(Universal Music) Alles perfekt. Goldjungs. Chartplatzierungen garantiert. Die Leute werden es lieben. Ganz sicher. Und keiner kann meckern. Oder doch? Seit einem Herbst letzten Jahres arbeiteten Sänger Tim McIlrath und Kollegen am neuen Album "The Black Market". Im Juli soll die Scheibe nun erscheinen und die erste Single-Auskopplung wurde bereits einen Monat vor Release der Welt präsentiert. Ein Promo-Sturm an Teaser-Videos, Tour-Ankündigungen, Präsentation des ausgesprochen gelungenen Artworks, usw. befeuert seit Wochen das Interwebs. Alle sind gespannt. Ich war es auch. Nachdem mich persönlich der Vorgänger "Endgame" aus dem Jahre 2011 schon nicht mehr ganz so packen konnte, war ich guter Hoffnung, dass ein bisschen Pause und neue Ideen wieder Schwung in die Sache bringen und letztendlich mehr Druck über die Boxen schicken. Mag sein, dass meine Erwartungen da zu hoch waren, aber den Anspruch ans 'Mitgerissen werden' sollte man an eine kritische und emotionale Band schon stellen können. Auf Grund meiner emotionalen Schräglage kombiniert mit ausgiebiger Überfeierung sollte ausreichend Angriffsfläche für "The Black Market" vorhanden sein. Los geht es mit 'The Great Die-Off'. Streicher? Wirklich? Wirklich! Da eröffnen RISE AGAINST mal etwas innovativ. Man muss sich aber nicht gleich fürchten. Nach den ersten paar Takten geht die Post in alt gewohnter Manier ab. Der Song tut, was er tun soll und spontanes Mittrommeln ist nicht zu vermeiden. Unverkennbar: RISE AGAINST und nichts, was einen daran zweifeln lässt. Ich schätze das, weil es fast nichts schlimmeres gibt, als Bands die auf einmal vergessen haben, wie sie eigentlich klingen sollen. Wobei man dazu sagen muss, dass Tims unverwechselbare Stimme auch kaum einen fremdelnden Klang zulassen würde. Gleich im Anschluss wirbelt mir 'I Don’t Wanna Be Here Anymore', die erste Single des Albums, mit treibenden Drums um die Ohren. Ein Live-Garant, wie er im Buche steht. Shout-Alongs sind hörbar eingeplant und kaum noch zu vermeiden. Für mich ist das der beste Track des Albums und auch genau das, was ich von einem durchschnittlichen RISE AGAINST-Song erwarte. Moment mal... Durchschnittlich und bester Song des Albums? Leider ja. Bei 'Tragedy And Time' ist der absolut tanzbare Einstieg zwar großartig, leider schwenkt das Ganze dann in einen scheinbar nicht richtig ausdifferenzierten Langatmer um. Und dann passiert das Undenkbare. Für einen kurzen, klitzekleinen Moment denke ich: Das klingt wie Nickelback!  Im gleichen Moment tut mir dieser Gedanke leid - aber er ist nun mal da. Im Versuch diese Schmach zu überwinden, widme ich mich also dem Titeltrack 'The Black Market'. Im Grunde ist es ein gutes Ding, aber ein Titel, der mit Zeilen wie 'I’m falling on my knees, I need you here',  die pure Verzweiflung vertexten soll, braucht schlichtweg eine gehörige Portion Druck und Schmerz in der Stimme. Leider wird das Ganze erstaunlich ruhig und sauber gesungen. Sehr schade! Das wird etwas ausgeglichen, denn bei 'The Eco-Terrorist In Me' findet McIlrath seine zerrenden Stimmqualitäten wieder. Ab geht die Post und ich verspreche energische Öko-Pits bei den Shows.  Die Umwelt scheint einfach mehr Herzwummern bei der Band auszulösen, als so ein bisschen Liebeskrams. Entäuschend sind insgesamt die etwas lauen Lyrics. Vielen mögen die Songtexte einfach egal sein, aber wenn man nach emotionalem Tiefgang und lyrischer Erfüllung sucht, fehlt es dieses Mal etwas an Feinschliff. In einigen Songs stolpere ich viel zu oft über kitschige Klischees und abgedroschene Phrasen. Die Standard-Ballade eines jeden RISE AGAINST-Albums lässt auf Seelenschmuserei hoffen, aber 'People Live Here' präsentiert sich unglücklicherweise als Vorreiter der textlichen Enttäuschung. 'The Storm is getting stronger' / 'Push comes to shove' / usw. Das wirkt alles etwas pathetisch und kommt an Akustik-Lieblinge, wie 'Swing Life Away' stimmungstechnisch einfach nicht ran. Als dann die Streicher einsetzen, passiert der zweite assoziative Supergau: Ich denke an die Scorpions. Kurz überlege ich den Rest des Songs einfach zu skippen. Rise Against-Photo by LeAnn MuellerInsgesamt ist "The Black Market" unverkennbar ein RISE AGAINST-Album. Ich habe eben etwas mehr Wortgewandtheit erwartet und wäre sehr gern mehr an die Hand genommen worden. Ich weiß ja, dass die Jungs es drauf haben, genau in die Kerbe zu schlagen, die man grad so mit sich rumschleppt. Leider ist mir aber nach dem ersten Hören weder danach, mich gegen irgendwelche sozialen Missstände aufzulehnen, noch fühle ich mich inspiriert zu neuen Stimmungshochs oder -tiefs zu begeben. Im Gegenteil. Neben der Mischung aus latent übermüdet, überfeiert, unterschwellig aggressiv und hoffnungssuchend, bin ich jetzt auch noch ein kleines bisschen gelangweilt. Hätte ich RISE AGAINST vorher noch nie gehört, würde ich mich über dieses solide Album freuen. Ich würde es aber sicherlich nicht als die Offenbarung des Jahres feiern, geschweige denn das nächstgelegene Konzert aufsuchen, wenn es sich nicht zufällig ergibt. Die Energie und das 'Blut-und-Schweiß-Gefühl' der alten Lieblinge, wie 'The Art Of Losing', 'Ready To Fall', oder 'Under The Knife' werden leider bei weitem nicht erreicht. Tracklist: 1. The Great Die-Off 2. I Don’t Want To Be Here Anymore 3. Tragedy + Time 4. The Black Market 5. The Eco-Terrorist In Me 6. Sudden Life 7. A Beautiful Indifference 8. Methadone 9. Zero Visibility 10. Awake Too Long 11. People Live Here 12. Bridge Album-VÖ: 11.07.2014 (Photo by LeAnn Mueller)