Es war ein absolut chaotischer Tag. Sänger Nathan und Gitarrist Joshua brauchten auf Grund vieler dummer Zufälle fast 40 Stunden von Delaware nach Hannover, um dann Minuten vor der Show am Venue anzukommen. In Hannover betrug die Luftfeuchtigkeit knapp unter 100% und keiner kam aus der Show trocken raus. Die Faust kochte. BOYSETSFIRE gaben trotz oder wegen der ganzen Eskapaden alles. Eine Woche später bin ich noch immer übersäht von blauen Flecken. Und jeder einzelne ist eine Trophäe eines perfekten Abends. Umso schöner, dass sich Basser Robert noch nach Mitternacht die Zeit für ein ausführliches Gespräch im nicht ganz so klimatisierten Tourbus nahm. Nachdem er mich (neuerdings von der Band liebevoll Bob genannt) von der im Bus herrschenden Bierpflicht überzeugt hatte, konnten wir starten. Er selbst blieb (natürlich) abstinent. Prost! Du trinkst gar keinen Alkohol, oder? Auf Facebook lässt du uns ja an Deinem gesunden Lebensstil teilhaben, aber lässt sich das auf Tour überhaupt so durchziehen? Ist täglich Sport drin? Ja, ich war heute. Ich mach jeden Tag irgendwas. Aber das was ich mache, hängt davon ab, was es für Möglichkeiten gibt. Heute war einfach ein riesiger chaotischer Tag und dann haben ich und der Schlagzeuger Jared, mein Workout Partner auf Tour, was zusammen gemacht. Die anderen Jungs… das ist nicht so deren Ding. In einer Stadt in der wir uns nicht auskennen, suchen wir uns einen Fluss und an dem laufen wir entlang. Da kannst du nicht verloren gehen. Wenn wir in die Pampa abhauen, stehen wir irgendwann da und müssen per Anhalter zurück fahren. Hier war ja grade gleich der Fluss und da haben wir noch ein paar Liegestützen gemacht. Normalerweise wenn wir auf einer längeren Tour sind, werden Studios gebucht oder ich gehe zum Yoga. Es ist jedenfalls jeden Tag was anderes. Ich bin nicht so gut darin, nur stur rumzusitzen, weil mein Leben zu Hause nicht so ist. Dann werde ich auf Tour unleidlich, wenn ich den ganzen Tag nur Backstage sitze. Im Nachhinein hab ich mal reflektiert, dass das dann die Tage sind, wo ich wegen einer Kleinigkeit eher genervt bin. Manchmal sind wir auch mehrere und unser Merchmann oder Oise der Manager kommen mit. Ich geh zu Hause fast nie ins Fitnessstudio und dann ist es auf Tour manchmal ganz schön, so klassisch zu trainieren. Zu Hause ist es eher der Kampfsport. Es gelingt fast immer, irgendwas zu machen. Du hast grad Jared den aktuellen Drummer angesprochen. Ist er jetzt fester Bestandteil der Band? Er ist schon fest, insofern dass er der einzige Schlagzeuger ist, mit dem wir spielen. Wir sind da jetzt aber etwas vorsichtiger geworden. Mit dem Typ, mit dem wir die Platte eingespielt haben, hat es nicht so gut funktioniert. Wir haben einfach gemerkt, nachdem Matt die Band verlassen hat, dass wir ein bisschen Zeit brauchen, weil er einfach so lange in der Band war. Jared ist selbstverständlich DER Mann und er wird es auch bleiben. Und er macht auch im Herbst die Tour. Er ist bloß sehr gefragt. Er spielt sehr gut und ist sehr, sehr nett anzuschauen. Meine Frau sagt immer: 'Der ist so schööön!'