(Sony Music) IN FLAMES haben es sich nie leicht gemacht und sich stetig verändert, den Band-Sound konsequent entwickelt. Das hat den Schweden immer wieder harsche Kritik vieler Old-School-Metalheads eingebracht. Und ich höre schon das Klagelied dieser sogenannten Fans in meinem Ohren, wenn diese "Siren Charms" das erste Mal lauschen werden. Denn die Göteborger Formation hat den auf "Sounds Of Playground" eingeschlagenen Weg weiterverfolgt und sich noch mehr alternativen Songstrukturen und poppigen Arrangements geöffnet.

Böse Zungen könnten nun behaupten, IN FLAMES hätten sich mit ihrem neusten Werk vom Metal verabschiedet, und so scheint der Plattenfirmenwechsel nur logisch und die anstehende Tour mit Papa Roach wie Verrat an der Fanbase. Auf der anderen Seite sollte man einer Band nach fast 25 Jahren des Metal-Musizierens und 10 Alben, die man fast ausnahmslos zu der Speerspitze der Szene zählen kann, zugestehen, auch mal etwas anderes zu wagen. Und so wollen wir an dieser Stelle doch einmal so objektiv wie möglich an "Siren Charms" herangehen: Aufgenommen wurde der neuste Streich im Herbst und Winter 2013 in den Berliner Hansa-Studios. Auf dem Neuwerk führen die Schweden den auf "Sounds Of A Playground" begonnen Wandel hin zum Rock fort. Der Opener 'In Plain View' beginnt elektronisch, bekommt dann aber doch eine Metalschlagseite und mutiert zu einer echten Hymne. Am Auffälligsten ist nicht nur hier die Veränderung von Sänger Anders Friden, der stets an sich gearbeitet hat und auf jeder Platte ein Stück anders klang. Mit so viel Melodie wie hier ging er allerdings noch nie zu Werke. 'Everything Is Gone' ist eine Verquickung der neuen und alten IN FLAMES. Hier gibt es schönen Schweden-Death-Metal gepaart mit Pop Anleihen. Jene kommen im unterschwellig beginnenden 'Paralyzed' noch mehr zum Tragen. Und trotzdem oder gerade deswegen ist die Nummer ein echter Hit mit schönen Höhen und Tiefen. Der Wechsel von ruhigen und brachialen Momenten ist stimmig arrangiert. Mit 'Through Oblivion' geht die Band noch einen Schritt weiter und verlässt die Metal-Pfade. Hier wird mit gänzlich anderen Gitarrensounds experimentiert und Anders kann seine neuen Fähigkeiten voll ausspielen, so dass der Band ein weiterer Hit gelingt. 'With Eyes Wide Open' lehnt sich aber fast zu weit aus dem Fenster und kommt dem Mainstream gefährlich nahe. Die waschechte Ballade ist wie fürs Rock Radio gemacht. Danach stimmt allerdings der interessant arrangierte Titeltrack wieder gnädig, auch wenn er nicht viel anders macht und sehr ruhige Göteborger zeigt, die hier fast schon an eine Metal-Version von Coldplay erinnern. 'When The World Explodes' macht seinem Namen alle Ehre und ist Modern Metal pur, wenn auch wenig spannend. Die Nummer klingt eher wie ein Pflichtpflaster, wenn da nicht der liebliche Frauengesang im Refrain wäre. 'Rusted Nail' war die erste Single und für viele Fans ein Schlag ins Gesicht. Doch das in der Strophe brodelnde und sich dann stetig steigernde Lied ist ein echter Ohrwurm und macht eigentlich alles richtig. inflames-2014'Dead Eyes' setzt die Stimmung wunderbar weiter fort. Die Auf und Abs in den Stücken tun der Spannung und Dynamik hörbar gut. Sie eröffnen der Band ganz neue Möglichkeiten, die Stücke zu arrangieren. 'Monsters in The Ballroom' besitzt dann wieder deutlich mehr Wums, einen derben Hauptriff, der auch in den ruhigeren Strophen mit fließt und für Unruhe sorgt. Der Refrain ist hier allerdings etwas zu zahm ausgefallen, auch wenn er so einen Kontrast zum treibenden Rest darstellt. Der Abschlusssong 'Filtered Truth' fasst noch einmal alle bisherigen neuen Elemte zusammen: fettes Eingangsriff, ruhige Strophe mit cleanem Gesang, eine Steigerung in der Bridge und dann ein erlösender Refrain mit fetten Chords unterlegt; unterschwellige Keyboard-Fills, ein schönes Solo im Mittelteil, bevor der Refrain sich weiter ins Hirn frisst.

Auch wenn nicht jedes Lied ein Volltreffer ist, so ist der Gesamtsound der Platte  frisch, die Musik spannend und die Kompositionen atmen, leben. Anders Friden überzeugt mit starker Gesangsleitung, die Band mit neuen Klängen und Vielschichtigkeit. Ja, "Sirens Charm" ist kein Metal Album und deutlich zahmer als die letzte Platte, doch das sich neu Erfinden macht Spaß und hält die „Schose“ nicht nur für Fans abwechslungsreich. Mit dieser "Kampfansage" haben die Schweden für das nächste Mal alle Freiheiten. Mal sehen, was sie dann zaubern oder ob es gegen den Strom geht und uns wieder ein fettes Metal-Brett serviert wird.

So oder so, für mich gibt es nur gute und schlechte Musik, ob es man es Metal, Rock, Punk, Hardcore, Hardrock usw. nennt, ist doch nur eine Schublade um Platten zu verkaufen! IN FLAMES gehören mit diesem Werk weiter zu den guten Bands! Basta!

Album-VÖ: 05.09.2014 (Photo courtesy of Patric Ullaeus)