(Party Smasher Inc. / BMG) John Herbst Dillinger war seiner Zeit eine richtig fiese Sau. Nicht nur diverse Leichen pflasterten den Weg der Dillinger Bande, auch viele Dollars haben die Gangster in den 1930er Jahren erbeutet. Und auch die spezialisierte Musikwelt weiß, mit welch schweren Jungs sie es zu tun bekommt, wenn der Name THE DILLINGER ESCAPE PLAN fällt. Die Mathcore-Helden aus New Jersey hauen mit „One Of Us Is The Killer” ihr bereits fünftes Album (sämtliche EPs nicht mitgezählt) raus und es dürfte dem Hörer erwartungsgemäß keine Rohkost kredenzt werden. Man muss ehrlich gesagt schon schräg in Stimmung sein, um sich eine komplette Scheibe des Fünfers rein zu ziehen, ohne sich hinterher komplett die Rübe abzuschrauben. Aber da unser bester Kumpel und Mitschreiber Zappo gestern seine liebste Kristine ehelichte und wir vor lauter Harmonie ganz zärtlich gestimmt waren, können wir uns heute mit der Bohrmaschine eine hauseigene Wurzelbehandlung besorgen.

Und natürlich brennt uns der erste Song ‚Prancer’ gleich ein dickes Loch in den Kopf. Warum sollte man auch voller Zärtlichkeiten starten wollen, wenn man die dicken Eier gleich aus der Hose baumeln lassen kann. Wer aber nur strukturloses Aneinanderreihen von diversen Parts zu erkennen vermag, gehört wohl eher zu den unerfahreneren „Mathlern“, denn von jeher sind die Strukturen von THE DILLINGER ESCAPE PLAN nur für Genrefans verständlich und die werden mit ziemlicher Sicherheit schon von Minute eins an ihre Freude haben. ‚When I Lost My Bet’ dreht weiter am Rad und zieht die Schlinge um den Hals beim Bearbeiten des Geschlechtsteils (Szene aus dem Film Ken Park) immer weiter zu. Psychojazz der Extraklasse. Ruhige Töne und sogar cleanen Gesang gibt es beim Titeltrack 'One Of Us Is The Killer'. Hier erkennt man welche Vielseitigkeit in den Jungs steckt und welches Gespür für Melodie dem Hörer fast mehr Angst bereitet, als die härteren und gewohnt vertrackten Nummern. Geiles Ding jedenfalls. Aber wer braucht schon Pussyscheisse? Den Deepthroat bekommt Gorbatschow bei 'Hero Of The Soviet Union’. Hier wird es musikalisch noch einmal eine Ecke anspruchsvoller, denn es werden diverse Grooves und Wechselspiele beim Tempo vorgenommen. Fetter und bratiger werden die Klampfen beim nachfolgenden 'Nothing’s Funny'. Die großartige Gesangsleistung von Greg Puciato muss hier besonders hervorgehoben werden. Die Abwechslung und der Groove sind auf den Punkt.

'Understanding Decay' hingegen haut wieder derbe aufs Maul und ist mit seiner abermals stressigen Struktur ein Paradebeispiel für modernen Mathcore, allerdings erneut mit leichtem Melodieeinschlag bei den Vocals. Bei 'Paranoia Shields' werden sich die Meinungen spalten. Den langjährigen Anhängern könnte er zu mainstreamig anmuten, den Neueren und Neugierigen hingegen einen besseren und stressfreieren Einblick in die Welt der Amis geben. Ich finde das Teil richtig stark. 'CH 375 268 277 ARS' ist keine Telefonnummer aus der Schweiz, sondern lediglich ein kurzes Instrumental, welches aber richtig gut ballert. Das Gaspedal wird mit dem Folgenden 'Magic That I Held You Prisoner' einmal mehr voll durchgetreten und so werden die finalen zwei Songs würdevoll eingeleitet. Denn 'Crossburner' verlangt noch einmal die volle Aufmerksamkeit des Hörers. Das Muster dieser Nummer ist sehr interessant, denn hier werden etliche Emotionen durchlebt und bis zur Extase getrieben. Die Gesangsleistung darf hier duchaus mit dem Prädikat Weltklasse beschrieben werden. Den längsten Titel hat der letzte Song auf „One Of Us Is The Killer“. Mit 'The Threat Posed By Nuclear Weapons' und einer letzten Portion Wahnsinn endet eine grandiose und wilde Fahrt. Eine famose Nummer und ein großartiger Abschluss. THE DILLINGER ESCAPE PLAN werden in diesem Jahr meine Top 20 Scheiben des Jahres entern. Da bin ich mir sehr sicher. Sicherlich werden einige ältere Fans meckern und den Jungs, wie oben bereits erwähnt, diverse Anleihen zum Mainstream vorwerfen, aber die Mischung ist genau das, was die Band aus New Jersey Anno 2013 so stark macht. Fette sechs Blitze und ich freue mich auf das Konzert in Hannover. Album-VÖ: 17.05.2013 (Photo courtesy of  Party Smasher Inc.)