. Er ist schon putzig anzuschauen. Tja, aber ein kleiner Mann. Zieht bei mir ja nichts. (Wir schweifen etwas ab und gelangen schließlich zum Thema wie und warum man sich mit bestimmten Bands auseinandersetzt und warum ich für Bands wie BOYSETSFIRE, Chuck Ragan oder Dave Hause  immer parat stehe). Jedem das seine. Die Visions wollte mal, dass ich Reviews schreibe. Weil ich auch so manchmal schreibe. Ich habe das zweimal gemacht und das hat super funktioniert, aber es waren beide Male Releases, auf die ich mich voll gefreut hatte. Und dann haben sie mir was geschickt, dass mir persönlich nicht so gut gefallen hat. Dann hab ich halt gemerkt, dass ich es nicht übers Herz bringe. Ich bin mir sehr sicher dass die Jungs (die ungenannt bleiben sollen) sich viel Mühe gegeben haben, es hat nur meinen Geschmack nicht getroffen. Warum sollte ich irgendwas Negatives schreiben? Aber ich kann auch nichts Positives schreiben. Und dann habe ich dankend abgelehnt. Dave Hause hat mich grad gefragt, ob ich mit ihm auf dem Hurricane und dem Southside spiele. Das ist ein ganz alter Freund von mir. Aber leider kann ich da nicht. Das wäre cool gewesen, weil dann hätte ich Rock am Ring, Rock im Park, Hurricane und Southside gespielt! Und das vor allem mit BOYSETSFIRE und Dave Hause wäre es ein netter musikalischer Kontrast gewesen. Weil ich ihn und seine Songs wirklich sehr schätze, ist es mir sehr schwer gefallen, das abzusagen. Ich muss leider manchmal erkennen, dass mein Tag auch nur 24 Stunden hat. Meine Frau hilft mir immer daran zu denken. Ich bin immer so enthusiastisch. Was nichts Schlechtes ist. Und im Zweifel streckt man gute Dinge auf 3 Tage – wie bei den kommenden Shows im Oktober. Wie kam es zu der Idee? boysetsfire-2014Wir haben gesagt, wir wollen unbedingt zu unserem 20-jährigen Jubiläum irgendwas Besonderes machen. Sowohl hier wie auch in den USA – dort kommt es ein bisschen später. Und ganz ehrlich: Wir würden das gern überall machen. Bei uns laufen so viele Anfragen auf, die wir einfach nicht machen können. Viele Sachen sind logistisch schwierig. Vorschläge wie 'Wir lieben euch – kommt nach Indonesien' sind großartig, aber wir müssen von Arbeit frei nehmen, Kinder und Frauen verlassen. Es ist zu schwierig, aus Abenteuerlust ins Blaue hinein etwas buchen. Das ist eher was für junge Bands. Bei uns geht es ja nicht ums Geld verdienen. Wir wollten jetzt einfach mal was zurückgeben. Wobei es für uns aufwändig und anstrengend ist, unsere ganzen alten Songs zu lernen. Das steht jetzt an. Da sind Songs dabei die wir nie live gespielt haben und die wir nie wieder live spielen werden. Das ist wirklich für die Fans! Ihr spielt an jedem Abend ein komplettes Album durch: "After The Eulogy“, "Tomorrow Come Today“ und "The Misery Index“. Ganz genau. Da sind Songs dabei, die wirst Du dieses eine Mal hören und dann nie wieder. Das wird schon was ganz Besonderes werden, für die Leute die sich wirklich für die Band interessieren. Es ist jetzt schon fast alles ausverkauft. Damit haben wir nicht gerechnet. (Chad kommt, betritt den Bus und präsentiert seine neusten Errungenschaften. Diese kleine Episode kann man nicht vorenthalten) Chad: A man’s gotta have priorities: Whiskey. Bob: Come hither, my friend! Chad: And dry shoes. Dry Socks. And Soap. Please take a whiff. I am a soap addict. WE LOVE SOAP! Bob: Meine erinnert mich immer an Indien. (Anm. d. Red.: Ich musste an allen schnüffeln. Alles sauber, yummy) Chad: I wanna eat him, too. It smells so good. I have to say: For a touring band, we smell fucking good. Charlotte: And the whole bus is super clean! Chad: It IS very clean! We’re old! We