(Vertigo / Universal) Um mich einmal selbst zu zitieren: „Ohne PLACEBO wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.“ Ihre Musik, ihr Look, ihre Lebenseinstellung prägte mich mehr als jede andere Band mich jemals beeinflusste oder je beeinflussen wird. Während meine Mitschüler damals die Klamotten trugen, die „in“ waren und eben auch die Musik hörten, die man als junger, angesagter Mensch zu hören hatte, ging ich einen komplett anderen Weg; einen düsteren, schwierigeren, einsameren, aber auch einen aufregenderen Weg, wie ich heute finde. PLACEBO steuerten den Soundtrack zu diesem Lebensabschnitt bei. Ich hasste zu 'The Bitter End', träumte zu 'Sleeping With Ghosts', verinnerlichte die Texte und Melodien und wünschte mir nichts sehnlicher als Part eines PLACEBO- Musikvideos zu sein - für immer gefangen in einer düster-bläulich gefärbten Welt, in der verwischte Wimperntusche und schwarze Fingernägel ganz normal waren. Ich war dabei, als sie noch rau, schnell und fast punkig klangen. Ich hauchte mit ihnen 'Without You I’m Nothing', begleitete sie, als sie durch Eiskalte Engel zur etablierten Alternativerockband aufstiegen, und durchstand mit ihnen auch harte Zeiten, als sie sich nach "Meds" fast kaputt tourten. Aber auch zwischen der Band und mir begann es zeitweise zu kriseln. Das Album "Battle For The Sun" war eine Enttäuschung für mich. Ich sah PLACEBO wie einen Partner an, der einem nach Jahren der Vertrautheit plötzlich fremd wurde, aus heiterem Himmel, unerwartet. Und obwohl nicht alle Songs „schlecht“ waren, so hatte ich doch meine Probleme mit der Veröffentlichung. Als Brian, Stefan und Steve Ende des letzten Jahres die EP "B3" herausbrachten, schrieb ich folgende Zeilen: „Die Band hatte den alten Steve gegen einen neuen ausgetauscht. Brians Haare wurden immer länger und die Musik wurde freundlicher, heller und massen-kompatibler. Auf den Konzerten standen nun auch Leute, die nur dieses neue ‘Ashtray Heart’ aus dem Radio toll fanden. Die alten Fans standen weiter hinten und schüttelten den Kopf. (...) PLACEBO und ich entfernten uns langsam voneinander. Ich suchte mir andere Bands und PLACEBO suchten sich andere Fans (...)“ Und jedes Mal, wenn neue Songs veröffentlicht werden, fürchte ich mich vor dem Ergebnis. Sie sind doch meine Helden! Sie dürfen mich nicht enttäuschen! Vor allem nicht Brian, der für mich schon immer so etwas wie ein Gott gewesen ist. Auch heute habe ich einen Kloß im Hals, denn PLACEBO veröffentlichen "Loud Like Love", ihr siebtes Studioalbum. Und nur zögerlich drücke ich den Play-Knopf und warte auf den ersten Ton, der mich hoffentlich zurück in meine großartig-düstere und intime Traumwelt führen wird... und ja, ich werde nicht enttäuscht. Vorerst nicht. Denn welch grandioser Opener ist denn bitte 'Loud Like Love'?! Ja, exakt so etwas sollte ich hören! Ein sphärischer Klangteppich, mit dem sie vor Monaten bereits Werbung für ihr neues Album machten. Ich lächle, es kribbelt in mir! Und sofort möchte ich zusammen mit Brian „Breath“ und „Believe“ in die Welt hinausschreien! Der Song ist optimistisch und hell, aber das macht gar nichts. Es ist genau richtig so! Ich wünsche mir den Song als Opener auf ihrer Tour im Herbst! Ich bin begeistert! Der zweite Beitrag 'Scene Of The Crime' steht dem vorangegangen Song in nichts nach; Brians Stimme ist perfekt! Ein grandioser Beat nimmt mich an die Hand und durchfährt gleichzeitig meinen Körper! Klavier und ein elektronischer Fremdkörper huschen abwechselnd durch das Lied. Gewaltig und dramatisch ohne dabei aufdringlich zu wirken kommt dieser Song daher. Ich bin in Love... doch dann kommt 'Too Many Friends', die erste Singleauskopplung des Albums. Ich bin verwirrt und höre weiter und bin noch verwirrter. Was passiert hier bloß? Was ich nicht wusste: Brian interessiert sich wohl neuerdings für