(Universal) Diese Scheibe ist anders… Wenn ein neues Album der NINE INCH NAILS angekündigt wird, weckt das gewisse Erwartungen, gerade wenn zum letzten Studioalbum fünf Jahre zurück liegen. Wer in dieser Zeit nicht aufgepasst hat, was Trent Reznor so alles treibt – unter anderem eine neue Band aus dem Boden stampfen, zwei Soundtracks schreiben, einen Oskar gewinnen, heiraten und zwei Kinder zeugen – der mag etwas überrascht sein, was sich denn da auf einmal als ein NINE INCH NAILS-Album ausgeben möchte. Was da aus dem Lautsprecher tönt, is sehr elektronisch, teilweise schwer poppig, irgendwie Hiphop und R’n’B-beeinflusst und dabei trotzdem alternativ. Den Industrial Rock wie man ihn von den späteren Scheiben gewohnt ist, sucht man dabei aber vergeblich. Ist das jetzt schlecht? Darüber kann man streiten… Die Synthese aus fieser Gitarre und Electronic Sound hat immer einen Großteil des Reizes, den die Nägel auf Fans und gelegentliche Hörer ausübten, ausgemacht, sowie das breitgefächerte Spektrum, dass ihr Gesamtwerk im Großen und die Alben im kleinen abdecken – von Hart bis Zart war immer alles dabei. "Hesitation Marks" ist nun ein eher ruhiges Album geworden und lässt die harten Passagen vermissen. Genauso die Gitarren – die sind zwar da, aber doch eher dezent im Hintergrund und auch oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Sonst ist aber alles da, was man von einem NINE INCH NAILS-Album erwartet – “kaputtes” Artwork (vom selben Künstler der auch das Cover zu "The Downward Spiral" lieferte), emomäßige Titel und Liedtexte und einzigartige Klangkulissen. Das Album ist wie nicht anders zu erwarten, hervorragend produziert und abgemischt und bietet den gewohnten vielschichtigen Sound – deswegen am besten auf ner fetten Anlage oder mit  vernünftigen Kopfhörern anhören, die vielen Klangdetails gehen sonst unter. Anspieltipps?! Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, deshalb gebe ich lieber eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Tracks. Los geht’s mit nem Intro – 'The Eater Of Dreams' weckt vom Namen her Erwartungen an ein besonders düsteres Album, was dann nicht kommt. Musikalisch ist dieser Track durchaus zu vernachlässigen – er erreicht nicht die Klasse von 'Pinion' was Intros angeht, deshalb gleich weiter zum nächsten Lied. 'Copy Of A' ist von seinem sich langsam steigernden Aufbau her eigentlich ein viel besseres Intro, als der erste Track, was vermutlich auch der Grund dafür ist, das NIN mit diesem Song derzeit ihre Konzerte eröffnen. Live hat der Song übrigens viel mehr Druck als auf dem Album – ein Phänomen, das man ja schon von der "Pretty Hate Machine" kennt. Etwas unpassend an dieser Stelle, wie ich finde, geht’s dann weiter mit 'Came Back Haunted'. Die Vorab-Single mit dem nichtssagenden Video von David Lynch ist ja schon seit Anfang Juni auf dem Markt und der eine oder andere könnte sie schon mal gehört haben. Die Single ist mit seinen eindeutigen Anleihen an "Pretty Hate Machine"-Zeiten und dem elektronischem treibenden Beat ein gelungener Brückenschlag zwischen alten und neuen NIN, nur an dieser Stelle tut sie dem Flow des Albums nicht gut. Mit 'Find My Way' folgt dann auch gleich der obligatorische 'Hurt'-Nachbau, den sich Trent sonst immer für den letzten Song des Albums aufhebt. Der neue Song muss sich aber nicht hinter dem Klassiker verstecken, wenn auch die Lyrics nicht ganz so heavy sind