(Anti/ Indigo) Habt ihr schon mal ein abstraktes, expressionistisches Gemälde mit euren Worten beschreiben müssen? Und vor allem jemandem, der das Bild noch nie zuvor gesehen hat? Wenn ja, dann wisst ihr, wie ich mich gefühlt habe, als ich "New Bermuda", die neue Schöpfung der Blackgaze-Combo DEAFHEAVEN, das erste Mal hörte und dabei wusste, dass ich die Rezi dazu schreiben soll. Schon allein der Beginn des Openers 'Bought To The Water' zieht den Hörer bedingungslos in seinen Bann und erzwingt dessen volle Aufmerksamkeit. Es ist klar, hier kann man keine leichte Kost erwarten. Ein dumpfes Brummen, wild durcheinander läutende Kirchenglocken und dann ein schonungsloser Übergang zu hämmernden Blastbeats und zerrenden Gitarren. Kurz darauf setzt George Clarkes fieses, verzerrtes Gekreische ein. Ein dunkler Sog tut sich auf, nimmt einen mit und du weißt, dass du ihm nie wieder entkommen wirst. Noch mit diesem beklemmenden Gefühl kämpfend, ersetzt die Lead-Gitarre Clarkes Screams mit sanften Klängen. Diese geben Hoffnung. Hoffnung darauf, der Dunkelheit zu entkommen. Über einen kurzen Abschnitt ringen Screams und Lead-Sounds miteinander und die Hoffnung scheint zu siegen. Doch der Kampf der widerstrebenden Gefühle hört nicht auf. Das musikalische Ringen wird leiser und 'Bought To The Water' endet mit einem Piano Outro, das den Hörer recht sanft wieder in das Hier und Jetzt zurückholt. 'Luna' ist im Vergleich zu 'Bought To The Water' zunächst noch Black Metal-lastiger und besticht durch das Stakkato-artige Drumming. Hier und da lassen DEAFHEAVEN kurze melodische Elemente in den Song einfließen, die sich aber vorerst nur im Hintergrund halten. Dies ändert sich aber nach ca. 05:30 min. Ab diesem Zeitpunkt weicht das Brachiale eher ruhigeren, sanfteren Klängen. Hierbei gestalten DEAFHEAVEN den Übergang zwischen Härte und Sanftheit so gekonnt, das man sich als Hörer gar nicht fragen muss, warum die Band diesen musikalischen Wechsel innerhalb des Songs vollzieht. Vielmehr weiß man, dass genau dieser Wechsel der Emotionen unweigerlich kommen musste. Grandios! 'Baby Blue' lässt den Hörer anfangs schweben. Die Gitarren und die zurückhaltenden Drums vermitteln eine Leichtigkeit, die sich am besten als schwebenden Zustand erklären lässt. Doch DEAFHEAVEN wären nicht DEAFHEAVEN, wenn sie den Song genau mit diesem Gefühl weiterführen würden. Nach 03:30 min lässt die Band den Hörer unsanft auf den Boden der Tatsachen fallen. Und nicht nur das. Am Boden liegend wird man bleiern nach unten gezogen, um sich einige Momente später wieder etwas aufrichten zu können und stoisch vorwärts marschieren zu müssen. Die ersten sanften Töne von 'Come Back' spielen sanft um die Ohren des Hörers, um abrupt von einer Black Metal Kakophonie abgelöst zu werden. Clarkes mörderisches Kreischen passt sich dieser an und klingt noch schneidender. 'Come Back' steht seinen Vorgängern in nichts nach. Auch hier zelebrieren DEAFHEAVEN den Wechsel von Stilelementen. Deafheaven_Press Photo 1_credit Kristen Coffer'Gifts For The Earth' bildet den Abschluss von "New Bermuda". Gekonnt halten DEAFHEAVEN hier die Black Metal-Parts zurück und geben dem Shoegaze mehr Platz. Der Hörer wird musikalisch auf das Ende des Silberlings vorbereitet und es macht so absolut Sinn, die Scheibe mit 'Gifts For The Earth' enden zu lassen. Beim Hören von "New Bermuda" hat man einfach das Gefühl, dass alles passt. Jede Note, jeder Akkord, jede Nuance. Und das ist es auch, wovon das Album lebt. Von Gefühl. Emotion. Ein Wechselbad. Hin- und hergerissen zwischen Wut und Trauer, Hass und Sehnsucht... Album-VÖ: 02.10.2015 (Photo by Kristen Coffer)