(RYL NKR / Rough Trade)

Smoke Blow-Sänger Jack Letten nutzt sein Solo-Projekt ERIK COHEN auch weiterhin als Ventil für seinen kreativen Output. "Weisses Rauschen" nennt sich der Nachfolger von "Nostalgie Für Die Zukunft" und fischt noch tiefer im Gothic-See nach Hörern als sein Vorgänger.

Auch wenn die Einleitung ERIK COHEN als „Soloprojekt“ bezeichnet, gibt es zwischen Smoke Blow und ERIK COHEN nicht nur Jack Letten aka Daniel Geiger am Mikrofon als gemeinsame Schnittmenge. Auch Drummer Fabrizio und Bassist Hellhammer finden zwischen Job und Familie glücklicherweise genug Zeit, um sich dem ambitionierten Musikprojekt ERIK COHEN zu widmen und Ideen und Handarbeit miteinfließen zu lassen. Dass ERIK COHEN dabei ganz anders klingt als die Kieler Hardcore-Fregatte, weiß man bereits seit "Nostalgie für die Zukunft". Und das liegt nicht nur an den deutschsprachigen Lyrics.

Die musikalische Referenzen von ERIK COHEN finden sich vornehmlich in der Wave und Gothic-Szene. Bands wie Danzig, Type O Negative, Alice In Chains, The Sisters Of Mercy oder Life Of Agony sind hörbare Ideengeber und sicherlich auch maßgeblich an der musikalischen Sozialisation von Jack Letten beteiligt gewesen.

Den Start in die Platte markiert das verdammt poppige 'Hier ist nicht Hollywood'. Ein Song den man sich sogar im NDR2 Musik-Programm vorstellen kann, ohne das es für Hörer oder Musikredaktion peinlich wird. Und auch wenn die Relevanz des Musikfernsehens gegen Null tendiert, hat sich Jack Letten sogar den Luxus eines Videoclips gegönnt:

Es geht weiter mit 'Deine Dämonen' welches den auffälligen Gesang des Projektes ERIK COHEN ganz besonders verdeutlicht. Bei 'Nur ein Herzschlag' verspürt man gar einen gewissen Country-Einfluss und spätestens bei 'Schattenland' und 'Regen' wird die von der Visions ins Spiel gebrachte Unheilig-Referenz offenbar.

„Ich glaube meine Grenze liegt da, wo Unheilig beginnt.“ - ERIK COHEN

„Ich habe zwischen ERIK COHEN und ihm (Unheilig) einen ganz hohen Zaun gezogen, mit Stacheldraht und Minen drum herum“ so reagiert ERIK COHEN im Visions-Interview dann weiter auf den Vergleich zum Grafen, aber stets verbunden mit einem gewissen Augenzwinkern, was im Gesamtkontext dann aber auch deutlich wird.

Das man solche Vergleiche aber auch schnell wieder aus dem Kopf bekommt, dafür sorgt dann auch ein Song wie 'Totenspinnengeist' welcher die zweite Hälfte der Platte einläutet und in der zweiten Songhälfte dann auch endlich mal die Gitarren komplett von der Leine lässt. 'Neues Blut' im Anschluss lässt dann nochmals aufhorchen. Trotz abgedroschener Seefahrermotive und klischeebeladener Lyrics („auf hoher See“ - „Fremdes Land“ - „Nein, wir fürchten uns nicht mehr – vor einer Reise ohne Wiederkehr“) klingt der Song dennoch modern und verdammt eingängig.

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Photo by Frank Peter

'Der heilige Grahl' entpuppt sich als sympathischer Stampfer auf den sich vermutlich diverse Genre-Anhänger einigen können. 'Tapete' lässt die Sportzigarette hoch leben und nicht erst mit dem zehnten und abschließenden Track stellt sich 'Das gute Gefühl' ein und lädt zu einem weiteren Durchgang ein.

Wer Gefallen an ERIK COHEN's Debüt gefunden hat, der wird mit "Weisses Rauschen" nicht nur seinen Frieden machen können. Das Album ist deutlich ausgefeilter und trumpft mit einer ganzen Ladung großartiger Melodien auf. Wer allerdings schon bei "Nostalgie für die Zukunft" einige Tränen in sein Smoke Blow-T-Shirt weinte, wird sich auch dieses Mal schwer tun. Aber ab und an kommen Smoke Blow ja nochmal zurück auf die Bretter die die Welt bedeuten. Die nahe Zukunft gehört jedoch erst einmal ERIK COHEN.

VÖ-Datum: 15.01.2016 4.5-Blitz