(Cargo Records) Da ist es also nun, das neue und langerwartete PunkRock-Epos der schwedischen ATLAS LOSING GRIP. Hört auf den Namen "Currents" und stellt das dritte Studioalbum seit Gründung 2005 dar. Nachdem "State Of Unrest" von 2011 in der PunkRock-Community einschlug wie eine Cruise-Missile, fieberte die Szene ungeduldig einem neuen Output entgegen. Und mit "Currents" ändert sich einiges im Universum ATLAS LOSING GRIP. Zuerst beleuchten wir mal das einigermaßen chaotische Personalkarussell, welches kurz vor Veröffentlichung der neuen Scheibe für Verwirrung sorgte. Haupttexter und Sänger Rodrigo Alfaro verließ Ende letzten Jahres völlig überraschend die Band, um (wie sich einige Wochen später herausstellte) im Sommer diesen Jahres mit den reaktivierten Satanic Surfers nochmal ordentlich Festival-Gagen einzustreichen. Ob es persönliche Differenzen gab, mit seinen Kollegen von ATLAS LOSING GRIP, lässt sich aus der offiziellen Lesart nicht herausinterpretieren. Sei's drum. Als Ersatz wurde relativ schnell Niklas Olsson präsentiert, der auf der kommenden Tour (Ende Januar/Februar) alte wie neue Songs perfekt intonieren wird, wie schon die Auskopplung 'Cynosure' eindrucksvoll beweist! Etwas merkwürdig mutet an, dass das mir vorliegende Rezi-Material von Rodrigo eingesungen ist und wahrscheinlich auch so veröffentlicht wird. Vielleicht erscheint in naher Zukunft auch nochmal eine Neuauflage mit dem neuen Shouter Niklas Olsson, um einen besseren Vergleich zu haben, inwiefern sich die Songs atmosphärisch und qualitativ unterscheiden. Das Review wird also nun das Album "Currents" von ATLAS LOSING GRIP feat. Rodrigo Alfaro behandeln. 🙂 Die musikalischen Fertigkeiten aller Bandmitglieder wurde schon auf "State Of Unrest" bewiesen, indem melodiöser Punkrock im oberen Geschwindigkeitslevel mit teilweiser wahnwitziger Gitarrenarbeit verbunden wurde, so dass Vergleiche zu A Wilhelm Scream oder Propagandhi nicht ausblieben und auch nur logisch waren. Auf "Currents" stellt sich eine hörbare Weiterentwicklung ein und somit auch das Herausarbeiten einer eigenen Identität im Kontext mit anspruchsvollerer Vielfalt im teils ausgelutschten Genre des PunkRocks. Hier mal die Eckdaten, die schon einmal aufhorchen lassen und spannendes vermuten lassen: 14 Songs in 66 (in Worten: sechsundsechzig!) Minuten. Mit 'Sinking Ship' geht es auch schon gleich in die Vollen. Nach dem knapp 2-minütigem Intro mit Twingitarren im Iron Maiden Style, galoppieren die Drums und der sehr individuelle Gesang von Rodrigo Alfaro nimmt einen sofort mit. Die Produktion des gesamten Albums lässt keine Wünsche übrig - sehr knackig aber doch luftig genug, um die Songs atmen zu lassen. 'The Curse' als zweites Lied nimmt sich nach dem fulminanten Einstieg angenehm zurück, hat eine leicht melancholische Kante und punktet mit einem gänsehauterzeugenden Chorus, der dich gefangen nimmt. Im Anschluss folgt 'Cynosure', der in der Rodrigo-Version definitiv viel mehr Spass macht - aber da ich Herrn Alfaro fast als besten Punkrock-Sänger (neben Greg Graffin) empfinde, bin ich wahrscheinlich nicht objektiv genug. 🙂 'Shallow' ist wieder im Midtempo gehalten und fasziniert mit diesem unglaublichen Händchen für Melodien, die den Finger zum wiederholten Male auf die Repeat-Taste drücken lässt, um das begonnene Schwofen im heimischen Wohnzimmer nicht zu lange unterbrechen zu müssen. Was ein verdammter Hit! Dann geht's wieder in den technisch-anspruchsvollen Bereich, der Elemente des HeavyMetals (u.a. eingestreute Kurzsoli, die nie deplaziert wirken) genial einbindet, mit der Geschwindigkeit wird nicht gegeizt, bis ein Akustikgitarrenbreak einsetzt, der 'Nemesis' eine verdiente Schnaufpause gönnt, um dann brilliant auszuklingen. Mit dem sechsten Stück namens 'Closure' wird erstmals auf einem Album (eine reine Akustik 7" ist zwischen den letzten Veröffentlichungen schon einmal erschienen) eine waschechte Ballade angestimmt, die wunderschön instrumentiert und gesungen ist und dem Hörer die Möglichkeit gibt, sich zu sammeln, um die andere Hälfte von "Currents" zu genießen. Atlas Losing Grip Promo 2015_credit Jens Nordström'Kings & Fools' hat zu Anfang einen leicht emo-esken (im Sinne von melancholisch) Touch, der sich über die geammte Laufzeit von knapp über 6 Minuten auch hält, aber sich zu etwas euphorischem steigert und entspannt ausfadet. Ich weiss nicht genau, wie oder was, aber der Song hat mich tief berührt. Fast übergangslos wird mit 'Cast Anchor' Bands wie Propagandhi gezeigt, wie man noch perfekter technisches Können und Catchyness verbinden kann, ohne zu nerven. Ebenso 'Unknown Waters' und die an frische Rise Against erinnernden 'The End' sowie 'Downwind'. Hier werden in Perfektion getaktete Songs abgeliefert, die sich nach dem ersten Eindruck in deinen Gehörgang festbeissen und nach mehr verlangen. Und dieses Mehr sorgt dafür, dass man sich nicht vorstellen mag, wie diese kleinen Meisterwerke mit einem anderen Sänger klingen und wirken sollen. Auch 'Through The Distance' gibt im typischen ATLAS LOSING GRIP-Stil Vollgas. Und spätestens mit diesem Album haben es ALG geschafft, als Referenzband zu gelten und jegliche Plagiatsverdachtsfälle ad acta zu legen. Etwas cheesy wird es leider mit dem vorletzten Song 'Cold Dirt', der meiner Meinung nach der einzige Ausfall auf dieser vor Kreativität strotzenden Platte ist. Mit 'Ithaka' wird "Currents" beschlossen - in schönster Helloween-Manier werden hier alle aufgezählten und erwähnten Tugenden in 11 Minuten genial zusammengefasst und zu einem Cocktail gereicht, der einen besoffen und glücklich zurücklässt. Fazit: Nicht nur schon jetzt das PunkRock-Album des Jahres und mindestens in den Top 3 der Jahrescharts 2015, sondern eines der spannendsten und emotional berührendsten Alben, die ich seit Ewigkeiten hören durfte. Wenn es 10 Blitze geben würde, die ich zu vergeben hätte, würde ich das machen!!! Volle Punktzahl!!! Album-VÖ: 16.01.2014 (Photo by Jens Nordström)