(Kscope / Edel) Ein paar Jahre seit der letzten Platte sind nun ins Land gegangen. Porcupine Tree haben sich in Schweigen gehüllt, Blackfield sind vollends von der Bühne verschwunden. Da kündigte vergangenes Jahr Mastermind STEVEN WILSON sein drittes Soloalbum an und Zack!, schon steht die gesamte Progressive-Rock-Welt Kopf, devot lechzend. Noch bevor sie überhaupt released wird, gilt „The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)“ als das nächste Wunderwerk STEVEN WILSONs. Man hört es sofort. Das Album trägt den Fingerabdruck von Alan Parsons (Ex-The Alan Parsons Project, Ex-Toningenieur von Pink Floyd), der hier als Co-Produzent mitarrangiert hat. Erneut hat WILSON große Meister der modernen aber rockfernen Musik mit ins Boot geholt, bei Parsons angefangen, übergehend zu Marco Minnemann (Nena), der herrlich relaxt die Drums bearbeitet, bis hin zu dem schlohweißen Nick Beggs am Bass. Ob in 'Luminol', das mit einem reißenden Jazz eine eigentlich total melancholische Platte einläutet oder in 'The Pin Drop', das sehr stark an den Symphonic Rock von Ayreon erinnert; dies sind alles Vollblutmusiker und sie spielen absolut unverkrampft. Zugleich muss gesagt sein: STEVEN WILSON ist Hauptproduzent wie Songschreiber und jeder Takt unterliegt seinem Perfektionismus. Was „The Raven…“ nicht bietet, ist ein Mainstreamkandidat für eine Singleauskopplung wie das pathologisch angehauchte 'Index' von 2011. Die Songs sind zu vielschichtig, ein Konglomerat aus Genres sozusagen, und nur sehr selten, scheint es, lässt WILSON die Zügel locker, um der Musik einen rockigen Galopp zu erlauben: 'Luminol' ist einfach zu lang, das grandios erzählte 'The Pin Drop' klingt nach unwesentlich mehr als eine Einleitung zum Folgesong. 'The Watchmaker' wiederum könnte Charthörer mit seinen wechselnden Stimmungen überfordern. WILSONs Chorknabengesang und das sanfte Gitarrenzupfen werden mehrmals vom Mellotron, einem schnurrenden Bass und Jethro Tull-esken Querflötenoktaven unterbrochen. Der ganze Track ist ein Gruß an den Canterbury Rock, aber überrascht den Hörer gegen Ende mit einer düsteren Doublebase. Die Lieder sind wuchtig, gefühlvoll und wirken wie eine zusammenhängende Story, was man etwa von Coheed & Cambrias Großwerk schon kannte. Gut, ein wenig mutet das Ganze einem Endzeitmusical an: Nach dem Finale stehen der Held und alle anderen Überlebenden vor einer ruinierten Welt und besingen gemeinsam seine Angst vor Liebe und Nähe. Das Album hat starke Gitarrenmotive, die stets zu einem klanglich dichten Song weiterleiten. Es lebt von der professionellen Leichtigkeit der Band und überrascht positiv durch fragil anmutende, aber harmonische Ambient-Melodien. Wie immer hat WILSON auch hier minutiös durchkomponiert, aber dieses Mal gelingt es ihm auch, einen Spannungsbogen schlüssig durchzuziehen, was ich in „Grace For Drowning“ (2011) vermisst hatte. Live wird diese Platte jedenfalls der reinste Augen- und Ohrenschmaus sein. Wer noch Tickets für STEVEN WILSONs anstehende Deutschlandkonzerte will, sollte sich nun beeilen. Album-VÖ: 01.03.2013 (Photo by Naki Kouyioumtzis)