even make our bed every day. Charlotte: I don’t even do that at home… Bob: I can prove it!!!!! Chad: I even do that in the hotel! Charlotte: What? You’re kinda stealing cleaning jobs! They’ll have nothing to do! Chad: No: they can just hang out and have a cigarette. I leave them the chocolates, too. BUT I don’t want them to steal my towels, though. The little sign always tells me to save the environment and to hang my towel if I wanna use it again but they ALWAYS take it away! Every fucking time it’s gone. DO NOT TAKE THE TOWEL! Robert/Bob nutzt die den Moment der Entrüstung, um… Um noch einmal darauf zurück zu kommen: Wir wollen was Besonderes machen. Darum haben wir das Jubiläum zwar schon erwähnt, aber für die April-Tour nicht an die große Glocke gehängt. Es wird eben unsere Geburtstagsfeier. Leider können wir nicht überall hin. Jetzt sind die Leute natürlich teilweise unglaublich sauer. Wir haben England und Benelux nicht mehr untergebracht. Das ist schade irgendwie, aber wir haben eben nicht mehr Zeit. Wir müssen Urlaub nehmen. Viele sagen aber auch: 'Ok, dann fliege ich eben nach Berlin'. Selbst für ganz enge Freunde von mir wird es keine Gästeliste geben. Die Clubs sind für unsere Verhältnisse recht klein. Unsere übliche Gästeliste, für Freunde und Leute die uns supporten und Familie usw. würde bedeuten, dass wir einfach größere Clubs spielen müssten. Aber wir wollen es im kleinen Rahmen halten. Es geht eben nicht darum, wie man möglichst viel Profit machen kann, sondern wie man der Person die dort hinkommt ein möglichst intimes Erlebnis mit der Band ermöglichen kann. Das war der Gedanke. Ich hab das auch heute wieder erlebt. Es war ja kleiner als die Venues, die wir in Hamburg oder in Köln spielen würden. Es ist natürlich geil, wenn du so richtig da bist. Wie kam es überhaupt zu dieser kleinen Club Show neben den anderen Festivals? Ich hasse es, mit ‘nem Festival-Auftritt zu beginnen. Dort schiebst du alles auf die Bühne und legst einfach los. Hier hatten wir jetzt die Möglichkeit, auch wenn nicht alle von uns da waren, die Amps zu testen usw., weil wir jetzt ja ein paar Wochen nicht gespielt haben. Und in Hannover waren wir schon ewig nicht mehr. Es ist nicht zu weit weg von Rock am Ring. Es hätte aber auch jede andere Stadt im Radius von 400 km werden können. Gibt es Songs auf die ihr im Grunde keinen Bock mehr habt sie zu spielen; die emotional, persönlich oder politisch keinen Sinn mehr für Euch machen? Textlich gibt es sowas zum Glück nicht. Auch wenn wir heute den gleichen Song nicht noch einmal so schreiben würden. Wir haben keine Stücke wo wir uns für schämen. Natürlich gibt es Songs, die man lieber spielt als andere. Das liegt manchmal an der Schwierigkeit oder Komplexität der Lieder, dass es live halt eher so Rumsteh-Nummern sind, weil man sich richtig konzentrieren muss. Wo es mir allerdings so gegangen wäre, wäre die erste Platte gewesen, die wir ja absichtlich ausgelassen haben. Man sieht jetzt auch ganz klar, dass "The Misery Index“ für ganz viele Leute eine ganz wichtige Platte war. 'Empire‘ ist da drauf und 'Walk Astray‘. Und das ist eben das Schöne bei uns, dass nicht wie bei anderen Bands aus dem Genre nur die ersten Platten die sind, die wichtig sind. Die neue haben wir nicht mit aufgenommen, weil wir dann gerade mit dem Album auf Tour waren. Natürlich werden wir auch im Zugabenblock neue Lieder spielen. 