(Nuclear Blast) Jetzt ist es also doch passiert. Entgegen früherer Aussagen von Jeff Walker, dass der CARCASS Reunion und den ab 2007 gespielten Live-Shows keine neues Material folgen werde, halten wir es anno 2013 dann doch in den Händen. Wer oder was und vor allem WIE sind CARCASS denn eigentlich einzuschätzen, 20 Jahre nach der Veröffentlichung des CARCASS-Klassikers schlechthin: "Heartwork"? Unvermeidbar ist es, Arch Enemy zu erwähnen. Zu eng ist die Verflechtung der Bands. Und da CARCASS im neuen Jahrtausend eigentlich ganz viel so machen, wie Anfang der Neunziger, kommt schon aus Reflex der Gedanke - Oh, irgendwie wie Arch Enemy. Wieviel Anteil Michael Amott (der immerhin auf "Heartwork" und "Swansong" einen bedeutenden Anteil am Songwriting hatte und dann eben jene Arch Enemy gründete) am Songwriting hatte, lässt sich überhaupt nicht sagen. In 2012 hatte er CARCASS bereits wieder verlassen, wie auch Daniel Erlandsson (ebenfalls von Arch Enemy und seit der Reunion 2007 Ersatz für den in 1999 an einer Hirnblutung erkrankten Ken Owen). Sicherlich wird aber das ein oder andere Riff schon noch aus der gemeinsamen Zeit stammen. Tatsächlich aber liegt "Surgical Steel" an vielen Stellen sehr nahe am 1991er Meisterwerk "Necroticism" - und da war Michael Amott beim Songwriting eh noch nicht dabei. Zusammen mit dem neuen Drummer Dan Wildling haben Jeff Walker und Bill Steer ein Album rausgehauen, dass für mich persönlich im aktuellen Extrem-Metal ein echtes Highlight ist. Sicherlich ist auch bei den Gore-verliebten Engländern so wie bei anderen wiedervereinigten Bands eine gewisse Rückbesinnung auf die Höhepunkte des vergangenen Schaffens zu beobachten. Klar, was auch sonst. Also weniger Groove in der Musik und keine sozialkritischen Texte wie auf "Swansong", sondern voll nach vorne mit Medizinstudenten-Texten, so wie wir es mögen. Kriegen wir also ein zweites "Heartwork"? Fast! Ganz viel "Necrotiscism" ist auch noch dabei. Gleich mit dem zweiten Song Thrasher 'Abattior' geht es in einer Mischung aus Death- und Thrash sowas von nach vorne, dass es eine helle Freude ist. Ebenso bei 'Captive Bolt Pistol'. Hier gibt es Death Metal nach typischer CARCASS-Art, mit Riffs, die nicht aus dem Punk kommen wie beim Schweden-Death, oder dem technisch-vertrackten Florida-Gemetzel, sondern als perversierte Variante des British Heavy Metal. Hinten rum gibt es immer wieder schön-pervierte Melodien und klassische Songstrukturen. Im breit gefächerten Sound-Repertoire des Death Metals, nehmen CARCASS seit jeher eine leichte Sonderstellung ein. Dazu trägt zum einen das geniale Drumming von Ken Owen (auf den alten Alben) und Dan Wilding (das dem von Owen sehr ähnlich ist) als auch der prägnant gekeifte Gesang von Jeff Walker bei. Viele Attribute wurden für die Jungs schon verwendet, als „Erfinder“ des Grindcores gelten sie ohnehin, Death‘n‘Roll passt bei einigen Songs (die können richtig gut rocken), Death Metal natürlich - aber vor allem ist das hier perfekt gespielter EXTREM-Metal. CARCASS machen auch 2013 keine Gefangen, Blast-Parts sind an allen Ecken zu finden. Natürlich nicht so ungestüm mehr wie auf "Reek Of Putrefection" oder "Symphonies Of Sickness", sondern dosiert, punktgenau und effektiv. Death Metal hat in den letzten 25 Jahren alle Höhen und Tiefen hinter sich gebracht, und so finde ich es einfach umso erstaunlicher, dass CARCASS es schaffen, ein Album zu schreiben, dass einerseits perfekt in die Linie der eigenen, 20 Jahre alten Platten passt und andererseits alles andere als retrospektiv,verstaubt oder sonst etwas klingt - sondern zeitgemäße, extreme Musik bietet. Dass alleine zeigt, dass wir hier eine relevante Reunion haben, und keinen warmen Aufguss vergangener Taten. An der Produktion war wieder Colin Richardson beteiligt und den Mix durfte Andy Sneap besorgen - kann nur gut sein. Für alle alten Fans, für alle Arch Enemy-Fans und Freunde von melodisch-extremen Metals - kaufen. Ich bin happy! Album-VÖ: 13.09.2013 (Photo credit: Adrian Erlandson for www.murdermile.com)