(Earmusic) Es gibt wohl kaum jemanden innerhalb der Rockszene, der den Namen Tarja Turunen noch nicht gehört hat. Die finnische Sopranistin ist Mitbegründerin der höchst erfolgreichen Symphonic Metal Band Nightwish, der sie auch bis ins Jahr 2005 angehörte. Durch den opernhaften Gesang gelang die Dame schnell zu Weltrum und legt nun mit "The Shadow Self" ihr bereits viertes Rock Album vor. Bereits im Juni dieses Jahres erschien mit "The Brightest Void" ein 50 minütiges Prequel-Album, dass einem aber eher wie eine B-Seiten Sammlung vorkam und mich persönlich nicht überzeugt hat. 'Innocence' startet dann auch ganz unschuldig mit ein paar Klavierklängen, bevor sich die harten Gitarrenriffs dazu gesellen und TARJA mit ihrer Stimme für die typische Atmosphäre einer Rock-Oper sorgt. Ein gut zweiminütiges (Klavier)solo sorgt übrigens dafür, dass das Stück auf über stolze 6 Minuten kommt. Die Gitarrenklänge zu 'Demons In You' sind sehr auffällig und für ein Soloalbum von TARJA wirklich ungewöhnlich aggressiv und hört man da auf einmal Growls? Ja, und zwar von Alissa White-Gluz, der aktuellen Sängerin von Arch Enemy. Sie bietet wirklich einen gelungenen Kontrast zur Hauptstimme und macht damit den Song ziemlich spannend. Dafür kommt dann auch 'No Bitter End' deutlich freundlicher daher. Der Refrain wirkt schon sehr poppig und radiotauglich, auch wenn es klar ein Rocksong bleibt. Recht düster wird es mit 'Love To Hate', welches trotz eines Gitarrensolos die bisher stärksten Anleihen an eine Oper hat. Der Anfang von 'Supremacy' verdeutlicht nur zu gut, auf was für einem hohen Niveau dieses Album produziert wurde. Gitarre und Bass werden wirklich in bester Qualität eingefangen und bereichern das Lied mit nicht erwarteter Härte. Insgesamt tatsächlich der erste Song, den man ohne Probleme in den Metal Bereich einordnen kann, was natürlich auch daran liegen könnte, dass es "nur" ein Cover des Muse Songs ist. Und das der Gesang dazu auch noch erstklassig ist, muss ich wohl kaum erwähnen. Als krasser Kontrast erklingt da auf einmal eine Akustikgitarre zum Start von 'The Living End' und leitet ein wirklich verträumtes Stück Musik ein, wozu der Dudelsack sicherlich nicht gerade wenig beiträgt. Und das meine ich in keinster Weise irgendwie negativ. Die ganze Ladung des Stimmhöhenspektrums gibt es bei 'Diva' zu hören und auch sonst handelt es sich hier um hitverdächtiges Material. Einfach anhören und genießen, dass ist die Art von Musik, für die die Fans TARJA lieben. 'Eagly Eye' hat einfach diese gewisse Eingängigkeit, wodurch sich das Lied sofort im Kopf festsetzt. Außerdem passt der zusätzliche Gesang ihres Bruders Toni Turunen wirklich sehr gut hier rein. Da denkt man doch tatsächlich, dass man gerade einen Filmsoundtrack hört, aber nein es ist 'Undertaker', ein Stück, dass mich am meisten begeistert, wenn noch gar nicht gesungen wird. Tatsächlich lenkt mich die Stimme im späteren Teil zu sehr von der genialen Melodie ab. 'Calling From The Wild' wirkt zwar an der ein oder anderen Ecke etwas gewollt hart, als ob man an dieser Stelle des Albums unbedingt nochmal den Metalhead befriedigen muss, aber ist nichtsdestotrotz ein Track, den man auf keinen Fall überspringen will. Nun heißt es 'Too Many', was das wohl bedeutet? Vielleicht too many minutes? Das Finale von "The Shadow Self" läuft nämlich, zumindest in der Theorie, fast 13 Minuten. Aber nein, hier ist sicherlich keine Minute zu viel, TARJA gibt noch einmal alles und wirft uns mit einem bombigen Lied nach gut acht Minuten aus dem Album. Aber auch nicht wirklich, wer nämlich noch etwas wartet, soll mit einem Hidden Track belohnt werden. Bei dem knallt es dann nochmal so richtig aus den Boxen und dann geht es extrem ironisch und ein kleines Stück kritisch zur Sache, ich will nicht zu viel verraten, man muss es einfach selber gehört haben, damit auch der Überraschungseffekt noch gut sitzt.
Photo by Tim Tronckoe

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Die CD kommt übrigens in einem sehr hübsch designtem Digibook mit Prägedruck daher und ist dabei in einem schönen Vinylook gehalten und es befindet sich noch eine Bonus DVD mit einem Interview und zwei Musikvideos dabei. Warum man für das Booklet aber eine Schriftfarbe gewählt hat, die es fast unmöglich macht, diese zu entziffern, muss ich nun nicht wirklich verstehen. Der Hauptgrund, weshalb ich CDs bevorzuge und das ist nunmal das Booklet, ist hier also leider ein dickes Manko, bei einer sonst gelungenen Version. Mit "The Shadow Self" ist TARJA ein starkes Album gelungen, welches dem Fan genau das bietet, was dieser auch erwartet. Eine packende Rock-Oper, auf höchstem Niveau produziert und einem unvergleichlichem Gesang. Allerdings muss man ohne Frage auch wirklich auf diese Art von Musik stehen, denn auf Dauer kann das auch schon ein bisschen anstregend werden. Album-VÖ: 05.08.2016 4.5-Blitz