(Glitterhouse Records/ Indigo) Als Rezensent eines aufstrebenden Online-Magazins, welches den Schwerpunkt auf "harte" Musik legt, ist es natürlich ein notwendiges Muss über das eigene Schubladen-Denken hinaus zu schauen und Genres auszutesten, an die man sich vielleicht sonst nicht herantrauen würde. Meine persönliche Musik-Sozialisation ist im PunkRock verankert. Die Tätigkeit als Schreiberling erlaubt es mir aber auch Metal, AlternativeRock oder IndieRock Veröffentlichungen zu beschreiben und zu bewerten (wobei ich immer das ...But Alive Zitat im Hinterkopf habe: "Über Musik zu schreiben, ist wie zu Architektur tanzen"). Warum dieser kleine Diskurs? Mit der Aufgabe über das neue Album der schwedischen IMMANU EL zu schreiben, habe ich mich noch nie so nah am Pop bewegt. Was ich damit meine, versuche ich im Folgenden zu erklären. "Hibernation" heisst das mittlerweile vierte Studioalbum von IMMANU EL und es dauerte über fünf Jahre, um einen Nachfolger für "In Passage" zu komponieren und aufzunehmen. Das erste Mal überhaupt wurde ein Produzent ins Boot geholt, der die Band fokussierter und konzentrierter an die Sache rangehen ließ. Ziel war es, Songs zu entwickeln, die modern klingen sollten. Deren Konturen fein geschliffen sind, aber trotz möglicher Weiterentwicklung und dem Fehlen von Ecken und Kanten, den Hörer gefangen nehmen. Der Gesang wird mehr als jemals zuvor in den Fokus gesetzt und erinnert mit seinen emotional-getragenen Strophen an ganz alte Coldplay oder Sigur Ros. Der Wiedererkennungswert wird durch reduzierte Songlängen gefördert, da hier und da sowas wie Refrains geschaffen werden. Das alles ist natürlich kein Vergleich zu den Alben in der Vergangenheit - auf "Hibernation" gibt es keine postrockigen Eruptionen, die Gitarre spielt bei IMMANU EL im Grunde keine Rolle, sondern muss sich den Soundflächen unterordnen und darf nur in wenigen Augenblicken akzentuiert hervorlugen. Songs wie 'Hours', 'Voices' oder 'Winter Solstice' haben einen gewissen Pop-Appeal, werden es aber nie ins Formatradio schaffen. Für Nischensendungen, die tief in der Nacht laufen und experimentelle Musik anbieten, ist es aber wiederum zu sehr im populären Mainstream angesiedelt. IMMANU EL sitzen quasi zwischen den Stühlen und ich werde den Eindruck nicht los, dass es ihnen dort auch ganz gut gefällt. Wenn bei Soundcollagen wie 'Dvala' die klirrende Kälte von unendlichen Schneeflächen fast fühlbar gemacht wird, ist das bemerkenswert, auf der anderen Seite aber nur leidlich spannend. Ähnlich sieht es mit dem Projekt 'Completorium' aus, welches keine Dynamik entwickelt und vor sich hin dämmert.
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Immanu El Photo by Angelique Johner

IMMANU EL verbínden Anspruchsdenken und einen Kunstgedanken mit überproduzierter Relevanz-Neutralität. "Hibernation" muss vermutlich konzentriert über Kopfhörer gehört werden, um einen Zugang zu finden. IMMANU EL sind definitiv keine Band für die breite Masse, sondern für Entdecker und Liebhaber von Post-DreamPop (oder so ähnlich). Wer eine Art-Haus-Version von Pelican, Isis oder Maybeshewill braucht, hat mit IMMANU EL ein sicheres Händchen bewiesen - an alle anderen: Finger weg! Nett gemeinte 3 Blitze. Album-VÖ: 25.11.2016 3-Blitz