wie bei 'Hurt'. Die melancholische Melodie hätte auf jeden Fall problemlos auf jedem anderen NIN-Album Platz gefunden. Kommen wir zu Lied fünf – wird langsam Zeit, dass die Hiphop und R’n’B-Einflüsse ins Spiel kommen. So völlig neu ist das zwar nicht – Ausflüge in ähnliche Gefilde gab es ja schon auf "Year Zero". Der Song 'All Time Low' ist aber anfangs erst mal ungewöhnlich. Und es geht auch ungewöhnlich weiter – 'Disappointed' wartet wie sein Vorgänger mit einem ungewohnten Beat auf. Klingt insgesamt nach Minimal Electro, dabei ziemlich dissonant und sehr ruhig (kommt auch als Live-Version nicht aus'm Quark). Vielleicht ist das bei dem Titel auch das Konzept?! Danach folgt ein krasser Bruch. Für 'Everything' werden die Gitarren ausgepackt. Trotzdem kommt dabei der poppigste Song heraus, den Trent Reznor jemals geschrieben hat. Der Beat kommt scheinbar direkt aus einer Drummaschine der 80er – sowas cheesiges ist heutzutage noch selten, aber die Gitarren (inklusive dissonanter Akkorde) retten den Song. Vergleiche mit 'Friday I’m In Love' von The Cure seien an dieser Stelle verziehen, aber ähnlich wie damals bei den The Cure-Fans werden sich heute viele NINE INCH NAILS-Fans fragen “Was soll der Scheiß jetzt?”. Ich für meinen Teil finde es auf jeden Fall gut, das NIN jetzt auch mal eine beschwingte Nummer in Ihrem Programm haben. Aber zurück zum Hiphop. 'Satellite' kommt erneut mit den neu entdeckten Beats daher, ist wieder deutlicher elektronisch und wenig melodiös. Erst zum Ende hin verwandelt sich der Song in etwas, was man schon mal auf einem NINE INCH NAILS-Album gehört haben könnte. Auch bei Song Nr. 9 'Various Methods Of Escape' versiegen die Hiphop-Beats zunächst nicht, aber dafür wird wieder vernünftig gesungen und wir bekommen eine weitere klassische melancholische Melodie. Mit 'Running' wird’s dann aber echt mal außergewöhnlich. Ist das Bossa Nova? Dazu die verstimmte Gitarre, das ist eine eigenwillige Mischung – ergibt aber irgendwie einen Ohrwurm, den man so leicht nicht los wird. 'I Would For You' verzichtet auch nicht auf die HipHop-Einflüsse, kommt aber wenigstens mit einer vernünftigen Melodie im Refrain. Der nächste Song 'In Two' packt dann kurz vor Ende noch mal ein paar mehr vertraute Elemente aus – zum einen einen breakigen Beat, der für dieses Album ungewöhnlich hart ist und zum anderen das Spiel mit lauten und leisen Passagen. Zum Ende hin wird es dann doch noch mal ruhig. 'While I'm Here' erreicht zwar nicht die Klasse von 'Find My Way', entlässt den Zuhörer aber mit einem eher guten Gefühl… Wäre da nicht das Outro 'Black Noise'. Das muss selbstverständlich düster ausklingen. Was gibt es jetzt abschließend über "Hesitation Marks" zu sagen? Die Zutaten sind zwar alle nicht neu. Man findet Anleihen bei alten Alben wie "Pretty Hate Machine" oder "Still" (die Bonus CD zu "All That Could Have Been"), bei den experimentelleren Sachen wie den Soundtracks zu "The Social Network" oder "The Girl With The Dragon Tattoo" oder auch beim von Trent Reznor produzierten Album "The Inevitable Rise and Liberation of NiggyTardust!" von Saul Williams… Aber was Trent Reznor da zusammengebraut hat, klingt frisch, anders, neu! "Hesitation Marks" ist vielleicht kein Meilenstein, aber auf jeden Fall ein würdiges Comeback… Oder besser eine gelungene Neuerfindung! Vier von Fünf Daumen hoch! Album-VÖ: 30.08.2013 (Photo courtesy of Univeral Music)