'Closure‘ kann man jetzt schon nicht mehr aus einer BOYSETSFIRE-Show wegdenken. Das wird gerade das neue 'Empire‘. Die Leute lieben dieses Lied. Das wird nicht zu kurz kommen! Das erste Album (Anm. d. Red.: "The Day The Sun Went Out“) haben wir auch nicht genommen, weil viele Leute das auch einfach nicht mehr kennen. Da hätte ich mir ernsthaft Gedanken gemacht, ob die ganze Platte den Abend dann so trägt. Da gibt es super Lieder drauf. Wir spielen jetzt im Moment keins und auch nicht von der "In Chrysalis"-EP. Da waren immer Leute die gesagt haben: "'In Hope'! 'In Hope'!“, aber wenn wir es dann gespielt haben, waren die Leute immer so: "Geil. Ehm. Ochnajaa“. Und weil es dann so ist, fühlt es sich manchmal doch so an, wie eine andere Zeit. Ich lieb die Platte nach wie vor, aber sie hat Momente, die schwierig sind. Sie übersetzt sich live nicht ganz so gut. Bei "After The Eulogy" hab ich das nicht so. Ihr spielt jeden Abend ein Album komplett gefolgt von einem 'Best Of‘ und dann gibt es noch eine Akustik-Show für die, die an allen drei Abenden kommen, richtig? Genau. Der Akustik-Teil wird vor dem letzten Album kommen. Das ist ein kleines Dankeschön. So, dass man sich unterhalten, Händeschütteln und ein paar Getränke ausgeben kann. Chad und Nathan, gegebenenfalls Joshua und ich, das wissen wir noch nicht, werden ganz intim ein paar Songs spielen. Diese ganzen Shows sind wirklich so angelegt, dass sie das bestmögliche Erlebnis bieten. Die Tickets werden im Design der jeweiligen Alben sein. Der Merch wird angepasst an den T-Shirts, die es damals gab. Das ist ein riesen Aufwand und wir werden wahrscheinlich auch ein bisschen Geld verlieren aber es ist eben eine Geburtstagsfeier. Wir haben alle unsere Ideen reingepackt .Vieles davon ist noch nicht kommuniziert. Ich bin mir nicht sicher ob so etwas noch einmal passieren wird. Es ist sehr realistisch, dass es eine einmalige Sache bleibt für immer. Und dann hörst Du manche Lieder, die hörst Du ein einziges Mal. Und das ist ziemlich cool, finde ich, wenn Du dann in genau dem Moment da bist. (Episode II: Jared betritt den Bus, gefolgt von Chad) Bob: He is so pretty. Charlotte: It is always the drummer. Jared: There is a dance club in there now and there is still our stuff on stage. They were just playing ‘Requiem’ and that just felt really weird. Tatsächlich habe ich schon Unkenrufe gehört, dass die Oktober-Shows als Abschied befürchtet werden.... ? Bob: Das habe ich schon öfter gehört. Chad, Did you hear this that we are quitting for real now? Charlotte: Yeah, like ‘play what you can and go out with a bang’ Bob: I read this in an article, too. ‘I strongly believe this is the last time’. I even wrote that guy and asked him why he wrote that. Chad: Wouldn’t it be interesting to ask us? Charlotte: That’s what I am trying to do here Chad: We were never quiet about it when we – poorly – actually actually decided to do that one time. Bob: We’re not very sneaky about anything (laughter) Charlotte: I remember this one time right before the gig for T-Mobile that kinda brought you back together, when Nathan told me: ‘There is no way that BOYSETSFIRE are getting back together’. boysetsfire-2013Bob: Es war ganz im Ernst und ich war einer der Schlimmsten von denjenigen, die unbedingt mal frei haben wollten von dieser Band. Wir