(Plastic Head / Soulfood) NIGHT VERSES bringen dieser Tage ihr Debut-Album “Lift Your Existence“ heraus. Und obwohl es sich um ihren ersten Longplayer handelt, sind die vier Herren bei weitem keine Neulinge im Musikzirkus mehr. Douglas Robinson z.B. hat bereits der Post-Hardcore -Band The Sleeping seine Stimme geliehen. Kann diese Erfahrung bereits hier ausgespielt werden? Und ob die bereits durch die EP gesetzte Duftmarke weiterhin Bestand hat? Um eins vorweg zu nehmen, was für ein Brett! 15 Songs und gut 74 min Laufzeit ist grad mal keine kurze musikalische Zwischenmahlzeit, sondern eher ein 5-Gänge-Menü. Hoffentlich ist man nicht schon zur Hälfte satt. Nun aber genug gemutmaßt, ran an den Speck. 'Introducing: The Rot Under The Sun' heißt, wie der Titel schon vermuten lässt, der erste Track der CD. Und er zeigt gleich nach einem kurzen instrumentalen Intro die unglaubliche Stärke der Band: Stimmungen und Atmosphären zu erzeugen und zu transportieren. Bereits hier kann man sich von den musikalischen Qualitäten der Einzelmusiker mehr als überzeugen, ohne dass dies künstlich oder provokativ rüberkommt. Alles klingt mehr als stimmig. Die Instrumente und der Gesang können sich gekonnt ins rechte Licht rücken und verschmelzen regelrecht zu einer Einheit. Trotz seiner Länge von über 5 Minuten wirkt der Song weder lang noch langatmig. Ein nahezu perfekter Start. Der zweite Song 'Rage' beginnt da schon eine ganz Ecke ungestümer und entschlossener mit einem grandiosen Gitarrenriff. Der Chorus biegt dann aber eher Richtung Rockstadion ab, ohne allerdings zu belanglos zu wirken. Zum Ende hin gibt es Zuckerbrot und Peitsche, bevor es dann mit dem Chorus dem Ende des Songs entgegengeht. Nach gleichem System, welches sich ja als doch recht erfolgreich entpuppt hat, startet 'Time Erases (Strung Out)'. Auf ein luftiges Gitarrenriff mit stampfend grooviger Unterstützung von den Drums setzt sich ein sehr harmonischer Gesang von Douglas. Der Refrain lädt auch hier schon beim ersten Durchgang zum Mitsingen ein. Mit 3:30 min Laufzeit der kürzeste Song der CD. Atmosphärisch und ruhig hingegen beginnt der Song 'Celestial Fires'. Nach einer aufbauenden Strophe folgt eine Hookline, die sich auch sofort ins Ohr brennt und dieses die gesamte Zeit nicht mehr verlässt. Der wiederum durch progressive Elemente atmosphärisch gehaltene Mittelpart rundet den Song mehr als ab. Was für eine Demonstration! Beim folgenden Song 'Antidepressants' zeigen NIGHT VERSES ihre harte Seite. Der Song ist laut und unbequem, allerdings nicht verschreckend. Vom gleichen Kaliber finden sich dann noch 'Pull Back Your Teeth' und 'Altimeter' auf der CD. Wobei die anderen Songs nun auch nicht wirklich als Balladen durchgehen. 'Parasomnia', 'Blind Lighthouse' und 'Cathexis' gehen wieder nach dem bereits beschriebenen Schema auf die Hörer los, wobei zuletzt genannter etwas experimenteller rüberkommt. Auch im gleichen Schema, allerdings durch einen unglaublich progressiven Mittelpart doch nicht mit den anderen Songs auf einer Ebene. Hier ist das Hit-Potential förmlich schon zu schmecken. 'Whatever Makes You Hate Me' sticht aus der CD positiv heraus. Zu den eher ruhigeren Vertretern der zweiten CD-Hälfte gehören 'Yours', 'Elucidation' und 'I Don't Want My Loved Ones To Die'. Kaum oder kein Screams, verschaffen dem Hörer eine kleine Verschnaufpause vom vorherigen Föhn. Das Album schließt mit einen 10 Minuten-Monster: 'Phoenix: I. Rising II. Falling'. Auch hier werden wieder wunderbar Stimmungen transportiert. Es empfiehlt sich ein zweiter Durchlauf, um die ganze Masse an Sounds, Parts und Strukturen zu erfassen und zu verarbeiten. Das war der letzte Gang im Musik-Menü. Ich war nach der ersten Rotation mehr als begeistert. Was für ein Brett! Die immense Länge wirkt nicht störend. Das Songwriting und der Sound sind auf internationalem Niveau. Technisch wird ein wahres Feuerwerk abgefeuert. Kein Song, in dem nicht ein vertrackter Part oder Beat auftaucht und dem Ganzen seine Würze gibt. In ihrem Genre werden NIGHT VERSES mit “Lift Your Existence“ mehr als eine weitere Duftmarke abgeben. Für mich eine der Entdeckungen 2013. Ob sich hiermit auch der Mainstream-Rockmusikhörer anfreunden kann, bleibt abzuwarten. Ich denke, das wird schwierig. Ein Ohr sollte jeder riskieren. Wem es gefällt, der kann sich auf die Europatour mit Letlive. im September/Oktober freuen. Ich tu es. Album-VÖ: 22.07.2013 (Photo courtesy of Plastic Head)