(JKP/WM Germany)

'An Tagen Wie Diesen' läuft auf Mallorcas Schinkenstraße hoch und runter, Campino sitzt bei Markus Lanz, Deutschlands spießigster Talkshow, zur Promotion im ZDF (!!!) und am Tag der Album-VÖ spielt die Band ein Eins-Live Radiokonzert in KÖLN!!! So sieht die HOSEN-Welt 2017 aus. Fünf Jahre nach "Ballast der Republik" legen DIE TOTEN HOSEN mit "Laune Der Natur" nach. Und die gute Nachricht vorweg: DIE HOSEN haben sich pathetische Hymnen verkniffen, keine Fußball-Songs geschrieben und nicht versucht den erfolgreichen Vorgänger zu kopieren.

Ein Track mit dem Namen 'Urknall' kann nicht anders platziert werden, außer als Opener. Zudem beginnt der Song mit dem Satz: „Der Manager ist tot“, und bevor die Arbeit am neuen HOSEN-Album überhaupt anlief, war klar, dass die Platte genau mit diesen biografischen Worten beginnen muss! Das tut sie nun und der Track ist wirklich klasse. Bei allem Wohlwollen, so viel Power hätte ich den TOTEN HOSEN nicht mehr zugetraut. Direkt mal allen Erwartungshaltungen den Mittelfinger entgegengestreckt.

Jedoch kann bereits 'Alles Mit Nach Hause' das angeschlagene Niveau nicht halten. Trotz stimmiger Gitarrenklänge versemmelt der Song die Lyrics auf ganzer Linie. Das Ganze kommt so klischeehaft daher, als habe Campino versucht einen TripAdvisor-Beitrag zu vertonen. Und damit sind wir beim zentralen Punkt auf dieser Platte. Man kann der Band durchaus ein gewisses Bemühen um neue Ideen im Songwriting attestieren, der Sound kommt teils bissig und weniger glatt daher als bei der Vorgänger-Platte, jedoch vergaloppieren sich die HOSEN ein ums andere Mal in den Geschichten, die sie anstimmen. Hierzu zähle ich auch das unsägliche 'Wannsee', welches natürlich als die Antwort auf 'Westerland' von den Ärzten gesehen werden muss. Wer sich jedoch so lange Zeit für einen Konter lässt, der muss entweder wissen, dass dieser Konter unglaublich gut ist oder eben einfach die Klappe halten. Auf die Textzeile "Wannsee, wann sehn wir uns wieder?" hat im Rocksegment vermutlich keiner gewartet, auch wenn man die Reggae-Anleihen in dem Song durchaus als positiven Ansatz verbuchen kann. Einen ähnlichen Nonsens-Track bekommt man zudem mit 'Energie' geliefert. Vielleicht macht sich gerade hier der Einfluss von Campino Kumpel Marteria bemerkbar, welcher bei diesem Album mit an den Texten gearbeitet haben soll. Im Hip Hop-Business funktionieren beide Tracks vermutlich wunderbar – weil irgendwie doch auf anderer Ebene. Das dieser Einfluss auch positiv wirken kann, vermute ich in Bezug auf den Titeltrack 'Laune der Natur', welcher nicht nur einen gewissen Charme besitzt, sondern richtig Flow hat.

Was für einzelne Songs gilt, das gilt irgendwie auch für das gesamte Album. Es finden sich viele tolle Ansätze und Ideen, aber diese werden irgendwie dann nicht zu Ende gedacht oder richtig aufgegriffen. Hier könnte man jetzt den Track 'Pop & Politik' anführen, in welchem sich Campino ironisch äußert, dass keiner mehr die Vermischung von Pop und Politik hören will. Die Ironie würde natürlich weitaus besser wirken, wenn man außer der Liedsingle 'Unter Den Wolken' noch weitere politische Songs auf dem Album platziert hätte und diese nicht unprominent als B-Seiten platziert. So bleibt es auf "Laune Der Natur" vor allem bei den Themen Freundschaft, Verbundenheit und Tod. Diese führen dann aber auch zu den Highlights 'Alles Passiert' und 'Eine Handvoll Erde', die vielleicht musikalisch weniger mutig daherkommen als andere Tracks des Albums, welche aber durchaus in der Lage sind, jemanden zu berühren.

Und am Ende schließt sich dann auch der Kreis des Albums. Spielte zu Beginn der Tod des Managers eine Rolle, so setzt man mit dem Schlußtrack, 'Kein Grund Zur Traurigkeit', dem ehemaligen Drummer Wolfgang „Wölli“ Rohde, ein Denkmal. Der Track des ehemaligen HOSEN-Drummers wird hier nochmals als Duett zwischen Wölli und Campino neu aufgelegt. Bewegend.

