(Vertigo)

Der Albumtitel ließ schlimmstes befürchten. "Engtanz" betitelt Aki BOSSE sein sechstes Studio-Album und weckt sofort Assoziationen zu schlimmsten Varianten des deutschsprachigen Radiopops. Das am Ende dann sogar noch weniger Balladen und ruhige Tracks als gewohnt den Weg auf das neue BOSSE Album gefunden haben, erstaunt dann umso mehr – ein klarer Fall von Etikettenschwindel.

„[...] der Engtanz, den Axel BOSSE in seinen Songs zelebriert, weit entfernt vom Klammer-Blues aus Teenagerzeiten, zögerlichem ersten Abtasten und schüchternen Annäherungsversuchen. Das, was hier ins Haus steht, ist der ausgelassene Engtanz mit dem Leben!“ prollt die offizielle Pressemitteilung. Nach den ersten Durchläufen der Platte ist auf jeden Fall klar, dass der gute alte BOSSE hier mal einen auf ganz dicke Hose macht und ein Album mit einer unglaublich fetten Produktion raushaut. Gitarren, Chöre, Streicher, Bläser, Elektrogefrikkel – der sympathische Braunschweiger gönnt sich mutig mal das volle Programm. Zudem strotzt das Album geradezu von popkulturellen Referenzen ,wie es sonst eigentlich nur Kraftklub gewuppt bekommen, ohne dabei peinlich zu wirken. Faith No More, Walter White, Aubameyang, Herr der Ringe, Audrey Tautou, Bansky, Oasis - um nur einige textliche Nennungen oder Referenzen zu nennen.

Der Opener 'Außerhalb Der Zeit' wird unterstrichen von einem Elektrobeat, welcher auch von den Chromatics beeinflusst sein könnte. Dazu eine wunderbare Klaviermelodie, eine akustische Klampfe und der BOSSE-typische Gesang. Der Refrain bietet dann direkt Chöre auf und nach zweieinhalb Minuten darf dann auch unser aller Lieblingstrompeter, Martin Wenk, wieder sein Instrument ausgiebig erklingen lassen. Auf jeden Fall schon mal ein verdammt guter Start.

'Dein Hurra' besticht anschließend durch gute Laune und dürfte auch die letzten Regenwolken dieser Tage zum Aufreißen bringen. Schade jedoch, dass man sich dann ausgrechnet für 'Steine' als Vorboten des Albums und erste Singleauskopplung entschieden hat. Auch im Gesamtkontext des Albums kann der Track, zumindest mich, einfach nicht überzeugen.'Nachttischlampe' reizt die Verfügbarkeit der Streicher anschließend gehörig aus und mit 'Krumme Symphonie' gönnt sich BOSSE dann sogar noch ein HipHop-Feature. Casper's Reibeisenstimme darf die zweite Strophe des Songs beisteuern. Das ganze wirkt dann sogar nicht mal wie billige Crosspromotion, mit dem Ziel die eigene Fanbase zu erweitern, sondern verdammt stimmig.

Neben dem erwähnten Feature lässt dann auch nochmal der stark gitarrenlastige Track 'Immer So Lieben' aufhorchen und erinnert an die ganz frühen Anfangstage von BOSSE, als Aki es mit Tracks wie 'Die Irritierten' oder 'Eigentlich, Eigentlich' noch lautstark in den Jugendzentren krachen lies.

'Wir Nehmen Uns Mit', 'Blicke' und 'Insel' erzählen dann in BOSSE-Manier von Lebensphasen und Geschichten, wie sie wohl jeder zwischen zwanzig und fünfzig kennt, erlebt hat oder genau diesen Punkt in seinem Leben gerade durchlebt. Dabei gelingt es dem Musiker geradezu meisterhaft, Stimmungen einzufangen und diese mit den passenden Worten und Bildern in seine Songs zu transportieren. Den Rausschmeißer markiert dann das traurige 'Ahoi Ade', dem man aufgrund seines Textes eigentlich gar nicht vorwerfen möchte, hier die Quotenballade zu bilden. Schließlich verkündet BOSSE im Rahmen der Promotion zum Album auch solche Sätze wie „Irgendwann werde ich eine Platte machen, wo nur ich am Klavier sitze. So Udo Jürgens mäßig“.

Photo by Benedikt Schnermann

Photo by Benedikt Schnermann

Nach dem Durchhören von "Engtanz" dürfte jedoch jedem klar sein, dass noch eine ganze Menge an Wasser die Leine hinabfliessen muss, bevor Axel BOSSE den Bademantel überstreift. Der Mann hat derzeit noch jede Menge Energie und Bewegung in sich, welche sich glücklicherweise in diesem verdammt kreativen, mutigen und ambitioniertem Album entlädt. Langjährige Fans werden von "Engtanz" sicherlich nicht enttäuscht werden und Leute die bisher mit BOSSE nichts anfangen konnten, werden sich auch mit diesem Album nicht umstimmen lassen.

Album-VÖ: 12.02.2016

4.5-Blitz