Rostock, am letzten Tag des Monats Februar, um 18:30Uhr – es ist stockdunkel und ein kalter, verregneter Tag. Dennoch hat sich vor dem M.A.U. Club eine beachtliche Menschenmenge versammelt und wartet auf Einlass. Ich rufe Manager Lars an und teile mit, angekommen zu sein. Wir verabreden uns für 5 Minuten später vor dem Merch-Stand, das Ende der Schlange suggeriert mir jedoch eher ein Ankommen in circa einer halben Stunde. Ich drängle mich nach vorne durch und komme mir irgendwie schäbig vor. Gerade am Merch-Stand angekommen, kommt mir jedoch auch schon Lars entgegen und geleitet mich Backstage, wo auch direkt Bernhard bereit steht. Dass er ein Bier in der Hand hält, nehme ich wohlwollend zu Kenntnis. Wir stellen uns vor und wechseln ein paar Worte, dann trifft auch schon Kotze dazu und wir siedeln über in den Tourbus. Bernhard versorgt auch mich liebevoll mit einem Bier und ich schenke uns Dreien ‘n lütten Ardbeg aus meinem Flachmann in Plastikbecher ein. Alles am Mann, kann los gehen! Ja Moin! Gesund seid ihr soweit wieder? B: Soweit alles cool, ja. K: Super geil! Wie war die Tour bisher und seid ihr mit der Resonanz auf das neue Werk zufrieden? B: Auf jeden Fall. Wir sind extrem zufrieden. Wir merken natürlich auch auf den Shows, wie die Leute die neuen Songs aufnehmen und das ist in jedem Fall richtig geil. Die Leute rasten aus, singen alles mit, macht total Bock auf jeden Fall. Das Album kommt denke ich gut an. Ja und die Tour ist super, jetzt mal von Krankheit und Siechtum abgesehen, das nervt natürlich, ansonsten macht alles total Bock. Obacht, ich krieche euch jetzt erstmal in den Arsch. Aber keine Angst, es wird dann später auch noch kritisch. (lachen) B: Das klingt nach einem guten Konzept. Seit “Zombieactionhauptquartier” bin ich euch verfallen, doch das nicht etwa aufgrund des frischen Sturms, welchen ihr durch die deutsche Metalcore-Szene sausen ließt, vielmehr waren es die ruhigen Töne von ‘Fremdkörper’ und ‘Phantomschmerz’, welche mich vollends vereinnahmten und durch meine erste Trennung begleiteten. B: Ach krass. Das ist aber auch ‘ne Sache die man eher selten hört, gerade wenn es um das Album geht. Habt ihr mit dem Kontrast lange gerungen oder gehörten solch balladeske Nummern von Anfang an mit ins Konzept? B: Ne, lange gerungen haben wir nicht darum. Wir haben es uns eigentlich einfach gemacht. Haben halt natürlich einmal kurz darüber nachgedacht, ob wir so eine ruhige Nummer machen wollen, aber es gab da jetzt keine großen Diskussionen. Ich mein damals hat man sich da, wenn man ganz ehrlich ist, keine großen Gedanken über Albumkonzepte oder so gemacht. Da waren einfach die Songs fertig und dann hat man das Album aufgenommen. Das mit dem Kontrast ist so eine Sache, die war uns eigentlich immer egal. Entweder finden die Leute uns cool oder halt nicht. Wenn die Leute uns nicht cool finden oder nur ein paar Songs mögen, ist das auch ok. Wir können ja eigentlich nur das machen, was wir selber gut finden. Wo wir schon bei den ruhigen Tönen sind – für mich gehören ‘Kind im Nebel’ und ‘Erst wenn Disneyland brennt’ zu den schönsten Songs der deutschen Rock und Metalszene. Mögt ihr etwas zum Hintergrund und der Entstehung der Songs sagen? B: Danke für das Kompliment. Wenn wir jetzt mal über ‘Erst wenn Disneyland brennt’ sprechen, dann ist sicherlich richtig, dass der musikalisch eher ruhig ist, auch gerade im Kontext des Albums. Textlich ist er ja dann aber trotzdem eher krass. Da geht's eben um die Thematik, dass man eigentlich von der heilen Welt, an welche man als Kind oder auch Jugendlicher noch glaubte, desillusioniert ist, weil man halt irgendwann aufwacht und merkt, dass ziemlich vieles auch ziemlich kacke ist. Es war schon