(Long Branch Records / SPV) Das niedersächsische Artcore-Trio THE HIRSCH EFFEKT beendet mit "Agnosie" ihre 2010 begonnene "Holon"-Triologie. Was ursprünglich nicht so gedacht war, klingt nun nach einem runden Abschluss, denn THE HIRSCH EFFEKT bewegen sich thematisch und künstlerisch noch immer auf den gleichen Pfaden, wie bei den Vorgängern "Hiberno" und "Anamnesis". Auch mit ihrer neusten Veröffentlichung lassen sich THE HIRSCH EFFEKT nicht in eine Schublade stecken. Core, Kammermusik, Death Metal, Jazz, Electronica, Grind, Metalcore, Deutsch Pop...bei all diesen Stilrichtungen bedient sich die innovative Rockband aus Hannover und macht es dem Zuhörer gewohnt ungewohnt. Songs im traditionellen Sinne serviert die Band schon mal gar nicht auf dem Plattenteller. „Jeder der Bandmitglieder hört unterschiedliche Musik, dessen Einflüsse dann im Proberaum zusammen kommen“, weiß Sänger Nils Wittrock zu berichten. „So beeinflussen wir uns gegenseitig und setzen uns gleichzeitig bewusst keine Schranken im Bezug auf das Genre, in dem wir uns musikalisch bewegen. Stattdessen überlegen wir, was für den Song dienlich ist und setzen uns höchstens von dieser Warte aus Grenzen.“ Diese Grenzüberschreitungen machen auch auf "Agnosie" den besonderen Reiz der Band aus. So beginnt die Platte mit 'Simurgh' fast schon beschaulich und getragen von orchestralen Elementen, um anschließend mit 'Jayus' das Ruder in eine völlig andere Richtung zu reissen und charmante Arschtritte mit besten Grüßen aus Hardcorehausen zu verteilen. Der anschließende Titeltrack glänzt auf einer Länge von sieben Minuten mit einer irrwitzigen Gradwanderung zwischen diversen musikalischen Genres. Das passt natürlich wie die Faust aufs Auge, wenn es, wie auf der gesamten Platte, vor allem um eine gefühlte Ziellosigkeit geht. Der Mittelteil von 'Bezoar' lässt dann nochmals aufhorchen und überführt die Elemente der Fahrstuhlmusik hinüber in einen amtlichen Progrocker mit einem gewissen Popeinschlag und lässt ihn von einer Portion Streichern melodiebewusst zu Ende tragen. Für mich der Song der Platte. 'Tombeau' und 'Emphysema' bilden ein in sich ruhendes Zentrum der Platte, bevor THE HIRSCH EFFEKT mit 'Fixum' wieder ordentlich die Muskeln spielen lassen. Insgesamt macht die zweite Plattenhälfte auch immer wieder einige Zugeständnisse an gängige Songstrukturen, was aber durchaus seinen Reiz entfaltet und immer mal wieder zeigt, dass die Jungs auch etwas von eingängigen Melodien verstehen. Mit dem abschließenden und längstem Track der Platte, 'Cotard', geben sich THE HIRSCH EFFEKT dann nochmals eine Spur ambitionierter als es diese Ausnahmeband ohnehin schon ist. Über eine Dauer von neun Minuten wandeln sie auf den Spuren von The Dillinger Escape Plan und geben dabei eine durchaus überzeugende Figur ab. TheHirschEffekt by Christoph Titus EisenmengerTHE HIRSCH EFFEKT liefern ein beachtliches Album ab, welches nach nur wenigen Hördurchgängen sehr schwer abschließend zu beurteilen ist. "Holon: Agnosie" ist eine musikalische Achterbahnfahrt, bei der man auch nach wiederholtem Einsteigen und Mitfahren immer noch nicht so recht weiß, ob einen als nächstes eine Rechts- oder Linkskurve erwartet. Schußfahrt oder spannungsteigerndes an Höhe gewinnen? Vorwärts oder Rückwärts? Derzeitige 5 Blitze mit Potential zum Wachsen. VÖ-Datum: 24.04.2015 (Photo by Christoph "Titus" Eisenmenger)