(Sony Music) Wenn Oscargewinner Trent Reznor – für Uneingeweihte: der Mann, der den „Fuck You Like An Animal“-Song geschrieben hat – mit Freunden und Familie ein Album aufnimmt, bleibt das nicht unbeobachtet. Das Mastermind hinter den Nine Inch Nails bringt eine enorme Fanbase mit, von denen die meisten Anhänger, wenn nicht sogar alle, gewillt sind, wenigstens einen Blick darauf zu werfen, was der Großmeister da denn Neues produziert hat. Die Musikpresse hat auf jeden Fall auch hingeschaut und spart derzeit nicht mit Lobeshymnen auf „Welcome oblivion“, das Debütalbum der Band HOW TO DESTROY ANGELS. Und wahrlich, auch wenn hier kein Rad neu erfunden wird, ist es trotzdem ein großartiges Debütalbum geworden. Aber wer hier Nine Inch Nails erwartet, wird enttäuscht sein. Entschuldigung, das muss gesagt sein. Der Schatten, den das Oeuvre der Nine Inch Nails auf alles wirft, was Trent Reznor anfasst, lässt sich nicht wegdiskutieren und das Künstlerkollektiv muss damit leben, immer mit den Nägeln verglichen zu werden. Dabei sind HOW TO DESTROY ANGELS mehr als das Quasie-Einmannprojekt NIN, zumindest was Manpower angeht. Alleingänger Reznor erhält nämlich Unterstützung von seiner Ehefrau Maryqueen Maandig, deren Stimme eine echte Bereicherung für das Projekt ist und von Atticus Ross, der Reznor und NIN seit den Aufnahmen zu "With Teeth" begleitet. Atticus Ross war es auch, der mit Reznor zusammen den Soundtrack zu The Social Network komponierte und produzierte und so den Oscar einheimste. Seine Soundeffekte und Klangteppiche sind es, die HOW TO DESTROY ANGELS ihren typischen Klang verleihen. Zusammen mit dem Gesang von Frau Reznor und den Pop – ja Pop-Melodien von Reznor ergibt sich ein frischer Sound, den man so selten gehört hat. Wer die Soundtracks von Ross und Reznor kennt und auch die "Ghosts" von NIN gehört hat, wird genügend bekannte Elemente wiederfinden. Die Stücke auf "Welcome Oblivion" sind dabei aber wesentlich songorientierter als die Soundtracks und "Ghost"-Experimente. Und noch mal – der Gesang von Mariqueen Maandig macht das Ganze erst rund. Was ich dem Album allerdings vorwerfe, ist dass es nie so richtig aus der Hüfte kommt. Es fehlen einfach ein oder zwei Songs die nach vorne gehen. Es ist verständlich, dass man den Krawall lieber den Nägeln überlässt, aber auf der ersten EP haben die Engelszerstörer bewiesen, dass sie auch nicht nur ruhig können. 'Fur Lined' zum Beispiel hatte einen tanzbaren Beat und war durchaus tanzflächenkompatibel. Sowas lässt "Welcome Oblivion" leider vermissen. In den Clubs wird man in nächster Zeit von HOW TO DESTROY ANGELS also nicht viel zu hören bekommen. Aber dann hat man halt ein Album für zu Hause. Dort funktioniert "Welcome Oblivion" vermutlich auch am Besten. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und das Album von vorne bis hinten zu hören, wird man von HOW TO DESTROY ANGELS in andere Sphären entführt. Es beginnt mit dem Intro 'The Wake-Up', das tatsächlich an ein Wecksignal erinnert und einen vorbereitet und neugierig macht auf alles, was da kommen mag. Und ehe man sich versieht, geht’s auch schon los mit dem cool minimalistischen 'Keep It Together', das man seit November 2012 kennt, wenn man in die EP "An Omen" reingehört hat. Mit 'And The Sky Began To Scream' folgt eine etwas sperrigere Nummer. Und zunächst geht es mit dem Titeltrack 'Welcome Oblivion' sperrig weiter, bis einen der Refrain daran erinnert, dass Trent Reznor auch eingängige Melodien komponieren kann und nahezu poppig geht es dann auch mit 'Ice Age' weiter. Ob der Track wirklich knapp 7 Minuten lang sein musste, sei mal dahin gestellt, aber die annährend akustische Komposition bietet eine angenehmen Kontrast zum Rest des Albums. Mit 'On The Wing' geht es ruhig weiter, bis dann 'Too Late, All Gone', 'How Long' und 'Strings And Attractors' hintereinander weg eindrucksvoll die Stärke von HOW TO DESTROY ANGELS demonstrieren – nämlich alternative Popsongs mit coolen elektronischen Sounds und traumhaften Refrains zu schreiben. Grade 'How Long' mag die eingängiste Nummer auf "Welcome Oblivion" sein und hat das Zeug, ein Hit zu werden, ist dabei aber nicht langweilig. Mein Favorit und absoluter Anspieltipp ist allerdings 'Strings And Attractors'. Hier wirkt der Kontrast zwischen Strophe und Refrain am stärksten. Das Gebleepe und Geklirre klingt zunächst fremd, kommt dann aber mit der Melodie vom Refrain zu einem innovativem Song zusammen. 'We Fade Away' leitet danach langsam den Ausklang des Albums ein. Bevor es aber zu Ende geht, gibt es mit 'Recursive Self-Improvement' ein retro-futuristisch anmutendes Instrumental und mit 'The Loop Closes' noch mal ein kleines Highlight, nach dem das Album eigentlich hätte aufhören können. Aber das tut es erst nach 'Hallowed Ground', einer ruhigen Soundlandschaft. Alles in allem kann ich nur sagen, das "Welcome Oblivion" ein großartiges Album ist, wenn auch kein Meisterwerk oder Meilenstein – dafür fehlt ein bisschen. Aber für ein Debütalbum ist das schon ne beachtliche Leistung. Fünf von sechs Sternen. Wir wollen ja auch noch Platz nach oben lassen. Album-VÖ: 01.03.2013 (Photo courtesy of Sony Music)