(Roadrunner Records/ Warner)

Die Norweger sind wieder da! Abseits von klischeebehafteten Pfaden, loten KVELERTAK auch ein drittes Mal in Albumlänge die Grenzen des HeavyRocks in all seinen Facetten und Möglichkeiten aus und zaubern mit "Nattesferd" neun neue Kompositionen auf das Medium deiner Wahl.

Nach dem Durchbruchsalbum von vor 3 Jahren namens "Meir", war erstmal ausgiebiges Touren angesagt. Danach wurde der geneigte Fan mit einer monatelangen Kreativpause gequält, die sich jetzt mit dem "Nattesferd" benannten Werk Bann bricht. Die vermutlichen Reaktionen werden sich zwischen Kopfschütteln, offen stehenden Mündern, gereckten Fäusten, Fassungslosigkeit und unkontrollierten Moshpits einpendeln. KVELERTAK fordern heraus und lassen sich nicht in Schubladen drücken.

Das wütende Gekeife von Frontmann Erlend Hjelvik packt einen nach kurzem Intro sofort am Sack und lässt den Zuhörer in die Welt von KVELERTAK eintauchen. Ob man sich mitreissen lässt und die Überraschungseffekte immer noch überzeugen, kann man nach dem Opener 'Dendrofil For Yggdrasil' noch nicht abschließend bewerten, da dieser recht gleichförmig nach vorne prescht, in den fünfeinhalb Minuten Laufzeit zwar das ein oder andere Break einbaut, aber grundsätzlich monoton dem skandinavischen BlackMetal mit hervorstechender Leadgitarre frönt.

Dann folgt mit '1985' auch schon die erste Auskopplung, die vor einigen Wochen für Verwirrung, ja fast schon Enttäuschung gesorgt hat, da die Referenzen klar im 70er Classicrock/80er Glamrock zu verorten sind. Offensive Wiederholung der Riffs, die durch das Wechselspiel der drei (!) Gitarren im weiteren Verlauf des Songs ein leichtes Queen-Feeling aufkommen lassen. Wenn man sich darauf einlassen kann, entwickelt der Track einen Sog, der einen verschwitzt und perplex zurücklässt. Andere werden das Stück als langweilig bezeichnen und nach kurzer Zeit weiterskippen.

Aber gerade diese Ambivalenz im Qualitätsempfinden ist auch eine Stärke und ein Markenzeichen von KVELERTAK - man muss sich mit dieser Band beschäftigen. Selbst als normaler Musikkonsument wird man unterbewusst aufgefordert, die Songs mehrmals zu hören, um die Tiefe zu erkennen, die den Kompositionen inne wohnt oder um die versteckten Melodien zu entdecken, die sich nach Erkennen ebendieser in das Stammhirn bohren.

Der Titeltrack fischt in Turbonegro-Gefilden, hat einen fantastischen Melodiebogen und ist an Eingängigkeit fast schon unverschämt. Einmal gehört, 7x Repeat gedrückt, dann habe ich mich doch losreissen können, um das Album weiterzuhören.

'Svartmesse' legt wieder diese Riff-Verliebtheit an den Tag, die auch schon während der Hairmetal-Hochzeit bestens funktioniert hat, um die hochtoupierten Matten zum Schwingen zu bringen. Über allem thront Sänger Hjelvik, der in norwegischer Sprache die kreativen Auswüchse des Sextetts begleitet und durch dieses Alleinstellungsmerkmal, den Wiedererkennungswert enorm steigert.

KVELERTAK müssen sich nicht mit anderen Bands vergleichen lassen, sie sind sich selbst die beste Referenz. Wer die Epochen harter Rockmusik dermassen frisch und ohne jegliche Angst so grandios durchdeklinieren kann und etwas Neues daraus entstehen lässt, muss sich niemandem beweisen.

Mit knapp drei Minuten ist 'Bronsegud' der kürzeste Song auf "Nattesferd" und verführt mit einem angenehmen Punkvibe, der an glorreiche Gluecifer-Zeiten erinnert. Um es nochmal zu betonen: Die Nennung von Bandnamen zum Vergleich soll nicht den Vorwurf des Plagiats beinhalten, sondern dient zur Veranschaulichung der Kreativität von KVELERTAK und deren genreübergreifendem Input.

Das nachfolgende 'Ondskapens Galakse' ist zu Anfang ein überraschend zurückhaltender Alternative-Rocksong, der natürlich seine Wirkung und Authenzität durch den aggressiven Gesangstil erhält - allerdings ist das ausufernde Outro des Songs recht einschläfernd. Hätte gut als letzter Track des Albums gepasst, so wird leider etwas die Dynamik aus "Nattesferd" herausgenommen.

Photo by Paal Audestad

Photo by Paal Audestad

Das schon bekannte 'Beserkr' krallt sich aber wieder fest und versöhnt recht zügig. Mit 'Heksebrann' folgt das Opus von KVELERTAK - der erste Teil des Mammutsongs ist rein instrumental gestaltet und hat einen leicht postrockigen Charakter, der (wie oben erwähnt) mit drei Gitarren und einer feinen Rhythmusfraktion einen perfekten Spannungsbogen aufbaut. Nach Einsetzen des Gesangs, der während des Refrains durch einen gänsehauterzeugenden Chor unterstützt wird, entwickelt sich eine Dynamik, der man sich schwer entziehen kann/will. Die vertonte Melancholie, wird mit dem Einsatz von einer Akustikgitarre in den letzten Sekunden perfekt abgerundet und lässt einen sprachlos, verzückt und erstaunt zurück.

Mit 'Nekrodamus' endet "Nattesferd" mit einem typischen KVELERTAK-Song (wobei: was ist typisch für diese Band?). Midtempolastige Iron Maiden Gitarrenlicks zu Anfang, die sich in Richtung Black Sabbath ausbreiten und zum Ende hin eine Wall-Of-Sound aufgebaut haben, die einen runden Abschluss für das neue Meisterwerk der Norweger bilden.

Das alles und noch viel mehr ist "Nattesferd" - lasst Euch auf die Reise ein. Entweder man mag es oder findet keinen Zugang. Ich stelle fest: Ich liebe es! Fast volle Punktzahl, trotz einiger Kritikpunkte (aber vermutlich werden die mich im Laufe der nächsten Tage auch überzeugen).

Album-VÖ: 13.05.2016

5.5-Blitz