auch die Idee hinter der Nummer, einen relativ krassen Kontrast zwischen Text und Musik zu schaffen. Kann man sagen, dass der Song gewissermaßen an ‘Kind im Nebel’ anknüpft? Der Part mit dem Tanzen wird textlich ja wieder aufgegriffen. B: Joa, ich weiß nicht ob das so bewusst ist. Auf so einer unterbewussten Ebene ist das bestimmt so, dass da auch irgendwie ‘ne Connection ist, aber es war jetzt nicht so, dass wir uns die beim Schreiben angedacht haben. Okay, jetzt kommt der Bruch! (lachen) Auf ‘Ich lehne leidenschaftlich ab’ singt ihr provokativ und mahnend “Nachhaltigkeit interessiert kein Schwein”, was ja auch tatsächlich ein wichtiges Thema ist. Auf dem einen Bild im Artbook sieht man jedoch eine H&M Tüte neben euch, ist das nicht recht widersprüchlich? K: (lacht) In Gladiator sind auch Kondensstreifen am Himmel, wo man sagt “ what the fuck wie kann das denn sein?”. B: Wir grenzen uns ja nicht aus, aus den Inhalten die wir auf dem Album beschreiben. Es ist ja nicht so, dass wir nur eine gesellschaftliche Situation beschreiben, sondern auch über unser eigenes Handeln nachdenken und versuchen, zu reflektieren, was machen wir denn eigentlich, was sind wir denn eigentlich für Menschen und was ist das für eine Welt, in der wir leben. Und da gehört es natürlich auch dazu, dass man irgendwie selber darüber nachdenkt, was das eigene Handeln für Konsequenzen nach sich zieht. Und da gebe ich dir natürlich recht, in jedem Fall kann man sich die Frage stellen, ob das denn so cool ist und ich mir bei H&M T-Shirts für 5€ kaufen muss. Ich glaube, man muss da für sich auch erst einmal ein Bewusstsein schaffen und dann Konsequenzen daraus ziehen und für sich entscheiden, was will man machen und was nicht. Eine Konsequenz daraus ist zum Beispiel, dass wir uns dafür entschieden haben, für unser Merch keine super billig in Bangladesh gefertigten, sondern fair gehandelte und ökologisch nachhaltige Shirts zu verkaufen. Das ist nur ein kleiner Baustein von ganz vielen natürlich, aber das ist halt ‘ne Sache wo wir glauben, dass es wichtig ist, sich da Gedanken darüber zu machen und bewusst Entscheidungen dazu zu treffen. Das ist es in jedem Fall! Ich hoffe, euch mit der folgenden Frage nun nicht zu beleidigen: auf “Videodrom” ist es ‘Sexmachine’ mit seinem >>rein, raus<<, auf “Blitzkreuz” ‘Blitzkreuz’ durch seinen Refrain und auf “Wir sind Angst” ‘Unter Tage’ mit seinem Text – all das erinnert, mal mehr mal weniger, an Rammstein. Wie steht ihr zu dieser Band und hat sie vielleicht sogar euren musikalischen Werdegang beeinflusst? B: Also erstmal, Rammstein finden wir in jedem Fall cool. Ich finde nicht alles cool, was sie machen, aber ich finde ziemlich vieles ziemlich gut und manche Sachen extrem gut. Und man muss natürlich auch einfach sagen, ob man sie mag oder nicht, dass Rammstein die deutsche Musiklandschaft, bei allem was irgendwie für Gitarrenmusik steht, extrem krass mitgeprägt hat. Das kann man einfach nicht von der Hand weisen. Rammstein ist natürlich auch eine Band mit der wir oft verglichen werden, weil das halt einfach harte Musik mit deutschen Texten ist und das natürlich auch eine Sache ist, die so häufig nicht vorkommt. ‘Unter Tage’ ist ein Song, der sich vielmehr mit dem eigenen Innenleben befasst, den würde ich jetzt gar nicht so in Rammstein-Nähe sehen. Aber ich weiß, dass Basti jemand ist, der auch gerne Rammstein hört und mit Sicherheit gibt es da auch unterbewusst irgendwelche Einflüsse. Das ist eine Band, die wir in jedem Fall sehr schätzen, aber wir holen uns da aktiv keine Einflüsse. Vielen Fans haben es besonders die ‘Porn From Spain’-Nummern angetan und mit jedem Output werden Schreie nach Part 3 laut. Liegen Pläne für einen solchen