hatten gedacht, wir hätten bereits alles erreicht, was wir erreichen könnten. Das war vor der neuen Platte, die ja noch mehr erreicht hat, als wir für möglich gehalten hätten für eine Band wie uns: An die Top 20 der Charts zu klopfen. Wir hätten nicht gewagt uns zu erträumen, was heute wirklich passiert. Aber was tatsächlich der Grund war, dass wir gesagt haben, das war es jetzt für immer – wir hätten ja auch sagen können, wir machen ein paar Jahre Pause – war der, dass ich Angst hatte. Da wir uns nie gestritten hatten oder nie Probleme hatten, wäre die Band immer im Hinterkopf gewesen, wenn wir Angebote bekommen hätten, wie zum Beispiel für die Deftones zu eröffnen. Und eben diese Diskussionen wollten wir nicht. Wir wollten uns einfach mal um andere Dinge kümmern. Ich wollte zurück nach Deutschland. Ich wollte noch einmal studieren. Ich wollte mehr Zeit dem Kampfsport widmen. Und so hatte jeder von uns nach so langer Zeit mal eigene Pläne. Einfach mal das eigene Leben vor BOYSETSFIRE zu stellen. Denn während der 10 Jahre vorher war es genau umgekehrt. Kind hat Geburtstag: Pech. Papa ist nicht da. Hochzeitstag: Pech. Der Mann ist nicht da. Ich war damals einer, dem das ganz wichtig war, dass wir wirklich sagen, dass Schluss ist. Und es war unsere feste Überzeugung. Aber jemand der mich und uns gut kennt, hätte schon damals gesagt 'Naja, ob ihr wirklich die Finger voneinander lassen könnt?‘. Wir haben es ganz ernst gemeint aber ich glaube dadurch, dass es überhaupt keine negative Energie gab, war es eigentlich klar, dass es nur eine Pause wird. Und dann kam "While A Nation Sleeps“. Ich habe nicht mit dem Erfolg gerechnet. Nicht weil ich das Album nicht großartig finde, sondern vielmehr weil ich erwartet hätte, dass ihr bei den Kids schon längst in Vergessenheit geraten wärt. Das Interessante ist: Unser Promo Mann sagte, er habe keine schlechte Review gefunden. Und das ist schon heftig. Da haben größere Bands als wir schlechtere Reviews bekommen. Im Gegenteil: Metallica bringen eine neue Platte raus und jede zweite Review ist scheiße. Ich will damit sagen: Dieser Rückhalt durch die Bank von all den Leuten ist unglaublich. Und dass dann beispielsweise das Impericon-Festival von uns geheadlined wird, obwohl eigentlich größere Bands zur Wahl standen… Das baut alles auf der Platte auf. Dass auch alles so schnell ausverkauft ist. Dieses Konzert heute war seit Monaten ausverkauft. Das hat nur ein paar Tage gedauert… Und all das ist nicht wegen "After The Eulogy" und nicht wegen "The Misere Index" sondern wegen der neuen Platte; weil die noch mal so angeschoben hat. Und ganz ehrlich, das hatte niemand auf dem Schirm. Am allerwenigsten wir. Wir haben die null geschrieben, um jemandem zu gefallen. Wir haben uns nur wie kleine Schuljungen gefreut, weil wir uns alle sehr gern haben. So plump das klingt: Das ist der Schlüssel zu dieser Band. Wir sind ganz engste Freunde und Familie. Und ich glaube, oder ich weiß, dass es bei sehr vielen Bands nicht so ist. Das sind eher Zweckgemeinschaften, die sich bestimmt ganz gut verstehen wie so Typen im Fußballverein. Man geht mal aus, geht mal einen trinken. Dafür agieren diese Bands oft sehr viel professioneller. Das war nie unsere starke Seite und das wird es auch nicht mehr werden in diesem Leben. Aber solche Bands gehen dafür sicher auch andere Kompromisse