POPSALON in Osnabrück bedeutet 3 Tage lang in verschiedenen Locations Rohdiamanten verschiedener Genres zu sehen. Zusammen mit Bands, die bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben, bildet der POPSALON eine wunderbare Melange für den Musikliebhaber, der gerne über den Tellerrand seiner Genrebeschränkung hinausblicken will. Und man wird mitunter faustdick überrascht. Einziger Wehrmusttropfen bleibt, dass man sich nicht zerteilen kann, um sich alles anzuschauen.

Eine faustdicke Überraschung war bereits der erste Act am Donnerstag. THE LYTICS aus Winnipeg, Kanada. Zum einen gehört die Band sicherlich nicht zum Gestromt-Kosmos und Hip Hop auch nicht zu den Lieblingsgenres unserer Redakteure. Und wenn es denn unbedingt sein muss, dann gehört zumindest eine vernünftige Band dazu und mindestens eine Gitarre in die Hand eines Musikers. Allerdings konnten die Jungs auch damit nicht dienen. Dennoch entwickelte sich die Band zu einer der Überraschungen des sechsten POPSALONS. Denn egal, mit wem man im weiteren Verlauf der drei Festivaltage ins Gespräch kam, nicht selten ging es um die Hip Hopper aus Kanada. Auch wenn lediglich ein Dj für den Sound gesorgt hat, befeuerten die vier MCs von THE LYTICS die Zuschauer in der Lagerhalle dermaßen, das bereits der Auftakt des Indoorfestivals als gelungen verbucht werden konnte. Sehr interessant war, dass die Beats recht modern waren, aber der Stil des Rappens wirklich allerfeinstes Old School-Reimen war. A Propos Beats: mal fett, mal dezent überlagerten sie nicht die vier MCs, sondern gingen eine wunderbare Symbiose ein. Und angenehmerweise mal kein Dicke Hose Hip Hop, sondern mit viel Spaß, Liebe und Herzblut zusammengebauter Sprechgesang. Und auch gesanglich brauchen THE LYTICS einen Vergleich mit ausgebildeten Sängern nicht zu scheuen. Es war herrlich zu sehen, dass es neben dem Mainstreameinerlei, in diesem von uns eher stiefmütterlich betrachteten Genre, noch echte Qualität gibt. Das fand auch das Publikum, das sich von Fußball (Dortmunds Liverpool-Desaster) und zeitigem Beginn nicht beeinflussen ließ, und die Lagerhalle zu zwei Dritteln befüllte. Nach anfänglichem Zögern und zaghaften Nachhelfen der Band wurden Hände in die Luft geworfen, Köpfe genickt und all das gemacht, was man auf einem Hip Hop-Konzert so macht. Leider war das Spektakel schon nach einer Stunde vorbei. Selten so guten Hip Hop gehört, der obwohl komplett vom Rechner und Platte sehr viel Herzblut und Soul vermittelte. Und ein besonderes Lob geht an den Mischer, der es verstanden hat den Auftritt zu einem akustischen Genuss werden zu lassen.

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Nach einer kurzen Umbaupause betraten OK Kid um 21:30 Uhr die Bühne der Lagerhalle. Auch wenn nun die eingeforderten Instrumente die Bühne enterten, war die Visitenkarte von OK KID schon eher ein Kontrastprogramm zu dem warmen und herzerfrischenden Auftritt der LYTICS. Denn Ihre Mischung aus Pop, deutschem Hip Hop, Indie und etwas Elektro hatte bei weitem nicht die Intensität, welche die LYTICS versprühten. Es war etwas wie Synthiepop meets Sprechgesang meets Bosse. Doch wenn man jetzt denken könnte, dass der Auftritt jetzt nicht das Gelbe vom Ei war, liegt man aber auch falsch. Denn wenn man den Auftritt von OK KID an sich betrachtet, muss man attestieren, dass sie einen wirklich guten Abend erwischt haben. Die bereits oben beschriebene musikalische Melange wurde erstklassig Live umgesetzt, die Band hatte Bock zu spielen und es war inzwischen deutlich voller geworden. Unterstützt von einem Gitarristen und einem Bassisten ließen sie ihrer Spielfreude freien Lauf und präsentierten neben ihren alten Stücken auch Sachen aus ihrem aktuellen Album "Zwei". Sänger Jonas Schubert sprang gutgelaunt über die Bühne und hielt immer mal wieder kurze Konversationen mit den Leuten aus der ersten Reihe. Die teils recht verkopften Lyrics wurden mit Hingabe teils gesungen teils gesprochen. Im Gegensatz dazu stand Keyboarder Moritz recht stoisch hinter seiner Tastenburg und legte sphärische Klangteppiche aus, auf denen sich der Rest der Band austobte. Drummer Raffi Kühle hielt das Ganze rhythmisch klasse zusammen. Die zur Unterstützung dazu geholte Gitarre hielt sich dezent im Hintergrund, sorgte aber in den richtigen Momenten für Akzente. Eine passende Lightshow machte das Ganze zu einem rundum gelungenen Erlebnis für die Zuschauer. Um 23:00 Uhr verließen OK KID die Bühne, um für eine Zugabe wieder zurück zu kommen. Um 23:20 Uhr war dann endgültig Feierabend. Ein sympathischer Auftritt der nur einen Schönheitsfehler hatte: Die vorherige Band, denn sie ließ das teutonische Klangspektakel etwas unterkühlt wirken.

