(AFM Records / Soulfood) ILL NIÑO haben bekanntlich einige Jahre auf dem Buckel. Als eine der letzten großen Überbleibsel der Nu-Metal Szene, haben die Mannen aus New Jersey aber den Spass an der Arbeit scheinbar noch nicht verloren. Kein Wunder, hat man mit „Dead New World“ 2010 einen beachtlichen Zwischenspurt hingelegt. Davon, dass Cristian Machado und Co trotz all der Erfolge vergangener Jahre immer noch symphatisch daher kommen, durfte ich mich bekanntlich damals vor ihrem Gig in Braunschweig beim Face-to-Face Interview selbst überzeugen. Was könnte also bei der kommenden Rock-Epedemie namens „Epidemia“ noch schief gehen? Mit ILL NIÑO-typischem Soundgewand geht es los. Allerdings fallen bei ‚The Depression’ gleich die sehr bösen Vocals auf. Bereits auf dem Vorgänger hatte man eine tiefere Grundführung des Gesangs ausgemacht. Aber da Cristian Machado bekanntlich auch richtig gut singen kann, sind die melodischen Parts nicht weit. ‚Only The Unloved’ ist ein weiteres Beispiel für sauber vorgetragene Gesangslinien. Da aber eine ordentliche Rockscheibe nicht nur aus Sing-Sang, sondern aus knallharter Instrumentalarbeit besteht, treiben die Gitarren, Bass, Drums und Percussion die Nummer mit Tempo voran. Der Titelsong mit dem weiblichen Zusatz „La“ davor, brüllt uns erst einmal ordentlich durch die Muschel. Auch hier darf die Gesangsleistung nicht unerwähnt bleiben. Von tiefsten Growls über Gekeife und Sprechparts ist etliches geboten. Da kommen einem sogar kurz die nicht genreverwandten Emmure in den Sinn, mit denen man in den USA sogar grad gemeinsam samt Static-X auf Tour ist. Aber um euch nun ein wenig aufs Glatteis geführt zu haben, natürlich handelt es sich hier nicht nur um einen Vergleich. Emmures’ Frankie Palmeri hochst persönlich wirkt bei dieser Nummer mit, denn spätestens beim Blick ins Booklet findet man ihn erwähnt vor. Nun aber Schluss mit Gastgeschenken, bei ‚Eva’ gibt es wieder ILL NIÑO pur zu genießen. Instrumental genial treibt diese Nummer von einem Höhepunkt zum nächsten und verbindet etliche Musikstile, ohne dabei jemals chaotisch zu wirken. Etwas gradliniger, aber nicht unbedingt langweiliger kommt ‚Demi-God’ daher.

Die Struktur ist klar aufgeteilt in harte und melodische Parts, die sich die sprichwörtliche Klinke in die Hand geben. Eine großartige Gitarrenarbeit findet man bei ‚Death Wants More’ vor. Auch die typischen Percussion-Parts finden ihren Platz in dieser schmissig-rockigen Nummer. Ein Radio-Intro, kurze Bongo-Parts und ‚Escape’ startet in die Runde. Auch hier finden die latein-amerikanischen Klänge ihren Einsatz und lassen keine Zweifel am Erkennungswert aufkommen. Gut getimet kommt etwas Ruhe ins Spiel. Allerdings nur ein kurzes Vergnügen. Ein durch Mark und Bein gehender Schrei reisst den Hörer aus der Stille. Trotzdem ist ‚Time Won’t Save You’ keine Ballernummer, sondern melodisches Midtempo. ‚Forgive Me Father’ reiht sich genau dort nach anfänglich, angezogener Geschwindigkeitsschraube ein und bleibt gemächlich bis rockig. Zum Schluss darf bei ‚Invisible People’ noch einmal zum grossen Pogo ausgeholt werden. Die Shouts sind aggressiv und die Aufklarung zur Melodie gut geführt. Ein ordentlicher Schlusspunkt für „Epidemia“. Das Fazit gestaltet sich etwas schwieriger als erwartet. Einerseits hat man eine musikalisch hochwertige Darbietung erhalten, anderseits fehlen aber auch die Gassenhauer und Ohrwürmer bei ILL NIÑO's neuestem Output. Allerdings hat man dadurch auch kaum Qualitätseinbußen, denn die Jungs aus New Jersey hatten in der Vergangenheit zu ihren großen Hits auch eine Menge Durchschnitt im Angebot. „Dead New World“ bekam von mir volles Haus. 5 Blitze ziehe ich für „Epidemia“, da zwar die ganz großen Momente fehlen, aber trotzdem keine andere, ehemalige Nu-Metal Band solch eine grandiose Neuzeitentwicklung genommen hat. Hut ab. Album-VÖ: 26.10.2012