(ferryhouse productions)

EMMA6 veröffentlichen mit "Wir Waren Nie Hier" bereits ihren dritten Longplayer und beackern das schwierige Feld des deutschsprachigen Indie mutig weiter.

Das erste Mal untergekommen sind mir EMMA6 beim Rheinkulturfestival 2007 in Bonn. Damals als talentierte Local-Nachwuchsband wahrgenommen, ist es umso schöner, dass die Jungs auch zehn Jahre später noch gemeinsam Musik machen und das ganze auf ein professionelles Level heben konnten. Denn mit "Wir Waren Nie Hier" erscheint nun tatsächlich bereits das dritte Album der inzwischen in Köln beheimateten Indiemusiker.

Drei Jahre haben EMMA6 an "Wir Waren Nie Hier" gewerkelt. Zusammen mit Produzent David Maria Trapp haben sie dabei ein Werk erschaffen, welches unter dem Motto „Back To The Roots“ stehen könnte. Ausgerechnet jetzt, wo viele Musiker aus dem Indiesektor dem Trend zu mehr elektronischen Klängen und vor allem Synthies folgen, schrauben EMMA6 eben dieses Element in ihrer Musik deutlich zurück. So gibt es auf dem neuen Album Akustikgitarre, Klavier, Bläser und Streicher zu hören. Zudem hat man die Produktion komplett live eingespielt, was EMMA6 dann deutlich rauer erscheinen lässt, als sie es überhaupt sind.

"Wir Waren Nie Hier" wartet insgesamt mit zehn Songs auf, welche in den guten Momenten Referenzen an Kettcar, Tomte und die Frühphase von Wir sind Helden heraufbeschwört. Hier und da kreuzen sich dann aber die Gedanken auch mal mit Silbermond oder Revolverheld – auf dem Weg ins Radio, vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung.

Den Start markiert das bereits vorab bekannt gemachte 'Kapitulieren'. Ein wunderschönes melancholisches Lied, zu welchem man mit Vergnügen an einem Sonnennachmittag die Regentropfen an der Fensterscheibe beobachten könnte – die Stimmung dürfte damit klar sein. Zu dem Song gibt es auch ein wunderbares Video, auf welches wir Euch hier bereits vor einigen Tagen hingewiesen haben. Zeitgleich mit dem Album kommt auch die Radiosingle '10 Jahre', welche letztendlich für die Revolverheld Referenz in dieser Rezension sorgt. Somit scheint der Weg ins Nachmittagsprogramm von NDRSWRWDR2 eigentlich geebnet.

Mit 'Lichtungen' gelingt es EMMA6 wieder ein Highlight zu setzen. Orientiert wird sich an der Hamburger Schule und vor allem an den Großen des Faches. 'Lichtungen' atmet den Geist vom Kettcar Evergreen 'Deiche', ist aber bei weitem auch keine schnöde Kopie. Das anschließende 'Das Haus Mit Dem Basketballkorb' findet dann allerdings wieder im Revolverheld-Modus statt. Und so schlägt das Pendel auf diesem Album immer hin und her.

Das Bosse-artigee 'Der Elefant' zählt auf jeden Fall mit zu den gelungenen Momenten. Das wird einem spätestens dann klar, wenn nach zwei Minuten die Bläser einsetzen. 'Pokale' kann die Sehnsucht nach Wir Sind Helden stillen, sollte diese überhaupt existieren. Mit 'Regen' gibt es dann leider erneut einen verzichtbaren Track, der einfach so dahinplätschert und mich bei mehreren Hördurchgängen zum Betätigen der Skip-Taste veranlasste.

In meinen Ohren der stärkste Track, findet sich mit 'Lemminge' an Position Acht. Auch dieser Song ist bereits als Vorabvideo bekanntgemacht worden. Wer sich immer noch nicht sicher ist, ob EMMA6 etwas für ihn sein könnten, der schaut am besten einfach mal in das Video:

Wer diesem Track etwas abgewinnen kann, der kann auch mit dem gesamten Album seinen Spaß haben. Wem allerdings schon 'Lemminge' nicht zusagt, dürfte mit "Wir Waren Nie Hier", seine Schwierigkeiten haben.

Auch wenn ich mir die ersten Alben von EMMA6 jetzt erst im Zuge der Rezension zum neusten Werk angehört habe, muss man der Band eine interessante und vielversprechende Entwicklung attestieren. Es kann mich zwar auch auf "Wir Waren Nie Hier" nicht alles überzeugen, aber für mich persönlich sind einige gute Momente enthalten. Und was kann man von Musik eigentlich mehr verlangen?


ALBUM-VÖ: 03.03.2017