afrikanische Instrumentalkünstler, klassische Pianisten und die sphärischen Sounds von Sigur Rós und Radiohead (insbesondere galt sein Interesse dem Album "In Rainbows"). Seine Verehrung von Sonic Youth war mir bekannt. Aber Klassik und Ambient-Dream Pop?! Diesen neuen Einfluss hört man tatsächlich deutlich und ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll, zumal ich mit oben genannten Musikrichtungen eher selten wirklich warm werde. Produziert wurde das Album von Adam Noble, der bereits bei Coldplay und Paul McCartney mitmischte. Vielleicht war das eine dumme Idee? Ein dramatischer Orchestereinsatz in 'Hold On To Me' versucht das zu retten, was in den drei Minuten vorher belanglos umherdudelte. 'A Million Little Pieces' und 'Begin The End' klingten wie Teasersongs für eine dieser vielen amerikanischen Teenie-Vampire-Möchtegerndüster-Serien. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren, was ich gerade höre, aber ich halte durch, weil ich das Konzept und die Idee dahinter verstehen möchte. "Loud Like Love" ist kompositorisch ausgereifter und feiner als die Vorgängerwerke. Die Songs wirken filigraner, weicher und intimer. Aber sie berühren mich nicht. Sie erreichen mich nur sehr schwer. Ich kämpfe darum, einen Zugang zu ihnen zu finden, aber sie machen dicht, sie wollen mich nicht an sich heranlassen. Sie brennen sich nicht ein, währenddessen vor allem die ruhigen, höchst-melancholischen Songbeiträge auf "Meds" z.B. mich 2006 regelrecht in die Knie zwangen. Die neuen Texte handeln vermehrt von politischen und sozialen Problemen. Das ist nichts PLACEBO-fremdes - aber Ausrottung des Menschenhandels, Gier der Finanzmärkte? Möchte ich, dass mein Lieblingssongwriter darüber schreibt und singt? Was geht in Brians doch sonst so genialen Gehirnwindungen vor, wenn er den Song 'Too Many Friends' mit den Worten „My computer thinks I'm gay. I threw that piece of junk away (...)“ beginnt? Brian kommentiert „die allgegenwärtige Hörigkeit der Menschen gegenüber sozialen Netzwerken und ruft dazu auf, Computer und Smartphones zu verbannen, selbst wenn es nur für einen kurzen Moment ist.“ Öde, plump und unpoetisch ist das. Wo sind die Wortschöpfungen, die Metaphern und die atemberaubenden Erklärungen von so unglaublich komplizierten Dingen? Wo finde ich die Songtexte, die früher meine Bibel ersetzten? Sie fehlen bzw. man muss sie krampfhaft zwischen dem sphärischen Gesäusel suchen. Und wo sind die Gitarrenriffs, die in die Geschichte eingingen, die mir Gänsehaut bereiteten? Wo ist der dichte Soundteppich, der jeden Hörer stets in seinen Bann gezogen hat? In 'Rob The Bank' und 'Purify' werden wir fündig, aber die Funken sprühen nicht wirklich. Rein musikalisch ist "Loud Like Love" einmal mit Weichspüler behandelt worden. Ein netter Hintergrundsoundtrack für verregnete Herbsttage. Aber für Gefühlssex- und Implosionen beim intensiven Hören reicht es nicht. Als ich neulich einen Freund, der ebenfalls Fan der ersten Stunde ist und die Band sogar mehrere Male persönlich treffen und interviewen durfte, fragte, wie er den neuen Song und das dazugehörige Video finden würde, sagte er: „Ich habe das Video bis zur Hälfte geschaut und dann ausgemacht. Reicht dir das als Antwort!?“ - Reicht EUCH das als Antwort, was "Loud Like Love" zu bieten hat!? Ja, PLACEBO beweisen Mut und gehen trotz bewährtem Rezept neue Wege. Das ist ihr gutes Recht. Aber will und kann ich diesen Weg mit ihnen gehen? Ich muss darüber nachdenken... Brian sagt, er sei noch nie in seinem Leben so ehrlich wie auf diesem Album gewesen. Es brauche jedoch ein bisschen Zeit, um sich in die Songs einzuarbeiten. Er hoffe, die Fans würden die Herausforderung annehmen. Ich versuche es, Brian! Ich werde an unserer Beziehung arbeiten. Du hast es mir wirklich nicht leicht gemacht. Album-VÖ: 13.09.2013 (Photo by Joseph Llanes)