(Prophecy Productions) Okay, es darf Herbst werden, meinetwegen sogar direkt Winter. Ich bin fest davon überzeugt, dass ALCEST mit ihrem Album "Kodama" den perfekten Soundtrack für beide Jahreszeiten abgeliefert haben. Fügen wir der Liste von Dingen, die Frankreich gut kann, nach Rotwein und Käse also auch noch die Musikrichtung Blackgaze hinzu. Bis zur Presseinfo zu "Kodama" wusste ich gar nichts von der Existenz dieser Schublade, muss aber sofort eingestehen, dass ich scheinbar schon lange Fan dieser Musik bin, ohne es wirklich gewusst zu haben. Man kann alt werden wie Sau und trotzdem noch was dazu lernen. ALCEST (übrigens lediglich aus zwei Mann bestehend) spielen Musik, die ausladend ist, die einzelne Parts bis auf das Letzte ausreizt und den Klangteppichen, die dadurch erzeugt werden, ausreichend Platz bietet, um sich zu entfalten. Mehrfach überlagernde Akkorde bilden eine Art schwebenden, sphärischen Klang, bei dem der Gesang oftmals ganz dezent im Hintergrund gehalten wird, um dann in wenigen Momenten mit aller Brachialität in Blackmetal-Manier aus den Boxen zu dröhnen. Größtenteils wird auf "Kodama" aber clean gesungen. Nichtsdestotrotz muss man sagen, dass diese Scheibe vermutlich genauso gut als Instrumentalalbum funktioniert hätte. Bei solch einer Scheibe jetzt nach „Produktionstechnik“ zu lauschen und zu beurteilen, ob das nun fett ist oder nicht, ist eher schwierig. Zu oft spielen die Gitarren einfach mit mehreren Effekten gleichzeitig und nur minimal angezerrt, sodass letztlich nur das Gefühl bleibt, dass hier alles genau so klingt, wie es klingen soll, der Sound nicht negativ auffällt, und man merkt, dass hier versucht wurde, eine lebendige Scheibe zu produzieren.
Photo courtesy of Prophecy Productions

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Der Titel "Kodama" ist übrigens japanisch und bedeutet soviel wie „Baumgeist“ oder „Echo“, und da hat man klanglich den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Konzept des Albums befasst sich mit dem Anime-Film Prinzessin Mononoke. In Unkenntnis des Films kann ich leider nicht qualifiziert sagen, ob das alles passt und stimmig ist, aber wenn diese Scheibe eins gut kann, dann ist es Stimmungen und Atmosphäre in Klänge umzuwandeln und damit ganz sanft die Seele des gewillten Zuhörers zu streicheln. Für mich ein absolutes Ausnahmealbum, das es mir schwer machen wird, es in den Jahrescharts angemessen einzubinden, aber irgendwo wird es definitiv auftauchen! Es handelt sich jedenfalls um das Album, das mich dieses Jahr bislang am überraschendsten abgeholt hat und das auch noch lange nachklingt, nachdem die CD schon vorbei ist! Volle Punktzahl, einen Fan gewonnen! Album-VÖ: 30.09.2016 6-Blitz