(Atlantic/Swan Song / Warner Music) Man kann könnte jetzt meckern, dass ich ein Review erst nach dem Release-Date schreibe. Aber mal ehrlich: Ihr kennt die Songs seit einem halben Jahrhundert. Da muss man sich jetzt auch nicht mehr künstlich stressen. Wenn es nicht LED ZEPPELIN verdient haben, ihr Re-Release in aller Ruhe zu bestaunen, wer dann? Genau! Der Live Stream aus Paris mit dem lieben Herrn Page lieferte den Fans kürzlich bereits einen kleinen Vorgeschmack und die Top 20-Chartplatzierung der drei veröffentlichten Deluxe-Versionen der Alben macht im Grunde jedes Weiterschreiben überflüssig. Wer es sich einfach machen möchte: Ich werde nichts Gegenteiliges behaupten. Das wäre quasi Blasphemie. LED ZEPPELIN ist die Mutter meines heutigen verkorksten Musikgeschmacks. Da ist kein Platz für Zweifel. Und auch wenn meine Mutter vermutlich Nana Mouskouri ins Spiel bringen würde, bin ich sicher, dass mein Vater meinen Musikgeschmack auf das Beisein von LED ZEPPELIN bei bestimmten für mich lebensbegründenden Aktivitäten meiner Eltern im Spiel war. Somit werden für mich diese Alben, besonders "Led Zeppelin II" und "Led Zeppelin III" immer in dem berühmten Köfferchen für die einsame Insel liegen. Led-Zeppelin-1969-bw2-courtesy-of-Atlantic-Records-px700Aber warum jetzt noch einmal alles neu? Möchte Herr Page lediglich noch mehr Geld verdienen? Senile Bettflucht? Nein. Die Re-Issues sind viel mehr als nur eine neu verpackte gepresste Scheibe Nostalgie. Grundsätzlich sei voraus geschickt, dass knapp 120 EUR (für die Super Deluxe Box) vielleicht nicht geschenkt, aber für drei Alben auf CD und Vinyl und jeweils einer Companion Disc (dazu komme ich noch) inklusive Download-Code in hübscher Verpackung durchaus gerechtfertigt sind. Was steckt drin? Zunächst mal die Alben "Led Zeppelin", "Led Zeppelin II", und "Led Zeppelin III" wie man sie kennt; jedoch von Jimmy Page persönlich neu gemastered. LZI_CD-px700Jegliche Befürchtung der Überproduktion ist fehl am Platz. Selbst der größte LED ZEPPELIN-Fan seit Menschengedenken (plus/minus 5 Jahre) freut sich darüber, dass so kleine feine Details, wie das quietschende Bass-Drum-Pedal bei 'Since I’ve Been Loving You' nach wie vor zärtlich den Takt begleitet. Sowas gibt es doch heute gar nicht mehr! Die neu abgemischten Versionen überstehen das Hören auf einer Anlage mit perfektem Sound, ohne dass auf einmal überproduziertes Gepresse aus dem Orbit wummert. Und glaubt mir mal, das ist bei einigen neumodernen (Lieblings-)Bands erschreckend häufig erschreckend anders. Mal abgesehen von den schon lange geliebten Stücken, gibt es ohne Ende unveröffentlichtes Material oben drauf. Jedes der Alben wird von einer Companion-Disc begleitet (was im Übrigen auch im Zuge der kommenden Veröffentlichungen entsprechend der Fall sein wird). Die Companions enthalten bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen, Demo-Versionen, Backing-Tracks und Studio-Tracks. Damit dieses Review nicht schon wieder epische Länge erreicht, hier in aller Kürze ein paar besonders schöne Momente:   LZI_Neg_LP_PS_300dpi_RGB-px700   "Led Zeppelin" Die Companion hierzu ist "Live At The Olympia", dem bisher unveröffentlichten Live-Gig aus dem Jahre 1969 in Paris. Ich verspreche jetzt einfach mal, dass es niemand auf dieser Erde (außer vielleicht Kim Jong Un) über den Starter mit 'Good Times Bad Times' im direkten Übergang zu 'Communication Breakdown' hinaus schafft, ohne komplett vor Freude durchzudrehen. Erwähnenswert ist ebenfalls 'Dazed And Confused' als 15 -minütiger Musiksturm; inklusive einem klassisch-inspiriertem Jimmy Page, der seine Gitarrensaiten mit einem Geigenbogen beheizt.   