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Der zweite Tag (Freitag) des Popsalon begann mit GLORIA im Haus der Jugend. Und Junge Junge, was war das voll. Das Publikum stand dichtgedrängt vor dem Saal, um wenigstens ansatzweise dem melancholisch- sphärischen Indiepop zu lauschen. Ein Reinkommen war unmöglich. Und das völlig zu Recht, denn der Auftritt war wirklich Klasse. Wer Klaas Heufer- Umlauf nur als Krawallbruder aus dem Fernsehen kennt, wurde hier wirklich überrascht. Die seichten, fast schon zärtlichen Songs der Band in Kontrast zum TV-Treiben zu stellen und dann festzustellen, dass der Herr Heufer- Umlauf wirklich singen kann, hatte eine ganz eigene Magie. Und von Mark Tavassol wissen wir alle noch aus seiner Zeit bei Wir sind Helden, dass er musizieren kann. Unterstützt von weiteren Musikern lieferten sie ein wunderschönes, intimes Konzert ab. Mehr bleibt dazu wirklich nicht zu sagen!

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Weiter ging es in der Lagerhalle mit MOTORAMA. Das Quartett aus Russland wurde nicht ohne Grund mit Joy Division im Programm des Popsalons verglichen. Denn sowohl die Musik als auch die Bühnenpräsenz des Sängers und Bassisten Vladislav Parshin erinnerten sehr an die New Wave-Heroen aus England. Besonders bemerkenswert war seine Stimme, ohne die MOTORAM vermutlich nur die Hälfte wert wären, denn in nicht wenigen Momenten des etwa einstündingen Konzertes meinte man die Reinkarnation von Ian Curtis auf der Bühne zu sehen und zu hören. Jedoch versteiften sich MOTORAMA nicht komplett darauf, wie andere zu klingen. Vielmehr liehen sie sich Zitate von anderen, um damit was völlig eigenes zu erschaffen. So hatte Parshins Stimme eine enorme Bandbreite. Neben einer tiefen Theatralik konnte sie auch ohne Schwierigkeiten ungeahnte Leichtigkeit vermitteln. Der Rest der Band verschanzte sich derweil hinter ihren Instrumenten und lieferte den Teppich, auf dem sich Parshin entfalten konnte. Drummer Oleg Chernov gab äußerst präzise den Takt an, auf dem Gitarrist Maxim Polivarnov und Keyboarder Alexander Norets Melodien legten. Das Publikum schien es auf jeden Fall zu genießen. Denn trotz einer Riesenportion Introvertiertheit seitens der Band (Es gab KEINE Interaktion) tanzte es und feierte so ziemlich jeden Song. Nach gut einer Stunde war das Konzert vorbei und MOTORAMA verließen unter wirklich großem Applaus und Zugabewünschen die Bühne der Lagerhalle. Es war eine Freude dabei gewesen zu sein.

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An den anschließenden TÜSN schieden sich nun die Geister. Dem einen war der Gothpop ohne Gitarre zu düster, schwer und speziell. Dem anderen gefiel gerade die Schwermut und Dramatik, die TÜSN live liefern konnten. Der spezielle Sound zollte auch seinen Tribut in der Anzahl der Zuschauer, denn die Lagerhalle leerte sich deutlich im Vergleich zum Konzert von MOTORAMA. Was man TÜSN allerdings in jedem Fall attestieren kann, ist die Fähigkeit die Theatralik des Albums "Schuld" auch live rüber zu bringen. Leider war das Set zu Anfang von technischen Problemen geprägt. Diese wurden jedoch schnell behoben. Somit konnte das Spektakel weitergehen. Und trotz der anfänglichen Schwierigkeiten schafften es TÜSN mit der Zeit eine bemerkenswert dramatische Show abzuliefern. Das Publikum ließ sich umgehend anstecken und tanzte zur Musik. Diese bestand aus einem dicken Synthieteppich, der von einem knackigen und trockenen Schlagzeug hinterlegt und mit Bassharmonien garniert wurde. Das Ganze wirkte recht kühl und in gewisser Weise unnahbar, hatte dabei aber seinen ganz eigenen Reiz. Und mit etwas Abstand zum Konzert betrachtet, muss attestiert werden, dass das Ganze ein wirklich gut funktionierendes Konzept ist. Zumal der Sänger mit seinem gesamten Habitus einen erstklassigen Zeremonienmeister abgab. Und was besonders überrascht hat, war die Tatsache, dass neben dem stapfenden und kühlen Gothpop auch Platz für die eine oder andere richtige Ballade war.

