interesse haben sie jedenfalls geweckt. Je mehr man sich allerdings dem Auftritt der MANIC STREET PREACHERS nähert, desto aufgeregter wird man, sieht man doch bald eine britische Musikinstitution. Die Bühne wird immer hübscher, Marilyn Monroe, mehrere Glitzerbüsten und zwei im Discokugelstil-verspiegelte Tiere gesellen sich zu den LED-Kirschblütenbäumen im Hintergrund.

Dann geht um 21.15 Uhr endlich das Licht aus; DIE Band betritt die Bühne und legt sogleich mit der wunderschönen Ballade ‚Motorcycle Emptiness‘ los. Es folgt Klassiker auf Klassiker, „manche Songs werdet ihr mögen, zu manchen werdet ihr an die Bar gehen, zu manchen auf Toilette“ sagt Sänger James Dean Bradfield. Recht hat er, bei einer Art Best Of-Set kann man sicherlich nicht alle zufrieden stellen, aber das Publikum lässt keinen Zweifel daran, dass jeder Song immer irgendwem gefällt. Es herrscht durchweg gute Stimmung, es wird viel getanzt und mitgesungen, ohne dass jemals ein würdeloses Gedränge ausbricht. Solche Konzertbesucher muss man einfach lieben. Wir werden unter anderem belohnt mit dem traurigschönen ‚Ocean Spray‘, ‚Found That Soul‘, dem schnellen ‚Revol‘, das dem Genie Richey Edwards gewidmet wird und dann folgt das unglaubliche ‚A Design For Life‘.

Bei den ruhigeren Songs wie ‚There By The Grace Of God‘, leuchten die Blüten der Kunstbäume im Hintergrund. Kitschig, aber stimmungsvoll. Das gleiche gilt vermutlich für Bassist Nicky Wires Aufmachung: Mit Glitzeraufklebern im Gesicht und Federboa am Mikrophonständer könnte man sich über den erwachsenen Mann wundern, aber solche Gedanken kommen irgendwie gar nicht auf. Man hat das Gefühl, jeder dürfe wie er mag und wenn Herr Wire glücklich ins Publikum lächelt und man ihm ansehen kann, wie sehr er den Auftritt genießt, geht einem sowieso das Herz auf.

Es macht Freude, eine Band zu sehen, die nach so langer Zeit ohne jegliche Allüren ihren Erfolg und ihre Fans zu schätzen weiß. Es werden die Bandmitglieder vorgestellt, die sowieso jeder kennt und Livegitarrist Wayne Murray. Dazu gibt es einige Anekdoten zwischen den Songs, gutgemeinte Deutschversuche von Wire, wenn zum Beispiel der Titel ‚Faster‘ mit „Schneller, schneller“ angekündigt wird. Als sie schließlich mit ‚You Love Us‘, Little Baby Nothing‘ und ‚Motown Junk‘ einige ihrer ersten Hits spielen, ist auch der letzte Griesgram im Himmel angekommen. Die MANIC STREET PREACHERS schließen daraufhin ihr traumhaftes 105-Minuten-Set mit ‚If You Tolerate This, Your Children Will Be Next‘ ab und wohl ein jeder geht glücklich seiner Wege.

5.5 von 6 Punkten
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