ein… Bestimmt! Und vielleicht sind die auch ein ganz klein wenig weniger passioniert. Dadurch, dass immer alles perfekt runtergespult wird. Das waren wir nie. Das Schöne an BOYSETSFIRE ist: Wir versuchen auch nichts anderes zu sein, als das was wir sind und denjenigen denen es gefällt, die kommen vorbei und feiern mit und denjenigen, denen es nicht gefällt, die haben tausend andere Bands. Wie diese ganzen jungen Bands mit diesem Metalcore. Das würden wir nicht machen wollen und wir sind es auch nicht. Wir sind keine Heavy Metal-Band. Wir spielen nicht so Schlagzeug und wir spielen nicht so Bass. Wir spielen genau das was wir spielen wollen. Und das ist eben authentisch. Wir müssen nicht darüber nachdenken, was Sinn macht und was wir tun müssen. Weil wir halt nicht von der Band leben. Das ist unser Luxus. Wir sitzen nicht zitternd da und denken: ‚Wie viel haben wir jetzt von der Platte verkauft?`. Das hat niemand von der Band gefragt und niemand weiß es. Das mit dem Chart-Platz war bloß so 'OHWHAAT??‘. Das wurde so an uns kommuniziert. Das konnte man nicht ignorieren. Aber ich weiß bis heute nicht, wie viele es genau sind, die einen Platz 23 ausmachen, weil ich nie gefragt habe. Ehrlich gesagt ist mir sowas wie heute viel wichtiger. Wo sich die Leute fast umgebracht haben, um hier pünktlich herzukommen. Nathan und Josh im speziellen, weil sie mit Chads Kindern nicht ins Land durften, zurück bleiben mussten und so weiter. Klar hast du dann nicht die überprofessionelle, super eingespielte, ausgeschlafene Performance. Aber du hast halt einen Auftritt, wo jeder abgeht und schwitzt und jeder da drin sah super happy aus. Inklusive uns selber! Das ist der Grund, warum wir das immer noch machen. Der Rest.. Das ist alles sehr angenehm; in so einem Bus zu reisen und mit Leuten zu sprechen. Aber der Kern ist diese Energie! Diese 1,5 Stunden, wo ich nicht wüsste, wie ich das ersetzen kann. Und das war halt das Problem in der Pause – wo ich das nicht konnte. Wenn mich irgendeine andere Band angesprochen hat, was nach BOYSETSFIRE auch passiert ist, war es nicht das Gleiche. Ich kann diese Energie nur mit den anderen vier Jungs haben. Das ist halt so ein bisschen mein Fluch und mein Segen. Segen, weil es schön ist mit seinen besten Freunden was Musikalisches zu machen. Fluch, weil es nicht ersetzbar ist. Zudem ist es nicht immer unmittelbar möglich. Du bist hier in Deutschland, die anderen Jungs sind in den U.S.A…. Ganz ehrlich: Ich verstehe bis heute nicht, warum sie sich nicht einfach einen Bassisten aus Amerika gesucht haben! Das wäre so viel einfacher gewesen. Ich hab’s ihnen gesagt: 'Ich versteh das, aber ich ziehe aus München eben einfach nicht mehr weg‘. Aber sie wollten partout nicht. Sie sind sehr starrköpfige Band-Kollegen. Loyal Ja, loyal ist das andere Wort. Aber die nehmen all das in Kauf; diesen ganzen logistischen Wahnsinn. Was die alles bereit sind zu machen, nur um es zu ermöglichen, dass ich in der Band mitspiele, das ist glaube ich in der ganzen Musiklandschaft meines Wissens nach momentan alleinstehend. Deine Story ist sowieso schon verrückt! Ganz verrückt. Aber das noch oben drauf. Dass du Leute hast, die unsinnige Business-Entscheidungen treffen, nur damit sie mit ihrem besten Freund was machen können. Ich darf da gar nicht so viel drüber nachdenken, weil das rührt mich schon immer noch. Weil das