Der Indie-Rapper CASPER lud mal wieder zum ZURÜCK ZUHAUSE FESTIVAL in den Bielefelder Ringlokschuppen. Bereits zum fünften Mal feierte der Extertaler seinen musikalischen Jahresabschluss in der Lokalität, in welcher er vor einigen Jahren noch selbst hinter der Theke stand und die feiernde Meute bediente. GESTROMT besuchte eines der letzten Festivals des Jahres.

Während viele Festivals in Deutschland abbauen oder gleich ganz die Segel streichen, scheint das kleine ZURÜCK ZUHAUSE FESTIVAL mehr denn je zur Expansion bereit. Erstmals findet das Happening an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt und präsentiert dabei acht Acts mit einer solch musikalischen Vielfalt, wie es selbst große Major-Festivals nicht hinbekommen.

Festival Tag 1 SWAIN

Mit SWAIN steht eine Hardcore Band auf der Bühne, bei der man sich erst einmal fragen muss, wie zur Hölle sind die bitte in dieses Line Up geraten? Die Niederländer, welche bei End Hits Records (Boysetsfire, Trade Wind, Funeral For A Friend) unter Vertrag stehen, lassen von Minute eins so richtig die Sau raus. Ihr 90er Jahre Hardcore-Rock steht mit einem Bein im Grunge und mit dem anderen im Shoegaze. Das sich zu diesem frühen Zeitpunkt nicht sehr viele Zuhörer vor der Bühne versammelt haben, liegt sicherlich an der Gesamtzielgruppe eines CASPER-Festivals, stört die Band aber nicht ersichtlich. SWAIN liefern und diejenigen die sich darauf einlassen konnten, scheinen zufrieden.

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VOODOO JÜRGENS

VOODOO JÜRGENS ist mehr als Wanda 2.0. Auch wenn viele Stimmen meinen, der österreichische Liedermacher ist lediglich auf den Austro-Pop-Trend aufgesprungen, der spätestens von Bilderbuch losgetreten wurde. Allerdings macht David Öllerer schon deutlich länger Musik und spielte vor seiner Solozeit bei den Garage-Rockern Die Eternias. Der große Durchbruch kam jetzt solo und mit den schwarzhumorigen Texten von VOODOO JÜRGENS. Live spielt er ohne Band, sondern nur mit Gitarre und Loopmaschine. Das Festivalpublikum reagiert gemischt auf den Österreicher. Unmutsbekundungen wie sie in den Vorjahren Slime oder Feine Sahne Fischfilet entgegennehmen mussten, blieben jedoch aus.

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YUNG HURN

Mit YUNG HURN stand die erste Hip Hop Combo des Abends im Line Up. Erstmals wurde es jetzt richtig voll vor der Bühne und die Kids drängten sich in die ersten Reihen. Die Jungs von YUNG HURN performten ohne Band und auch die Wortspielereien der Truppe, konnten mir nicht mehr als ein müdes Lächeln entlocken. Für mich eindeutig der Murtaugh-Moment des Abends: Ich bin zu alt für diesen Scheiß!

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ROOSEVELT

Und auch mit der letzten Band des Tages dreht sich das Genre wieder komplett. ROOSEVELT spielen eine verdammt eingängige Mischung aus Indie und Electronic und bilden den überraschenden Konsens für die Fans des ersten Festivaltages. Es herrscht zwar nicht solch eine sichtbare Euphorie wie bei YUNG HURN und auch kein Mini-Pogo wie bei SWAIN, dennoch blickt man scheinbar überall in der kleinen Halle des Ringlokschuppens in zufriedene Gesichter. ROOSEVELT wird angeführt von Sänger und Songschreiber Marius Lauber, welcher ebenfalls Drummer der hervorragenden Indieband Beat!Beat!Beat!, zuletzt beheimatet im Grand Hotel Van Cleef, ist. Bei ROOSEVELT übernimmt Lauber den Part des Sängers, Keyboarders und Gitarristen. Viele Stücke entwickeln live einen deutlich höheren Druck als in den Studioversionen und auch den Saiteninstrumenten wird glücklicherweise deutlich mehr Platz zur Entfaltung gegeben. Zur Zugabe nimmt Lauber dann sogar an den Drums Platz und die Band leitet mit dem Womack&Womack Cover von 'Teardrops' die Freitagnacht ein.

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Festival Tag 2 AUDIO 88 & YASSIN

Den zweiten Tag beim Zurück Zuhause Festival eröffnen die Hip-Hopper AUDIO88 & YASSIN. Mit ihrem Bühnenbild und ihren Outfits verwandeln sie den Bielefelder Ringlokschuppen gleich mal in die Church of Hip-Hop. Neben den beiden Padres sorgt Bischof Morlock Dilemma, der den DJ-Part übernimmt, für weiteren göttlichen Beistand. Dass heute allerdings niemand dazu angetreten ist, die andere Wange hinzuhalten, wird bei den Battleraps des MC-Duos schnell klar. Bei AUDIO88 & YASSIN bekommt jeder sein Fett weg – von den diversen Vertretern der HipHop-Gemeinde bis hin zu Leuten, die „bereit sind, für Camp David-Hemden zu bezahlen“. Unterstützung leistet dabei Nico von K.I.Z..

