(Universal) Was wäre das Klügste, was eine so erfolgreiche Band wie ARCADE FIRE tun kann, um sich bei der Arbeit an einem neuen Album nicht zu wiederholen, am Druck zu zerbrechen oder schlicht und ergreifend kein schlechtes Werk zu produzieren? Richtig! Sich Zeit geben. Zeit um das Erreichte zu verarbeiten, sich zu reflektieren und der Kreativität einen neuen Raum zu geben. Genau dies haben ARCADE FIRE getan. Und das war goldrichtig. "Reflektor" betitelt sich das dreizehnstückige Doppelalbum und scheint ein Epos, nicht nur in der Bandgeschichte, zu sein. ARCADE FIRE veröffentlichten bis dato drei Studioalben. Keins wie das andere, aber alle mit dem Prädikat besonders wertvoll versehen. 2011 ernteten sie mit einen Grammy für "The Suburbs" die Früchte ihrer Arbeit. Scheint als wäre die siebenköpfige Truppe rund um Sänger Win Butler Genies und niemand ihnen ebenbürtig. An Hilfe sei da doch gar nicht zu denken, oder... ?! Als allererste Konsequenz traf die Truppe eine personelle Entscheidung und holte den New Yorker Underground-Disco Produzenten James Murphy mit ins Boot. Dieser berichtete; "Ich dachte mir, das sind alles supertalentierte Typen. Brauchen die wirklich einen, der auch noch seinen Senf dazu gibt?" Anscheinend schon. Man tauschte Folk gegen Clubbeats, Geigen gegen Synthies. Wie Wasser Spuren im Sand verwischten ARCADE FIRE ihre Vergangenheit. Und erschufen neue, nur noch größere Spuren. Denn groß ist er der neue Sound. Verwirrend, komplex, anstrengend, aber vor allem eins: genial. Einen ersten Eindruck des Neuen gab die Veröffentlichung der Single 'Reflektor'. Der Song ist alles andere als das, was man bisher von ARCADE FIRE kannte und hat mit dem Pathos der Vorgänger wenig gemein. Statt sich an der Kategorisierung als Folkband abzumühen, ist "Reflektor" ungewohnt elektronisch ausgefeilt. Gesang, Gitarren, Saxophon, Klavier, Percussion werden perfekt eingewoben und, von Murphys so bekanntem Disco-Beat, angetrieben. Angeblich wollte David Bowie den Song für sich, singt nun aber die Background-Vocals. Daher verwundert es auch kaum, dass dank Wiederhall der Stimmen und verzerrtem Synthies, dies wie eine Reinkarnation von Bowies Blütezeit klingt. Arcade_Fire_2013_1_Korey_Richey_UniversalMusic'We Exist' ist im Gegensatz zu 'Reflektor' alles andere als vom elektronischen Treiben geprägt. Kühl und schleppend umgarnen Chöre die fragile Stimme Butlers. Der Bass zieht sich wie eine starke Linie durch das Stück und ordnet somit das Wechselspiel von Klavier und Synthies. Energiegeladen startet 'Here Comes The Night Time' mit treibendem Schlagzeug, gefolgt von einer Entschleunigung mit einer Klangvielfalt, die ihres Gleichen sucht. Gegen Ende des Songs wird die Schnelligkeit des Anfangs wieder aufgenommen und lässt den altbekannten Pathos für einen Moment aufblitzen. Durch abrupte Gesang-Gitarren Arrangements erinnern die Strophen zu 'Normal Person' stark an Talking Heads und wandeln sich im Refrain zu einer Verschrobenheit, welche, in solch einem Perfektionismus, nur von Jack White bekannt sein dürfte. 'It's Never Over' strotz nur so vor 80's Charme. Dazu im Hintergrund das zarte Französisch von Win Butlers Gattin Régine Chassagne. Zu strengem elektronischen Gitarren- und spitzen Synthies-Sound besingen beide die Problematik einer dahinsiechenden Beziehung. Gegen Mitte kippt der Song mit der Zeile „It's Never Over“ und beide bieten sich zum Ausklang des Stücks ein leises erleuchtendes Gesangs-Battle. "Reflektor" ist definitiv kein einfaches Album. Dazu ist die Gestaltung zu speziell, zu vielfältig, zu sehr Kunst. Bis in die letzte Pore wird nichts dem Zufall überlassen, alles ist perfekt arrangiert, perfekt durchdacht. Zudem lässt sich ein Rundumschlag von sämtlichen Größen der letzten Jahrzehnte kaum leugnen. ARCADE FIRE scheinen alles zu vereinen, dabei klingt es dennoch neu und eigen, weder geklaut noch gecovert. Diese Album ist ein Bruch mit dem bisherigen, weder eine trommelnder Trupp Kanadier, der mit viel Pathos einem entgegen schreit, noch mit Klavier und Streichern untermalte Fanhymnen lassen sich auf diesem Album finden. Für den Einen ist es ein Vergnügen die perfekten Überlagerung sämtliche Instrumente und Klänge zu ergründen und immer Neues zu entdecken. Den Anderen wird das Album einfach nur viel zu anstrengend sein. Dennoch, bei soviel Talent bleibt nur ein Satz zu sagen, durch den auch der Song 'Are You Already' angekündigt wird: The fabulous ARCADE FIRE! Album-VÖ: 25.10.2013 (Photo by Korey Richey)