"Wer ne unbekannte Band hört, muss sie hassen wenn sie Trend wird", sangen einst die Punker von Montreal. Die einst unbekannte Band ANNENMAYKANTEREIT konnte trotz Hype und Trend im Osnabrücker Hyde Park unsere Herzen erobern. Welch ein Phänomen! Noch nicht einmal ein Album veröffentlicht und die junge Kölner Band ist bereits gezwungen, in eine der größten Konzertlocations Osnabrücks umzusiedeln. Ursprünglich sollten Christopher, Henning & Severin nämlich in der Kleinen Freiheit auftreten. Der Vorverkauf lief so gut, dass das Konzert in das Haus der Jugend hochverlegt wurde. Zum Glück frühzeitig, denn schon bald zeigte sich, dass die Band auch den Hyde Park (Fassungsvermögen: 1.600 Besucher) füllen würde. Und auch hier hieß es am 11.03.2015: „Sold Out“. Den Support an diesem Abend bestritt die Band REKK. Ihrerseits verantwortlich für melancholischen Indie Folk der Marke Bon Iver. Die eigentlich fünfköpfige Band aus Dortmund entert allerdings nur zu zweit die Bühnenbretter des Hyde Parks. Somit gab es die vornehmlich ruhigen Töne der Band auch lediglich in reduzierter Instrumentierung. Dem intimen Sound der Band tat dies keinen Abbruch und REKK erwiesen sich somit als stimmiger Support. Einen kleinen Hit haben sie mit dem wunderbar melancholischem 'Lighthouse Light' auch bereits im Gepäck. Die gelungenen Supportgigs auf dieser Tour dürften die Band ihrem selbst erklärtem Ziel: "Einmal auf dem Haldern Pop spielen. Völlig egal zu welcher Uhrzeit!" ein gutes Stück näher bringen. Nach kurzer Umbaupause ist die Bühne bereitet für die Band der Stunde. Und bereits beim Opener 'Jeden Morgen' wird ohrenscheinlich klar, was das Faszinierendste an der Band ANNENMAYKANTEREIT sein dürfte: die ungewöhnliche Stimme von Sänger Henning May. Der junge Kölner hört sich an, als habe er Whiskey und Zigarettenrauch bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Er selbst erklärt sich seine tiefe Stimme durch die starke Beanspruchung als Straßenmusiker in Köln, denn von dort aus haben ANNENMAYKANTEREIT ihren künstlerischen Weg begonnen, der sie nun bis in die ausverkauften mittelgroßen Hallen der mittelgroßen Städte Deutschlands führte. Die Stimme Mays weckst sofort Assoziationen zu Größen wie Rio Reiser, Element Of Crime, Tom Waits und dem jungen Bob Dylan. Dennoch darf man nicht den Fehler begehen, die Band lediglich auf ihren Ausnahmesänger zu reduzieren. Denn auch die Songs und der Sound der Band können überzeugen. Die Texte sind dabei nicht nur von hoher lyrischer Qualität, sondern reichen zudem der Generation Y die Hand, nehmen diese in den Arm und sprechen ihr aus der Seele. ANNENMAYKANTEREIT treffen die Herzen ihrer Generation und wenn man sich das sehr bunt gemischte Publikum in Osnabrück anschaut, auch die Herzen der Generation davor und der danach. Die Stimmung im Hydepark ist dabei von Anfang an gut und die Band packt das Publikum, obwohl die meisten der Songs dem Publikum gar nicht bekannt sind. Schließlich haben ANNENMAYKANTEREIT noch nicht einmal eine CD auf dem Markt. So fordert es doch eine hohe Aufmerksamkeit von Seiten des Publikums, den vorgetragenen Songs uneingeschränkt zu folgen. Herzlich willkommen beim Konzert einer DIY-Band. Das wird dann auch nochmal durch die Ansagen von Sänger Henning transportiert: „Das nächste Lied spielen wir immer. Ist einfach so“, oder aber auch die interessante Tatsache, „das nächste Stück ist noch nicht fertig, wir verändern es im Laufe unserer Tour immer wieder. Und eigentlich ist kein Lied richtig fertig, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass nochmal irgendwie etwas verändert wird.“ Schwer vorstellbar, denn eigentlich wirken einige Songs, wie z.B. auch 'Oft gefragt' in ihrer derzeitigen Version nahe an der Perfektion und auch Nahe an König Rio, welcher hier eindeutig als eine Inspirationsquelle galt. Fast die gesamte erste Konzerthälfte singt May die Songs seiner Band mit verschränkten Armen hinter seinem Rücken. Das erinnert stark an Liam Gallagher, aber was bei den Königen des Britpops, ein Statement und zur Schau getragene Arroganz sein sollte, ist bei ANNENMAYKANTEREIT wohl eher der Zurückhaltung und Schüternheit geschuldet. Und wo soll man auch bitte hin mit seinen Armen, wenn man hier nur der Sänger ist, mit seiner Stimme punktet und effekthaschende Posen nicht nötig hat. Ab und zu geht es für May dann auch mal an eines der Tasteninstrumente, wie z.B. in der Zugabe bei 'Barfuß am Klavier'. Neben Mays Gestik, erinnert aber auch die Optik von Gitarrist Christopher Annen an Oasis. Wenn Annen in die Saiten haut und zufällig noch die Mundharmonika mit seinem Mund bedient, so sieht er im fahlen Bühnenlicht des Hydeparks auf Entfernung aus wie ein jung gebliebener Noel Gallagher. Den Beat gibt Severin Kantereit an und wenn man sich anschaut, wie die Band auf der Bühne miteinander agiert, dann glaubt man wirklich, dass diese Band das Resultat einer Freundschaft ist, und nicht das Ergebnis einer Casting-Show oder einer Popakademie. Und auch der an diesem Abend unterstützende Live- und Studiobassist Malte Huck, welcher erst seit August 2014 mit an Bord ist, fügt sich wunderbar in das Zusammenspiel der Band ein. Trotz ihrer Jugendlichkeit, können ANNENMAYKANTEREIT bereits auf eine ganze Reihe von Live-Shows zurückblicken und schaffen es neben handwerklicher Perfektion, dem Konzert auch einen Spannungsbogen zu verleihen. Und so wandelt sich das Konzert spätestens beim Song 'Pocahontas' vom Zuhörabend in eine Mitmach-Show. Die Kölner feuern nun am Stück ihre Youtube-Hits ab und das Publikum ist bereit zum Mitsingen und Mitklatschen. Auch die Ansagen wirken nun recht locker und als leidenschaftlicher Konzertgänger muss man Henning May alleine dafür feiern, dass er einen ordentlichen Diss an alle Handy-Filmer verteilt. Unter großem Jubel verkündet er: „Es ist eigentlich ganz einfach...wenn neben Euch jemand filmt, dann schlagt ihm einfach das Handy aus der Hand.“ Der Draht zum Publikum glüht. Im Zugabenteil dann auch noch mal eine gepflegte Hasstirade an alle Konzertgänger, welche pausenlos quatschen müssen. Erneute Reaktion: zustimmender Jubel. Am Ende haben ANNENMAYKANTEREIT fast anderthalb Stunden Musik gemacht und dabei viele Stilrichtungen bedient. Rock, Funk, Groove, Soul...die Band hat einiges auf Lager. Die Erkenntnis des Abends: Der Hype ist gerechtfertigt. ANNENMAYKANTEREIT sind wohl das vielversprechendste heiße Eisen im deutschen Rock/Pop Geschäft. (Photos by Mark Haake)