(Uncle M Music/ Cargo Records) 4 Jahre sind in unserer schnelllebigen Zeit eine verdammt lange Pause (wobei es zwischendurch mit der EP "Black Everything" ein klitzekleines Lebenszeichen gab). Dass es APOLOGIES, I HAVE NONE überhaupt noch gibt, grenzt bisweilen an ein Wunder. Schließlich haben zwei langjährige Mitglieder, die nicht unwesentlich am Songwriting beteiligt waren, nach dem Megaerfolg des Debüts "London" das Handtuch geschmissen und Gründungsmitglied Josh McKenzie einen Scherbenhaufen hinterlassen. Nun folgt also ein neues Album mit fast komplett neuem Line-Up - es hört auf den Namen "Pharmacie", kommt in Deutschland über das Münsteraner Liebhaber-Label Uncle M und stellt sich der wartenden und erwartungsvollen Fanbase. Mit 'Love & Medication' ist ein dynamischer Stadionrock-Song das Mittel zum Zweck, um den Einstieg in das Album perfekt gelingen zu lassen. Eine wundervolle Gitarrenarbeit, zerbrechlich wirkende Pianospuren und die Hymnenhaftigkeit im Chorus, der mit klug gesetzten Background-Gesang überzeugt. 'Wraith' bietet britische Verzweiflung par excellence, der den typischen AIHN-Sound mit leicht progressiven Ansätzen verschmelzen lässt und Spannungsmomente erzeugt, die ineinander greifen und sich zu einem wahren Tornado hochschrauben. Was auffällt, ist dieser nachdenkliche und gleichzeitig wütend wirkende IndieRock, der Songs wie das im Grunde unspektakuläre 'Goodbye, Peace Of Mind' zu emotionalen Achterbahnen macht und bei 'The Clarity Of Morning' den Herbstmodus mitten im Hochsommer anschmeisst. Das sind melancholische Wundertüten, die es verdienen, bei Sturm und Regen gehört zu werden, um ihre Wirkung entfalten zu können. 'Everybody Wants To Talk About Mental Health' ist der wütendste und kompromissloseste Song, den ich in diesem Jahr gehört habe. Nicht auf musikalischer Ebene reisst er die Hütte ab und tut geradezu weh - es ist das Offenlegen seines Seelenlebens, welches McKenzie mit einer Energie und Verzweiflung frei lässt, die alle negativen Emotionen spürbar macht. Das nachfolgende 'It's Never The Words You Say' fängt den Hörer rechtzeitig auf, um diesen auf das Monstrum 'Killers' vorzubereiten. 'Killers' lässt sich achteinhalb Minuten Zeit, um dem punkig-unterdrückten Postrock einer grandiosen Metamorphose zu unterziehen. Was APOLOGIES, I HAVE NONE hier abliefern, ist für Fans von Pelican oder And So I Watch You From Afar ein unbedingtes "Must Have" und eine Geduldsprobe für Liebhaber des "London" Albums. Wer sich allerdings die Mühe und Zeit nimmt, wird mit einem Sound-Wunderwerk belohnt, welches enorm nachwirkt und einen fast erschöpft zurücklässt.
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Photo courtesy of Uncle M

"Pharmacie" schließt versöhnlich (zumindest auf musikalischer Ebene) mit dem mitreissenden 'Pharmacy In Paris' ab, welche alle liebgewonnen Eigenschaften (die alten und neuen!) miteinander verbindet und fast schon Euphorie aufkommen lässt. Ein richtig feines und überraschendes Album, dass man sich erarbeiten muss - dann aber mit einem zeitlosen Stück britisch geprägter Gitarren-Melancholie mit Punkkante fürstlich entlohnt wird. Album-VÖ: 26.08.2016 4.5-Blitz