(Mute/Rough Trade) In der zweiten Jahreshälfte 2013 schrieb die von mir sehr geschätzte Seite Plattentest.de über das neue GOLDFRAPP-Album: „Den einlullenden Charakter, den das Album beim ersten Hören durchaus ausstrahlen kann, geben die Briten mit jedem weiteren Hören ab, bis davon nichts mehr übrig ist.“ Ob diese These stimmt oder widerlegt werden muss, kann man nun anhand des Re-Releases in Form einer Deluxe Edition überprüfen. Die wichtigste Frage bei einer Neuveröffentlichung besteht zunächst in dem Mehrwert, welche diese, zumeist als "Deluxe Edition" angepriesene Veröffentlichung, aufweist. In diesem Falle wird das sechste Studioalbum des britischen Duos um die Audioaufnahmen im legendären Londoner Air Studio ergänzt. Der Auftritt war Teil der internationalen Kinovorstellung im März 2014, in der die Kurzfilme zu "Tales Of Us" und eine Live-Performance gezeigt wurden. Die Kurzfilme gibt es dann auch noch oben drauf, welche zusammengesetzt einen 30-minütigen Film ergeben, der verschiedene Geschichten über Liebe, Verlust, Wahnsinn und Identität zeigt. Und für die absoluten Fanboys gibt es das ganze noch im Box-Set (40 Seiten Booklet, Lithographiedruck, einer DVD des Albums in 5.1 Surround Sound und einer Dokumentation über die Entstehung von "Tales of Us"). Doch kommen wir zunächst zum ursprünglichen Album, welches den Langzeittest inzwischen hinter sich hat. Und leider muss ich sagen, dass ich die Platte nicht so oft auflege. Zugegeben ist das alles große Kunst, was Alison Goldfrapp und Will Gregory hier anbieten, aber außerhalb ihres Kontextes kann die Musik auf dem sechsten GOLDFRAPP-Album nur wenig begeistern. Selbst mit Abstand hören sich die Tracks des Albums immer noch zu gleichförmig an. Die musikalische Herkunft des Filmkomponisten Gregory steht hier mehr im Weg, als dass sie der Band zu neuen Großtaten verhelfen mag. In Verbindung mit den künstlerisch wertvollen Filmkompositionen, der hier nun erhältlichen Kurzfilme, entfalten die jüngsten GOLDFRAPP-Songs jedoch eine ganz neue Facette und irgendwie eigentümliche Dynamik. Auf einmal scheint alles Sinn zu machen und man sollte das Projekt in seiner ganzen künstlerischen Breite auf sich wirken lassen. Goldfrapp 03 - Annemarieke van DrimmelenMan sollte aber auch die Aufnahmen aus dem Londoner Air Studio nicht unerwähnt lassen. Die Live-Performance glänzt mit einigen Klassikern der Band, welche den Bogen zurück bis zum Debüt Album "Felt Machine" schlägt. Vom neuen Longplayer schafften es lediglich 'Thea', 'Clay' und 'Alvar' in die Setlist. Die zehn ausgewählten Songs umfassen fast außchliesslich sehr ruhige Kompositionen, welche hier nochmals reduzierter und zurückhaltender präsentiert werden, als es die Studioversionen ohnehin schon waren. Der Star ist und bleibt hier einfach Alison Goldfrapps Stimme, welche sich sanft hauchend durch den lasziven Jazz schlängelt und dabei eine gehörige Portion knisternde Erotik versprüht. Der unglaubliche Facettenreichtum, den diese Band ausmacht, wird dann insbesondere nochmal bei den beiden abschließenden Tracks 'Train' und 'Strict Machine' deutlich, welche aus der ersten elektronischen Phase der Band (2003) ins Hier und Jetzt gerettet werden. Summa Summarum ist "Tales of Us" ein weiterer stilistischer Move einer Band, die sich scheinbar nie wiederholen möchte und sich stets auf den Weg zu neuen Ufern macht. Und vielleicht wird GOLDFRAPP ja bald mal einen Tarantino-Streifen musikalisch untermalen. So unpassend wäre diese Kollaboration sicher nicht, wenn man sich "Tales Of Us" vor Ohren führt. Album-VÖ: 27.06.2014 (Photo by Annemarieke van Drimmelen)