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DRANGSAL

Der folgende Auftritt von DRANGSAL steht heute zunächst unter keinem guten Stern, als der Bass beim Soundcheck den Dienst quittiert. Aber natürlich hilft CASPER seinem Protegé aus, dessen Schaffen er schon lange vor Erscheinen seines Debütalbums mit jeder Menge Vorschusslorbeeren bedacht hat. Kluger Mann, der CASPER. Was DRANGSAL dann abliefert, mutet stilistisch an wie eine Zeitreise in die frühen 80er. Glasklare Gitarren stets mit einem gerüttelt Maß an Hall und wunderbar pluckernder Bassline und fertig ist der New Wave / Post Punk Sound, der sich sofort nach The Smiths, The Cure oder Joy Division anhört. Dass er die beiden letztgenannten Bands angeblich kaum gehört haben will, passt irgendwie zur Selbstinszenierung des Max Gruber, wie DRANGSAL mit sehr bürgerlichem Namen heißt. Aber sie kann mitreißen, diese Mischung aus Referenz, Konstruktion und einer eigenständigen Note. Wahrscheinlich spürt man hier auch die Souveränität von einem, der sein Ding macht und sich nicht beirren lässt. Da stört es auch nicht, dass mitten im Set auch noch ein Verstärker seinen Geist aufgibt. „Zu hart gerockt“ bemerkt DRANGSAL trocken und beendet sein Set mit dem geradezu programmatischen 'Love Me Or Leave Me Alone'. Selbst das heute hier versammelte junge Hip-Hop Publikum entscheidet sich für ersteres.

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SSIO

Weiter geht es mit SSIO. Der Rapper präsentiert einen Mix aus Westcoast-Beats und Straßenrap. Die Schnittmenge mit den Vorlieben der GESTROMT-Leserschaft hält sich somit in Grenzen. Als der Mann aus Bonn dann auch noch überlegt, was man alles mit dem Kopf unseres Fotografen anstellen könnte, räumen wir lieber das Feld. Wer Stil-Irrtümer wie farbenfrohe Trainingsanzüge, Gürteltasche und eine Bi-Color Daytona am Handgelenk mit solcher Konsequenz durchzieht, meint vielleicht auch andere Dinge ernst. Wir gehen lieber was essen und stärken uns für den Hauptact des heutigen Abends.

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CASPER

CASPER und Band machten sich dieses Jahr äußerst rar und spielten nur wenige Shows und Festivals. Hinzu kam die Verschiebung des Releases des mit Spannung erwarteten neuen Albums und die Verlegung der großen CASPER Tour 2017 vom Frühjahr in den Herbst. Somit gibt es an diesem Abend mit 'Lang Lebe Der Tod' und 'Keine Angst' (feat. DRANGSAL) auch nur zwei neue Stücke für die CASPER Fans. Wohin die musikalische Reise bei CASPER 2017 also führen wird, ist weiterhin schwer auszumachen. Das Set an diesem Abend ist jedenfalls gefühlt stärker vom Hip Hop geprägt, als die letztjährigen Auftritte des Rappers. Mit Kraftklub Felix und Timi Hendrix stehen bei einigen Songs dann auch noch gefeierte Gäste mit auf der Bühne. Über die komplette Spieldauer wird jedoch wieder einmal klar, dass CASPER live vor allem ein Bandprojekt ist. Und wenn man sich die Band, deren Spielweise und Vorlieben so anschaut, dann weiss man jetzt auch, wie zur Hölle SWAIN den Weg ins Line Up gefunden haben. Das dürfte ein Herzenswunsch der CASPER-Gang gewesen sein.

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Fazit

Das ZURÜCK ZUHAUSE FESTIVAL hat sich schnell zu einer Institution im Bielefelder Ringlokschuppen gemausert. Fünf Jahre in Reihe wird das Festival nun bereits veranstaltet und glänzt immer wieder mit Überraschungen im LineUp und einer Toporganisation seitens der Veranstalter-Crew. Die Ausdehnung auf zwei Tage scheint jedoch nicht wirklich notwendig und wenn man in Zukunft noch etwas verbessern will, kann man eigentlich bei sich selbst lernen. Bereits vor einigen Jahren beheimatete der Ringlokschuppen das großartige Grand Hotel Van Cleef Fest. Hier nutzte man beide Säle der Location und ließ diese abwechselnd bespielen. Künstlerstatus und Booking vom ZZF, in diesem Jahr, hätten es eigentlich genau so möglich gemacht. Vielleicht passiert ja genau das bei der sechsten Ausgabe 2017.

Text: Marc Erdbrügger/Mark Haake - Fotos: Mark Haake

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