(Caroline/ Universal Records)

Seit dem Debütalbum "Answer That And Stay Fashionable" (1995) und dem Nachfolger "Very Proud Of Ya" (1996) verfolge ich die Karriere von AFI mal mehr, mal minder interessiert und konnte spannende Weiterentwicklungen und Experimente miterleben. Der SkatePunk der Anfangstage wurde über die Jahrzehnte immer mehr verwässert, was zum einen dem Alter der Mitwirkenden geschuldet ist, als auch dem festen Willen künstlerischer Selbstverwirklichung.

Ab "Black Sails In The Sun" (1999) und "The Art Of Drowning" (2000) wurden die Kompositionen durchdachter/komplexer. Ein düsterer Unterton schlich sich in die Songs, die durch wunderbare Background-Chöre ihren Stempel aufgedrückt bekommen haben.

Dann folgte 2003 das Durchbruch-Album "Sing The Sorrow" mit etlichen Hits und einem Trademark-Sound, der ab sofort AFI definieren sollte. Teils ausufernde Hymnen, die melancholisch und gesanglich mitreissend von Frontmann Davey Havok dargeboten wurden. Massig Auszeichnungen und der Etablierung im Mainstream später, wurde der eigene Anspruch höher geschraubt und die Erwartungshaltung der Oldschool-Fans mit Füßen getreten. Klar gab es noch einige wenige Highlights auf kommenden Alben - allerdings entstand zunehmend der Eindruck, dass Style und Eigendarstellung im Vordergrund stehen.

Nach vier Jahren Schaffenspause melden sich AFI nun mit "The Blood Album" zurück - Vorfreude und Skepsis halten sich die Waage, bevor die CD in den Player geschoben wird. Können AFI den notwendigen Punch hinzaubern oder verpassen sie die Chance, sich Sympathiepunkte zurück zu holen?

'Dark Snow' startet den 14-Song-Reigen und zeigt gleich, dass PunkRock weiterhin nur eine untergeordnete Rolle im momentanen AFI-Setting spielt. Die New-Wave Elemente werden mit einer klinischen Produktion angereichert, die kühle Distanz ausdrückt. Die darauffolgenden Gitarrenläufe im nächsten Song sind schon typischer für die "After-Millenium" AFI - 'Still A Stranger' lässt aufhorchen, da der Chorus eine Energie freisetzt, die viel zu lange vermisst wurde.

Nach diesem kleinen Höhepunkt, kann 'Aurelia' als unspektakulärer Radio-Pop-Rock leider nur verlieren, da unangenehme Sunrise Avenue-Assoziationen den Song begleiten. Nach den ersten Durchläufen ist v.a. 'Hidden Knives' hängengeblieben - da hier emotionale Punkdramatik in Perfektion geliefert wird. Tolle Dynamik, perfekter Refrain = Hit!

Was bei 'Hidden Knives' grandios umgesetzt wird, klappt bei 'Get Hurt' nur bedingt - der Spannungsaufbau zu gewöhnlich, als das der Track hängenbleiben könnte. Beileibe kein schlechter Song, allerdings irgendwie egal.

Und von diesen "egalen" Songs folgen zu meinem persönlichen Bedauern noch einige ('Above The Bridge' oder 'Feed From The Floor', um mal einige Beispiele zu benennen).

Dann gibt es Mittelteil von "The Blood Album" aber dieses Dreigestirn aus 'Snow Cats', 'Dumb Kids' und 'Pink Eyes', der dieses "Sing The Sorrow"-Gefühl aufleben lässt: Massive Ohrwürmer, die mit großen Enthusiasmus vorgetragen werden und Emotionen beim Hörer freisetzen können, die der Begrifflichkeit Glück schon sehr nahe kommen.

'White Offerings' wurde von AFI im Vorfeld der Veröffentlichung von "The Blood Album" als Teaser rausgehauen und dürfte hinlänglich bekannt sein - aber wie es bei Teaser oder Trailern so ist: Meist versprechen sie mehr als das gesamte Werk halten kann.

afi-photo_courtesy_of_oktober_promotion

Copyright 2016. Jiro Schneider Photography. All Rights Reserved

Und da "The Blood Album" mit Füllmaterial ('She Speaks The Language'/ 'The Wind That Carries Me Away') endet, überwiegt die Enttäuschung. Bei AFI passt die Floskel "Früher war alles besser", denn auch ein Schritt Richtung künstlerischer Weiterentwicklung, muss eigentlich nicht zwingend den Charakter einer Band verändern. Dass das Feuer noch brennt, zeigen die verstreuten Highlights - als Ganzes ist "The Blood Album" aber zu vernachlässigen.

Album-VÖ: 20.01.2017

3.5-Blitz