so anders ist. Wie wir in diesem so genannten Musik-Geschäft, weil es ist ja ein Geschäft, den Fokus so auf Musik legen und nicht auf das Geschäft. Darauf bin ich sehr stolz und das ist auch ganz wichtig, denn wenn wir es anders machen würden, würde es die Band nicht mehr geben. Das hält unser Konstrukt nicht aus. Dafür sind wir nicht gebaut. Und dafür sind wir nicht Profis genug. Ganz dem Klischee nach ist weniger eben mehr. Uns tut es ganz gut, nicht neun Monate im Jahr zu touren. Dafür sind wir zu kauzig und strange. Ich würde es nicht aushalten. Ich hänge so an meinen Kindern und meiner Frau. Ich bin nicht bereit, für kein Geld der Welt… Wobei… Wenn ich wüsste, ich kann so viel Geld verdienen, dass ich mich nach drei Jahren Welt-Tournee zur Ruhe setzen kann... Dann vielleicht. Dann könntest du die Familie auch einfach mitnehmen ohne dass es weh tut. Aber will man das dann? Kinder in Hotelzimmern großziehen? Ich mag es wie es ist. Ich kann mich in meinem täglichen Leben in der kleinen feinen Konzertagentur mit Musik beschäftigen, anderen Bands Konzerte ermöglichen. Ich habe immer wieder so kleine Inseln, wie dieses Wochenende. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mit 36 noch habe. Ich habe immer gedacht: das ist entweder – oder; aber nicht, dass sich alles so verbinden lässt. Meine Frau kommt beispielsweise am Montag. Mein Sohn kommt nächstes Mal einen Tag mit, weil er jetzt alt genug ist. Das ist nicht planbar. Das hat sich organisch so entwickelt; durch Freundschaften die echt sind. Mein Leben, so wie ich es habe, kann man nicht mit einem Plan hin basteln. Das passiert einfach. Und ich habe einfach sehr viel Glück gehabt. Mein ältester und bester Freund ist der Tour Manager und Manager. Der andere beste Freund ist der Typ, der hier grad stand mit der Whiskyflasche und frischen Socken. Wir hängen den ganzen Tag miteinander rum. Ich muss leider berichten, dass das bei anderen Bands nicht so ist. Der Umgang miteinander… Wo wir wieder bei Metallica wären… Die sich tatsächlich mit Handschlag begrüßt haben! Wie so Leute, die sich tagsüber nicht sehen. Ich würde den Herrn Ulrich aber auch nur mit Handschlag begrüßen (haha) Ich glaub ernsthaft, den kann man nicht aushalten. Übrigens: Ich würde nie ein schlechtes Wort über die Band verlieren. Die sind der Grund warum ich ursprünglich mal angefangen habe Musik zu machen. Beim Chad genauso. Aber ja. Das ist auf einem anderen Level. Dort sind halt auch die Egos einfach sehr viel größer. Wir haben sehr viel Ego-Begrenzung betrieben. Wie so eine Band-Meditation – auch wenn wir es nicht so benannt haben. Weil wir auch schon die Anlagen dazu hatten. Also ich hab ein furchtbar großes Ego und das ist mir in meinem Leben schon so oft im Weg gewesen. Es war eine bewusste Entscheidung. Damit die Band so funktioniert, muss jeder auch ein bisschen zurück schrauben. Ihr seid alle sehr starke Charaktere. Ja sehr. Wir sind alle, Jared mal ausgenommen – mit dem kann man immer gut klar kommen – sehr eigen und sehr unterschiedlich in wirklich jeglicher Hinsicht die man sich ausdenken könnte. Da könnte man jetzt jedes Thema nehmen: Ernährung. Religion. Alles! Die Band hat alle Facetten von allem. So eine Band gibt es glaub ich nicht mehr in der konfusen Form. Ich kenne keine Band wo der Sänger Mitglied in der Church of Satan ist und ich jeden Tag vor