But now for something completely different: Tag 3 des Popsalons eröffnete KELVIN JONES im Haus der Jugend. Der Brite wurde dabei von einer formidablen Band unterstützt. Leider hatte er den Begriff der deutschen Pünktlichkeit nicht ganz verstanden und stand zwanzig Minuten zu spät auf der Bühne. Aber dafür entschädigte er mit seiner Band mit erstklassigem Soulpop. Neben Gesang hing er sich auch die Gitarre um, und begrüßte das randvolle Haus der Jugend in perfektem Deutsch. Das Publikum war bereits nach dem zweiten Song komplett in Feierlaue und tanzte und sang umgehend mit. Dieser Funke sprang zurück auf die Bühne, und verleitete die Band zu der einen oder anderen Jamsession auf der Bühne. Besonders hervorzuheben war seine samtig weiche Stimme, die genau in den richtigen Momenten kraftvoll anschwoll, ohne dabei überdreht und nervig zu werden. Nach gut 60 Minuten war der Spaß auch wieder vorbei und KELVIN JONES hinterließ ein rundum glückliches Publikum. Wer den jungen Musiker in diesem Sommer nochmal live erleben möchte, hat unter anderem beim Hurricane Festival die Gelegenheit dazu.

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Ein Kontrastprogramm dazu lieferte NEUFUNDLAND aus Köln ab. Und ehrlich gesagt, war die Musik und Show der Band unvergleichbar mit allen anderen Acts des POPSALONS. Texte in bester Tradition von Tomte und Kettcar, gepaart mit einer einzigartigen Mischung aus Indierock und Elektroelementen. Anscheinend wusste auch das Publikum über die Qualitäten der Band Bescheid, und füllte die Lagerhalle restlos aus. Dabei genossen sie sowohl die langen Instrumentalparts, als auch die teils verquerten Texte, die die beiden Sänger zum Besten gaben. Wie schon eingangs erwähnt, bestach NEUFUNDLAND durch ihre Eigenständigkeit, die zum Glück nie aufgesetzt wirkte. Und zur Feier des Tages wurden Ton Steine Scherben mit einer Huldigung bedacht, und 'Halt dich an deiner Liebe fest' in ein ihnen eigenes Gewand gehüllt. Unter Zugaberufen verließen NEUFUNDLAND die Bühne und hinterließen ein rundum glückliches Publikum.

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Die letzte Band des Abends, die wir begutachtet haben, waren OLYMPIQUE. Eigentlich eine mehrköpfige Band, traten sie hier nur als Duo mit Gitarre und Schlagzeug auf. Und obwohl nur in Teilbesetzung lieferten sie souligen Indierrock allerfeinster Güte ab. Fehlende Keyboardsounds wurden via Playback eingespielt. Im ersten Moment etwas irritierend, aber wenn die Musiker damit gut umgehen; warum nicht? Der Qualität des Vorgetragenen verminderte es hier auf gar keinen Fall. Ein klein wenig erinnerte die Stimme des Sängers und Gitarristen Fabian Woschnagg an Kings of Leon. Gekonnt zwischen leisen, souligen und kräftig lauten Passagen wechselnd, schaffte er es, der Show eine ganz eigene Magie zu geben. Begleitet wurde er von Nino Ebner am Schlagzeug. Der brachte durch sein präzises Spiel eine ordentliche Prise Groove in das Konzert. Dem Publikum gefiel es sichtlich, und unter großem Applaus verließen sie nach einer guten Stunde die Bühne der Lagerhalle.

Als Fazit muss für den POPSALON 2016 stehen: Viele Überraschungen, kleine aber feine Konzerte, und an jedem Abend ein wirklich erstklassiger Sound. Und wer die zukünftigen großen Nummern des Pop noch in einem kleinen Rahmen sehen möchte, sollte sich nächstes Jahr auf den Weg nach Osnabrück machen. Der POPSALON hat nach einjähriger Pause somit ein gelungenes Comeback feiern können.

Text: Kristof Linke/Marc Erdbrügger Fotos: Mark Haake