(Harvest/Universal) Wenn es um den Albentitel des Jahres geht, dann ist unser aller Freund aus Manchester, der mit dem irischen Blut und dem englischen Herz, ganz vorne dabei. Der Mozzer verteilt wieder hemmungslos in alle Richtungen. Weiß er doch nur zu gut, dass er dabei nur gewinnen kann. Objektivität im Umgang mit seiner Person ist ohnehin nicht zu erwarten, von ihm selbst am allerwenigsten. Haters gonna hate - er wäre bodenlos enttäuscht, wäre es anders. Und so kann er sich herausnehmen, was er will. Wir werden es entweder lieben und abnicken - oder eben verständnislos mit dem Kopf schütteln. Da darf dann schon mal der Stierkämpfer unter Beifall sterben oder auch das kleine Mädchen sich die Treppen der Universität herunterwerfen, das den Druck der Eltern nicht standhält. Der Weltfrieden geht uns, also den Normalsterblichen, sowieso nichts an. Geht wählen und unterstützt das System! MORRISSEY ist sicherlich nicht der Einzige mit einem politischen Bekenntnis im Popzirkus, aber vielleicht der authentischste. Aus seinen smarten Texten tropft wie eh und je der Ekel über seine Mitmenschen, verpackt mit einer gehörigen Portion Ironie und Zynismus, so dass der Nicht-Insider sich doch manchmal fragen muss, ob dass denn jetzt ernst gemeint ist. Seid euch gewiss: es ist es! Von seiner Bissigkeit hat er nichts eingebüßt, auch mit mittlerweile 55 Jahren nicht. Über den Schmerz des Seins singt er natürlich auch ('I Am Not A Man', 'Earth Is The Loneliest Planet'). Doch MORRISSEY wäre nicht MORRISSEY, wenn dabei nicht wieder ein paar ganz hervorragende Popsongs heraus gekommen wären. Seine stärkste Phase hatte er zwar sicherlich Anfang/Mitte der 90iger mit "Your Arsenal" und "Vauxhal And I". Und als es dann nach den eher durchwachsenen Alben "Southpaw Grammar" und "Maladjusted" ruhig wurde, waren die die 2004 bzw. 2006 erschienen "You Are The Quarry" und "Ringleaders Of The Tormentors" von einer Qualität, die man diesem Dinosaurier des Pops nicht mehr zugetraut hatte. Pop, das ist beim Mozzer mehr Frank Sinatra meets Oskar Wilde, denn das hirnlose Gedudel, das uns aus dem Radio anträllert. Morrissey 2014 - CMS SourceUnd auch auf "World Peace…" sind ein paar typische ‚beschwingte“ Mozzer-Songs, die sich nach mehreren Durchläufen so richtig entfalten. Das letzte richtige Studioalbum "Years Of Refusal" war eher geprägt durch Songs, die irgendwie zu rockig waren, zu viel Testosteron in Bass und Drums, zu aggressiv die Gitarren - MORRISSEY's feiner Humor und sein tiefer Schmerz blieben dahinter blass. Die Songs dadurch zu gewöhnlich. 2014 ist die Instrumentierung vielschichtiger, mal hart und mit allerlei Elektrosounds wie bei 'Neal Cassady Is Dead', dann aber auch mit Flamenco-Gitarren oder Bläsern - oder ganz ruhig. Ob die Songs stark genug sind, ihm zu neuerlichen Charterfolgen zu verhelfen, wird sich zeigen. Wie wichtig ihm das ist, weiß man spätestens seit seiner letztjährigen Biographie. "World Peace Is None Of Your Business" ist nicht das beste MORRISSEY-Album, aber eines, das mit jedem Hören besser wird. Man wird das Gefühl nicht los, dass es ihm zuallererst darum ging, auf möglichst viele Füße zu treten, er musste was los werden. Die Songs sind das Vehikel dazu. Gut So. Album-VÖ: 11.07.2014 (Photo courtesy of Universal Music)