(I.P. Verlag) Man könnte angesichts des VÖ-Termins den Eindruck gewinnen, ich würde sehr lange zum Lesen brauchen! Dem ist in diesem speziellen Fall so, was aber nichts mit der Qualität des Lesestoffs zu tun hat. Allgemein bin ich eigentlich recht fix, aber das letzte Drittel des Jahres ließ irgendwie wenig Zeit zum Lesen, dies könnte auch an unserer schnelllebigen Zeit liegen, von der man sich leider viel zu oft mitreissen lässt! Und das ist eine perfekte Überleitung, denn die Person hinter der Autobiographie hat sich in seinem bisherigen Leben auch mitreissen lassen. Von allen möglichen Drogen! Mit AKTE MINISTRY hat Al Jourgensen, Enfant terrible und Mastermind von MINISTRY, seine Memoiren von der Leine gelassen. Das Info beschreibt Jourgensen als "sagenumwobenen Pioniers des Industrial-Metal und Gründers von Ministry" und das Buch "ist eine ebenso schockierende wie fesselnde Lektüre und zeigt einen Menschen, der sein Leben ohne Kompromisse gelebt hat." Was als erstes auffällt: ein Wunder, dass der Typ noch lebt, wenn das Geschriebene alles der Realität entspricht. Ich war immer im Rock zu Hause, Industrial hat mich zwar in Teilen auch beschäftigt, aber ich war nie so komplett in den zeitlichen Abläufen involviert. Wer hat angefangen, wer hat wen inspiriert, etc. Klar, Trent Reznor mit seinen Nine Inch Nails war einer der Begründer des Genres, das weiß man mittlerweile. Dass Reznor sich aber auf Jourgensen als Einfluss beruft, weiß ich erst seit der Lektüre dieses Schinkens, denn Reznor ist der Erste, der im ersten Kapitel (So What: Die Bedeutung von MINISTRY) zu Wort kommt. Und danach weiß man auch als Laie, dass "Psalm 69: The Way to Succeed and the Way to Suck Eggs" mit dem Hit 'Jesus Built My Hotrod' aus dem Jahre 1992 nicht zwingend das erste Lebenszeichen der Kapelle war. Klar, ich habe ein paar CD's von MINISTRY im Regal, aber nix von vor 1992! Aber zurück zum ersten Kapitel. Reznor gibt das Wort noch an Corey Taylor (Slipknot/Stone Sour), Jonathan Davis (Korn), Burton C. Bell (Fear Factory), David Draiman (Disturbed), Ben Weinman (Dillinger Escape Plan) undundund ab. Ein großartiger Einstieg in das Buch, der schon auf wenigen Seiten offenbart, was MINISTRY in den Köpfen von vielen Musikern bewegt haben. Nachdem Jon Wiederhorn, dem Mann, der Al beim Schreiben unterstützte (und der u.a. Redakteur beim Revolver Magazin ist!) , das Vorwort gebührte, geht es los mit Als Welt. Und dafür sollte man sich anschnallen! Vergesst "The Dirt" über Mötley Crüe, hier wird es richtig schmutzig! Noch mal kurz ein paar Worte aus dem Info zur Person Jourgensen: "Al Jourgensen, einer der innovativsten und kreativsten Musiker, der je eine Gitarre, Mandoline, Harmonika oder ein Banjo zur Hand nahm oder hinter einem Mischpult mit 90 Kanälen saß, wollte eigentlich nur Musik machen, wurde aber zum Rockstar. Ruhm und Geld hätten ihn beinahe das Leben gekostet. 22 Jahre chronischer Missbrauch von Heroin, Kokain und Alkohol liegen hinter Al Jourgensen, der mit 15 Jahren schon süchtig war. Jetzt hat Jourgensen die Sucht hinter sich gelassen und ein neues Leben begonnen." sagt das Buch weiterhin. Seine Karriere führte ihn an Genres wie Electro, Industrial, Metal, Punk und selbst Country, er musizierte neben seiner Hauptband MINISTRY mit/in Bands wie den Revolting Cocks, Lard und anderen. Kurios nebenbei aber, dass Jourgensen noch so viel zum Besten geben kann, obwohl von ihm die berühmten Worte "Wer sich an die Neunziger erinnern kann, war nicht dabei" stammen, aber ansonsten wäre das Buch wohl auch nur halb so dick, wenn überhaupt, haha! Was mir an dem Buch besonders gefällt, sind die Einschübe der Familienmitglieder (Als Stiefvater, Als Ehefrau und Managerin) und anderer Musiker, wie z.B. Jello Biafra (Dead Kennedys), Sascha Konietzko (KMFDM) und anderen, der Band nahestehenden Personen. Hier auffällig: von Zensur fehlt jede Spur, auch wenn einige Aussagen von Al in ein anderes Licht gerückt werden, wird hier nicht der Radierer angesetzt. Sehr ansprechend ist auch das Buch an sich: schickes Iron Pages-Hardcover, die Einschübe sind farblich etwas abgehoben, angegraut und auf alt getrimmt, damit man sie auch gleich identifizieren kann. In der Mitte gibt es einige Foto-Seiten, die auch auf Foto-Papier daherkommen und sämtliche Epochen (sogar Kinderfotos) transportieren. "Ausstattung hui, Lektüre pfui" passt hier ganz gut, haha! Wobei mit "pfui" natürlich der Drogenkonsum gemeint ist. Nee, im Ernst... sollte man sich als Musik-Fan nicht entgehen lassen, klappt auch bei Leuten, die mit MINISTRY wenig am Hut haben und mal nachlesen wollen, was für ein medizinisches Wunder Al ist. Denn... Jello Biafra hat es so schön geschrieben: "Er hat in seinem Leben genug Drogen genommen, um ein Pferd umzubringen. Jeden Morgen, den er wieder aufwacht, ist ein Wunder der Wissenschaft!" Wer noch ein schnelles Weihnachts-Geschenk braucht, hier ist eine Möglichkeit! Buch-VÖ: 29.09.2014