vor? B: Nö, bisher nicht. (lachen) Das Ding ist, wir haben das Album jetzt gerade veröffentlicht, sind damit nun erstmal auf Tour und im Kopf noch nicht so weit, dass wir uns darüber Gedanken machen würden. Wenn es dann irgendwann wieder ans Songmaterial geht, wird sich zeigen, ob sich nochmal ‘n dritter Teil anbahnt. Wir schließen es auf gar keinen Fall aus, aber es muss die richtige Zeit sein und es muss sich halt einfach geil anfühlen. Wenn ‘Porn From Spain 3’ kommt, muss der natürlich auch nochmal 23 Schippen drauflegen und wenn das passiert, wird der Song auch kommen. Sehr gut! Wie kam die Zusammenarbeit mit Sebastian Madsen für ‘Porn From Spain 2’ zustande? B: Ja eigentlich ist das relativ profan, wie das kam. Eigentlich sollte ein anderer Künstler das Feature machen, der hat dann aber kurzfristig abgesagt und unser Produzent Ecki hat halt gesagt, also der hat Madsen auch mal produziert, und der meinte dann: >>Ja hier der Madsen-Typ, der hat da auch bestimmt Bock drauf und der kann das auch, fragt den doch einfach mal.<<. Ja und dann haben wir halt mit dem telefoniert und das war ‘n mega netter, cooler Typ und der hat gesagt: >>Ja schick mal den Song .<< und dann haben wir das gemacht, er hat seinen Text geschrieben, hat uns die Spuren geschickt und dann war es das. Richtig kennen gelernt haben wir ihn dann eigentlich erst später beim Videodreh, als sehr höflichen, zuvorkommenden, netten Menschen, der seinen Musikgeschmack mit diesem Feature ja dann auch unter Beweis gestellt hat. Gibt es einen Künstler, mit dem ihr euch nochmal ein Duett wünscht, zukünftig? B: Kotze sag, was meinst du? K: Ein deutscher Künstler mit dem ich persönlich mir ‘n Duett wünschen würde? Es muss nicht deutsch sein. K: Oh, für Kotsche wäre es in jedem Fall Kanye West glaube ich und ähh was mich betrifft… B: Du nimmst doch eh nur Van Halen, Mann. K: Nah, Van Halen is ja schon irgendwie so scheintot. Eddie Van Halen, wenn Eddie Van Halen in ‘nem Song von uns Gitarre spielen würde, mit Bernhard Horn zusammen, Alter, Dudelhorn und Eddie Van Halen zusammen – das wär in jedem Fall geil! (lachen)  Ja und so Sänger technisch… B: Haft zu Befehl Mann! K: Hafti? Da bin ich oldschool veranlagt. B: Ja ich weiß, du willst ‘n geiles Feature mit Blumentopf. K: Ne ne, ich will ‘n Feature mit Huss und Hodn. B: Ja das wär geil, das stimmt, da wäre ich auch bei. K: H.P. Baxxter wäre auch geil! B: Boah übelst gut! K: Der wär geil für ‘Porn From Spain 3‘. B: Da sag ich auch "ja" und "geil". Welche Frage hätte man euch schon immer mal stellen sollen? B: Warum seht ihr einfach so verdammt geil aus, wie macht ihr das? Das ist ‘ne Frage die ich noch nie gehört habe, ich versteh’s einfach nicht. K: Und Kotzmann woher hast du diese Geilheit? Ich will auch so geil sein wie du. Wie kann ich das machen, dass ich genauso geil bin wie du? B: Aber leider fragt uns sowas niemand. Nun, stell dir vor, ich hätte genau das gefragt. (Ab sofort wird nur noch gelacht) B: Ich würde einfach antworten: >>Es ist mir in die Wiege gelegt.<<. Gut und zu guter Letzt – wollt ihr noch was loswerden? B: Meinen Urin, ich muss nämlich hammerhart pissen. K: Ich hab'n guten Tag gehabt. Gut, wir wären dann auch fertig. Dicken Dank für das Interview. B: Ja danke dir, Mann. K: Hat mich gefreut, Mann. Im Anschluss berichte ich den beiden noch kurz von meiner krassen Tattoo-Idee in Zusammenhang mit ihrem Blitzkreuz und bin mir sicher, spätestens jetzt denken die beiden, ich bin völlig bekloppt. Ich hingegen denke mir: >>Geil, was für coole und nette Typen.<<, während ich mit ansehe, wie sie den M.A.U. Club beinahe zerbersten und mich bereits jetzt auf ein Wiedersehen bei Rock im Park freue. (Photo by Viktor Schanz)