Der eigentliche Star auf "Laune Der Natur" ist jedoch die Bonus-Disc der Doppelalbum-Spezialedition. Hier veröffentlichen DIE TOTEN HOSEN die Fortsetzung ihres legendären Klassikers "Learning English Lesson 1". Auf dieser Scheibe zollte die Gruppe 1991 den Helden der ersten Welle der Punkbewegung ihren Respekt. Sie hatten die Musik der HOSEN nachhaltig beeinflusst und waren letztendlich überhaupt erst ausschlaggebend für die Bandgründung. So spielten sie 21 frühe Punkhits zusammen mit den Originalinterpreten der gecoverten Song neu ein. Damit schufen sie ein Standardwerk, auf das sich im Anschluss unzählige neu formierte Bands beriefen und das viele Perlen der Musikgeschichte für eine neue Generation von Liebhabern ungehobelter Klänge dem Vergessen entriss.

Als die Band sich vor einiger Zeit zum Aufwärmen im Proberaum mal wieder durch eine Kollektion alter Lieblingslieder spielte, kam die Idee auf, mit einem zweiten Teil weitere musikalische Schätze von damals einem größeren Publikum von heute zugänglich zu machen. Das Ergebnis ist die "Learning English Lesson 2"-Spezialedition, deren 21 Songs im Herbst 2016 hauptsächlich in London wiederum mit vielen Größen der internationalen Punkszene eingespielt wurden. Mit dabei sind unter anderem Jello Biafra von den Dead Kennedys, Colin McFaull von Cock Sparrer und Jake Burns von Stiff Little Fingers, aber auch Bob Geldof von den Boomtown Rats und vergessene Kultfiguren wie "Mad" Phil Thompson und Bill Woodcock von obskuren Underground-Helden wie den Pasty Faces.

Die Tracklist von "Learning English Lesson 2" sieht folgendermaßen aus:

01. Step 1: Welcome To Learning English, Lesson 2
02. The Sound Of The Suburbs (mit JC Carroll / The Members)
03. Where Are They Now (mit Colin McFaull / Cock Sparrer)
04. California Über Alles (mit Jello Biafra / Dead Kennedys)
05. Step 2: Revolution
06. Viva La Revolution (mit Monkey & Pete / The Adicts)
07. Nobody's Hero (mit Jake Burns / Stiff Little Fingers)
08. Teenage Kicks (mit Damian O´Neill / The Undertones)
09. Flying Saucer Attack! (mit Fay Fife & Eugene Reynolds / The Rezillos)
10. Step 3: How About A Knuckle-Sandwich?
11. Where Have All The Boot Boys Gone? (mit Wayne Barrett / Slaughter And The Dogs)
12. Sonic Reducer (mit Cheetah Chrome / Dead Boys)
13. Lookin' After No. 1 (mit Bob Geldof / The Boomtown Rats)
14. The Jinx (mit Peter Bywaters / Peter And The Test Tube Babies)
15. Your Generation (mit Tony James / Generation X)
16. Step 4: Family Plannings
17. Darling, Let's Have Another Baby (mit Johnny Moped)
18. Where's Captain Kirk? (mit Spizz / Spizzenergi)
19. Harmony In My Head (mit Steve Diggle / Buzzcocks)
20. This Perfect Day (mit Chris Bailey / The Saints)
21. Step 5: Sprechen Sie Deutsch?
22. Wunderbar (mit Eddie Tudor Pole / Tenpole Tudor)
23. I'm An Upstart (mit Thomas “Mensi” Mensforth / Angelic Upstarts)
24. (Get A) Grip (On Yourself) (mit Hugh Cornwell / The Stranglers)
25. Fight To Be Yourself (mit „Mad“ Phil Thompson / Pasty Faces)
26. Staring At The Rude Boys (mit John “Segs” Jennings / The Ruts)
27. Janet And John Say Goodbye

Insgesamt lässt sich sagen, dass man "Laune der Natur" durchaus kaufen kann, evtl. sogar sollte. Die Veröffentlichungspolitik der Band inklusive der Doppel-CD ist extrem fair und zieht dem Fan nicht die letzten Euros, durch unsägliche Einzelveröffentlichungen (oder noch schlimmer: Deluxe-Re-Releases ein halbes Jahr später), aus der Tasche. Chapeau, liebe TOTEN HOSEN!

Album-VÖ: 05.05.2017