(Epitaph)

TOUCHÉ AMORÉ wandeln ihren Hardcore auf dem vierten Album erheblich und beschreiten einen ähnlichen Weg wie ihn die Genrekollegen Title Fight, La Dispute oder auch Pianos Become The Teeth bereits vor den Jungs aus L.A. eingeschlagen haben. Wer also mit den letzten Alben dieser Referenzbands nicht glücklich wurde, der wird es auch nicht mit "Stage Four".

"Stage Four" thematisiert die Trauer um die eigene Mutter. Ein tragisches Ereignis, mit welchem sich Frontmann Jeremy Bolm gezwungen war, auseinanderzusetzen, nachdem der Krebs ihm seine Mutter nahm. Das titelgebende vierte Stadium dieser Krankheit, bezeichnet den fortgeschrittenen Zustand, in welchem eine Heilung eher die Ausnahme als die Regel ist. Die Lyrics auf "Stage Four" sind also oft aus der Perspektive des Sterbebegleiters und treffen immer mal wieder unvermittelt ins Mark.

Der Songreigen beginnt mit dem starken 'Flowers And You', in welchem Leadsänger Bolm sich für die Trauer entschuldigt, mit welcher er seiner Mutter in ihren letzten Tagen begegnete. Dass er keine Worte fand, nicht wusste wie man angemessen mit der ganzen Situation umzugehen hat. Ein Umstand den wohl jeder von uns kennt. Ungewissheit, Trauer, Zweilfel - alle diese Gefühle dominieren auch ein Jahr nach dem Tod der Mutter, wie man eindrücklich in 'New Halloween' zu Ohren bekommt. Dabei hört sich die Liedmelodie so fröhlich an, wie selten ein TOUCHÉ AMORÉ-Song zuvor. Genau dieses Spannungsfeld macht "Stage Four" zu einem dermaßen interessanten Album, welches beim wiederholten Hören seine wahre Stärke entfalten kann.

Mit 'Rapture' und 'Displacement' tippeln TOUCHÉ AMORÉ dann sogar noch zwei kleine Schritte näher zum Indie/Alternativerock-Genre, um anschließend mit 'Benediction' die Trennlinie endgültig zu überschreiten. Bolm findet hier sogar den Mut, die Strophen zu singen und man fühlt sich automatisch an The National erinnert. Die Shouts im Refrain und der folgende Track 'Eight Seconds' machen dann nochmal unmissverständlich klar, dass man hier aber noch eine gehörige Portion Wut zu verarbeiten hat.

Einen wirklich guten Eindruck von der Platte bekommt man, wenn man der Vorabsingle 'Palm Dreams' sein Ohr leiht. In zweieinhalb Minuten bekommt man hier fast alle Facetten des Albums in komprimierter Form präsentiert. Der cleane Gesang von Bolm im Wechsel mit seinen Shouts, einige absolut eingängige Indiegitarren und dazu das Drumming von Schlagzeuger Elliot Babin als treibende Kraft.

Dass mit diesem Longplayer neue Wege beschritten werden, wird nochmal besonders an den letzten beiden Tracks des Albums deutlich. 'Water Damage' ist ein Highlight und leiht sich eine Minute lang Wave-Gitarren aus dem Joy Division-Fundus, bevor der unvermeidliche Hardcore-Orkan zur Mitte des Songs alles vom Tisch fegt und einen im Postrock-Regen stehen lässt. Mit 'Skyscraper' findet sich dann sogar so etwas wie eine Ballade auf dem Album. Gemeinsam mit der Stimme von Singer/Songwriter Julien Baker, beschenkt Sänger Bolm seine Mutter mit den Skyscrapern der von ihr so geliebten Stadt New York.

Mit "Stage Four" gelingt TOUCHÉ AMORÉ das spannendste und interessanteste Album, welches ich in diesem Jahr bisher gehört habe – und in gewisser Hinsicht aber auch das traurigste.

6-Blitz

Album-VÖ: 16.09.2016