einer indischen Statue meditiere. Das ist einfach verrückt und das dürfte es eigentlich gar nicht geben. Aber es funktioniert eben irgendwie, weil die Basis Freundschaft ist und nicht ein gemeinsames Projekt. Wir sind halt keine Arbeitskollegen. Das ist der Unterschied. Was nicht heißt, das man nicht mit seinen Arbeitskollegen sehr gut auskommen kann. Die Motivation ist eine andere. Wenn sich bei der Arbeit ein Projekt beendet, ist es vorbei. Bei Familie ist das was anderes. Daher sehe ich uns eher als eine musikalische Familie. Und das ist der Grund, warum wir unseren Geburtstag mit Leuten wie Dir, die uns schon immer unterstützt haben, aber auch für uns selbst feiern wollen. Drei Tage in einer Stadt! Wir waren gar nicht sicher, ob es überhaupt klappt. Aber es geht! Es macht einen großen Unterschied, wenn einem die Menschen und ihre Musik in so vielen Lebenslagen begleiten. Es ist viel emotionaler als nur einfach mal ein großartiges Album zu hören. Es sind Lebensmomente mit der Musik verknüpft Boysetsfire-2014-courtesy of End Hit RecordsUnd das ist genau das! Ich würde jedem, der sagt: ich mag 'Rookie‘ und ich mag 'Closure‘ davon abraten, dorthin zu kommen. Dafür sind dann Festivals da. Dort kann man auch mitfeiern. Dafür ist der Rahmen auf den Shows im Herbst zu intim. Dort wird es für alle, genau wie für uns: Gänsehaut. Da wird man dieses Lied, dass ich immer 'Iowa-Song‘ nenne und nicht mal den Titel weiß (hahah) von der "After The Eulogy" ein einziges Mal hören und dann nie wieder (Anm. d. Red.: Liebe Leser, lieber Robert, der Song heißt: 'When Rhetoric Dies‘). Mit der letzten Note saugt das Universum das wieder raus. Das sind Momente, die einmalig sein werden. Definitiv kein normales Ding. Es wird was anderes werden. Und nächstes Jahr kann man gucken, was man dann so macht. Wir versuchen nicht mehr, so weit im Voraus zu planen. Schreibt ihr denn weiterhin? Wir sprechen schon. Wir werden uns nicht mehr auflösen. Das ist mal der erste Konsens. Das ist nicht nötig. Wir haben es ja versucht. Das klappt ja nicht. Wir gehen nirgends hin. Wir machen weiter. Es macht zu viel Freude und es gibt keinen Grund es nicht zu tun. Das einzige was sein könnte ist, dass wegen der Familie oder Nathan wegen I Am Heresy sagt: ‚Ich habe dieses Jahr weniger Zeit‘. Dann ist das halt so. Dann machen wir halt weniger. Aber BOYSETSFIRE funktioniert nur, wenn man an neuer Musik arbeitet. Wir sind nicht unsere eigene Coverband. Daher mussten wir auch an "While A Nation Sleeps" arbeiten. Die Reunion war cool. Da hätten wir auch jeden überfordert, gleich mit neuen Liedern zu kommen. Es musste erstmal sacken, dass wir wieder da sind. Dann war uns aber schnell bewusst, dass geht nicht ohne neue Songs geht. Da gibt’s für 2015 ein paar ganz schön verrückte Ideen und ich glaube wir bleiben nicht berechenbar. Berechenbar wart ihr noch nie. Ich erinnere mich noch gut an das erste Hören der "The Misery Index“: Horns, really? Hip Hop-Samples, Piratenlieder, die nach Bad Brains klingen… und dabei anders hart als "After The Eulogy“ (Chad betritt erneut den Bus: Episode III – und damit die letzte) Chad: Can you please come out and hang out with me? Sein Wunsch sei uns Befehl. Damit keine leeren Versprechen im Raum hängen bleiben, werden mir noch einmal alle Betten im Bus vorgeführt. Alles perfekt. (Photos courtesy of End Hits Records)