(Warner Music) Unglaubliche sechs Jahre sind vergangen, seitdem die BABYSHAMBLES nach "Down In Albion" ihr zweites Studioalbum "Shotter's Nation" veröffentlichten und sich damit Platz 5 in England und Top 20 Platzierungen in Deutschland, Frankreich und Irland ergatterten. Still wurde es in den sechs Jahren rund um Frontmann und Kopf der ganzen Vereinigung Peter Doherty jedoch ganz und gar nicht. Neben der Veröffentlichung seines Soloprojekts "Grace/Wasteland" und ambitionierten Ausflügen in Schauspiel und die Malerei, war auch weiterhin Verlass auf Skandalschlagzeilen rund um Englands Enfant Terrible. Ob Zwischenfälle mit unerlaubte Substanzen oder der Ladeneinbruch mit August Diehl während der Dreharbeiten in Deutschland. Doherty ist immer für eine Aufregung gut. Offensichtlich blieb nebenbei noch genug Zeit, um an dem dritten Album der BABYSHAMBLES "Sequel To The Prequel" zu arbeiten. Neben dem ganzen Wahn, der von Doherty ausgeht, drängt sich doch auch eine Faszination um sein Genie auf. Kein Wunder, Dohertys Begabung wurde schon während seiner Schulzeit erkannt, in der er Poesie-Wettbewerbe gewann und sogar als Kulturbotschafter an Russland geschickt wurde. Dass sein Talent neben der lyrisch ausschmückenden Textakrobatik, auch im Komponieren und Arrangieren von Ausnahmemusik liegt, beweist sein neuster Streich. Dass dazu weder ein langwieriger Prozess, noch übermäßiges Ausfeilen von Nöten ist, zeigt die Schnelligkeit, mit der die Platten unter den Argusaugen von Produzent und BABYSHAMBLES-Vertrauten Stephen Street (u.a. Blur, The Streets) in Paris aufgenommen wurde. Gegenüber dem NME berichtete Doherty; „ Stephen hat es nicht zugelassen, dass wir Zeit verplempern. Es ist eine sehr kraftvolle Platte geworden, die uns Stephen quasi aus der Tasche gezogen hat“ Der Titelsong 'Sequel To The Prequel', beginnend mit leisen Stimmen im Hintergrund, entwickelt sich zu einem der besten Songs des Albums. Getragen von Country-Elementen kann ein Lied kaum einnehmender, mitreißender und melodischer sein. Als abgehalfterter Großstadtvagabund mit Hut, Anzug und Fluppe, so hat sich Doherty für die BABYSHAMBLES neu erfunden. Immer einen Schritt schneller wankend, als die aufdringliche Öffentlichkeit, die fasziniert und abgestoßen zugleich, ein Stück dieses selbstzerstörerischen Genies abhaben will. Frei nach dem Motto "Unkraut vergeht nicht", scheint sich Doherty nicht die Bohne für diese Anziehungskraft zu interessieren. Und genau wie er selbst, kommt auch der Opener 'Fireman', daher. Unkontrolliert, wild und rotzig in alter Punkmanier à la Sex Pistols. Den schrammigen Gitarrensound, der schon die Libertines zu absoluten Größen machte, ist dabei tragend, laut und atemberaubend. Doherty erfindet sich hierbei nicht neu. Das braucht er auch gar nicht, denn er bedient sich früherer Elemente, um sie im anderen Gewand neu zu interpretieren. Man könnte fast sagen, er beklaut sich selber, um daraus etwas Neues zu schöpfen. Auch Ausflüge in andere Musikgenres sind auf dem Album zu finden. Beispielhaft ist dafür das Reggae und Ska-lastige 'Dr.No'. 'Picture Me In A Hospital' kommt dagegen mit Streichern geradezu ruhig, poetisch und zart daher. Inspiration war hierfür ein Fahrradunfall von Bassist Drew McConnell. Fast säuselnd besingt Doherty mit wortgewandter Finesse die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt. So schroff und unbezwingbar sich Doherty auch gibt, zeigen seine Texte jedoch bestechend liebevolle Züge. 'Nothing Comes To Nothing' ist ein gewaltiges Hitmonster, ganz im Zeichen seiner Vorgänger. Zu Recht steht dieser Song gleich an zweiter Stelle. Das Artwork visualisiert einen farblichen Urknall, dessen Explosion sich auch auf den Inhalt beziehen lässt. Ein bunter Reigen verschiedensten Stile, Arrangements und Melodien, so vielfältig, das es die britischen Kollegen und Kritiker im Boden versinken lässt. Dabei möchte man Peter Doherty gar nicht erst den Versuch attestieren, alles verkörpern zu wollen, was die britische Rockszene je ausgezeichnet hat, sondern gleich die Diagnose stellen, dass er dies alles ist. "Sequel To The Prequel" ist ein wahres Glanzstück und der Beweis, das Genie und Wahnsinn untrennbar zusammengehören. Album-VÖ: 30.08.2013
(Photo by Kevin Westenberg)