(Vertigo / Universal Music) Wer rastet, rostet und so schickt Richard Kruspe zwischen den Pausen seiner Hauptband Rammstein lieber den zweiten Langspieler seines Projektes EMIGRATE in die Umlaufbahn zwischen die Planeten Rock und Elektro. Und da das Debüt 2007 in den Orbit gejagt wurde, hört der Nachfolger programmatisch auf den Namen "Silent So Long". Im Info wird Richard mit "ich kann gar nicht so genau sagen, warum, aber irgendwie wollte ich immer mindestens zwei Emigrate-Platten machen". Hoffen wir angesichts der Güteklasse des Materials doch mal, dass es auch einen dritten Ableger geben wird. Aber der Reihe nach. Never change a winning team, Gitarrist und Produzent Olson Involtini und Arnaud Giroux (Bass) sind wieder mit an Bord, aufgestockt wurden EMIGRATE 2014 für das Album durch den Drummer Mikko Sirén. Aber das ist noch lange nicht alles: durch seinen Bekanntheitsgrad konnte Kruspe aus den Vollen schöpfen, sich Rockgeschichte ins Studio holen, denn: "Der Grundgedanke bei Emigrate ist, mit neuen Leuten zu arbeiten, ungewohntes Terrain zu betreten, andere Welten zu entdecken" Der Startschuss 'Eat You Alive' erinnert von der Machart an eine Band wie Stabbing Westward und den Nachfolger The Dreaming. Straighter Industrial-Rock mit schönem Refrain. Bleibt hängen. Und beherbergt den ersten Gast auf dem Werk. Ich habe zwar erst kurz an die Franzosen Pleymo gedacht, aber hier gibt Seeed-Mitglied Frank Dellé seinen Einstand. Für 'Get Down' konnte Peaches verpflichtet werden, die dem minimalistischen Song das Verruchte bringt und sich ein Gesangsduell mit Richard liefert. Das Stück pluckert mit einem einfachen Beat vor sich hin, bevor es am Ende in den Refrain explodiert und die Nummer rockend nach Hause bringt. Unerwartet und sehr dynamisch. Die zum Ende geschrieenen "Yeahs" im Hintergrund verpassen mir eine Gänsehaut und erklären auch die etwas zaghaften und kurzen "Yeahs" zu Beginn. Geile Dynamik, ein unerwarteter Asskicker! Wieder vollkommen unerwartet der Stil des nächsten Songs. Wenige Sekunden hat man nur Zeit, dann ist es offensichtlich: Lemmy is in the house! 'Rock City' ist der Legende auf den Leib geschneidert, der Song könnte im ersten Teil auch komplett von Motörhead stammen, wären da nicht die Industrial-Einsprengsel, die Motörhead-Fans, die den Song zufällig vernehmen könnten, aufmerksam machen, dass der Lemmy nur außer Haus wildert! Drei Songs, drei Treffer. Emigrate-Pressebilder1-credit_Alexander Gnaedinger2014_800Und auch bei 'Hypothetical' wird klar: auch die Nummer vier ist ein Grower! Der Song ist so nah an Rammstein vom Aufbau, ich komme bloß nicht auf das Stück, von dem sich hier der Riff geliehen wurde. Und zack... bevor man es nur ahnt, wird klar: dieser Song ist für Marilyn Manson goldrichtig! Und schon "coolt" er sich auch gewohnt düster in das straighte-Riff-Marsch-Stück. Ja, Manson... In letzter Zeit steht er bei mir nur für den peinlichen Auftritt in Californication, aber hier macht er das, was er am besten kann! Und darf "Let's fuck" rufen! Als God Of Fuck ja auch passend! Dann ist erst mal Schicht mit den Gästen, bis zum neunten Song, 'Happy Times', ist kein "featuring" ausgewiesen, das kurze Begleitschreiben schweigt sich auch über Margaux Bossieux aus, die aber scheinbar auch im stylishen Booklet als Oben ohne-Oberkörper-durch-die-Wand-Mitglied verewigt wurde. Die Dame ist die Bassistin der New Yorker All-Girl-Band Dirty Mary und Wikipedia zufolge auch Mutter einer gemeinsamen Tochter mit Richard. Bei dem abschließenden Titelsong darf dann noch Jonathan Davis mit an den Gesang, bevor das Album endet und ich mich beim erneuten beim "auf Play drücken" erwische. Überhaupt ist die neue EMIGRATE die Tage ein gern gesehenen Gast auf meinem iPhone, welches meinen Arbeitsweg erträglicher gestaltet. Auffällig insgesamt: Richard ist in den vergangenen Jahren zum richtig guten Sänger geworden, wer weiß, was da noch möglich ist, wenn die Band einen dritten Output nachschieben sollte. Weiterhin sehr auffällig: Das Material ist extrem vielfältig, Abwechslung gibt's in großen Lettern! Nahezu jeder Song hat eine eigene Note, was aber nicht nur an den Gästen liegt und eine knappe Handvoll Stücke sind echt krasse Ohrwürmer (z.B. 'Rainbow'). Beide Daumen hoch! Album-VÖ: 14.11.2014 (Foto Credit: Alexander Gnaedinger)