LZII_Neg_LP_PS_300dpi_RGB-px700   "Led Zeppelin II" ... wird oft als 'das' LED ZEPPELIN-Album schlechthin gehandelt. Ich persönlich freue mich, dass 'What Is And What Should Never Be' nichts an Stimmung einbüßt. So funktioniert 'Musik atmen'. Und dann ist da ja noch 'The Lemon Song'; der bitte sowohl auf meiner Hochzeit als auch auf meiner Beerdigung gespielt werden soll; das passt vermutlich auch in beiden Fällen textlich 1a. LZII_Deluxe_Box-px700Die Companion zu "Led Zeppelin II" beinhaltet neben mehreren unveröffentlichten Rough-Mixes auch den zuvor noch nicht gehörten Intro/Outro Song 'La La'. Der instrumentale Upbeat-Song klingt gar nicht mal so zeppig, wenn ich das so sagen darf. Mag ich aber (klar, nä?) und hätte man auch ruhig in den letzten paar Jahrzehnten schon mal unter die Leute bringen können. 'Rumble On' im Rough Mix klingt, als ob hier jemand direkt auf meinem Kopf rumtappert. Patte patte patte. Hab ich schon gesagt, dass ich das mag?   LZIII_Neg_LP_PS_300dpi_RGB-px700   "Led Zeppelin III" Neben meinen all-time Favorites bleibe ich heute erstaunlich lange (nochmal, nochmal!) an 'Tangerine' hängen. Ich lande in meinem Kopf sofort auf der Memory Lane und cruise beim Refrain in Gedanken in einem Cabrio den Highway Number 1 herunter – die Arme in den Himmel gerissen (also Beifahrer, klaro). Auf der Companion zu "Led Zeppelin III" fehlt der entsprechende Rough Mix. Das ist aber nicht schlimm, denn es passiert folgendes: (Phew. Dass ich mich kurz fasse wird doch nichts mehr. Ich sag nur zwei Sachen): 'That’s The Way' (Rough Mix with Dulcimer & Background Echo) lässt ganz kurz mal die Welt anhalten, wenn die Gitarre am Herzchen zerrt. Spätestens bei der Textstelle 'And yesterday I saw you kissing tiny flowers, but all that lives is born to die' sterbe auch ich ein klitzekleines Bisschen. 'Since I’ve Been Loving You' ist ebenfalls als Rough Mix des allerersten Recordings vertreten. Und jetzt sterbe ich ganz und für immer. Wirklich. Der Koffer für die Insel kann über Board. Eigentlich brauch ich heute nur diesen einen Song. Und dann wäre da noch der altbekannte Instrumental-Track 'Moby Dick', welcher sich sowohl auf der ersten Companion "At The Olympia", wie auch auf der "Led Zeppelin II"-Deluxeversion und der Companion zu "Led Zeppelin III" befindet. Ich bin Schlagzeugmädchen. Was soll ich sagen? Meinetwegen könnte das auch noch in zehn anderen Versionen auf jeder der nächsten drei Veröffentlichungen zu finden sein. LZIII_Re-Issue_LP-px700Abgesehen von den bisher unveröffentlichten Perlen ist das natürlich alles nicht völlig wham-bam-neu. Wichtig zu sagen ist aber, dass das Gefühl bei diesen remasterten Versionen nicht verloren gegangen ist. Im Gegenteil: Es kommt ganz neu wieder. Das Schöne daran, so ein besonderes Goldstückchen zu Hause zu haben, ist es, einfach mal wieder die Welt einen Abend lang draußen zu lassen und einen (Half-) Zepathon zu veranstalten; sich über quietschende Fußmaschinen und reißende Gitarrensaiten zu freuen und das Herzchen ein kleines wenig brechen und heilen zu lassen. Man hört die Finger auf dem Gitarrenhals rutschen, Haut, Hände, Stimmbänder und Herzschlag. Schwingungen. Musik: Bewegt - statt programmiert. Letztendlich sagen es LED ZEPPELIN selbst doch am Schönsten auf "Led Zepplin II", Track 4, 'Thank You': 'Inspiration Is What You Are To Me'. Alben-VÖ: 30.05.2014 (Photos courtesy of Atlantic Records)