(People Like You Records/Sony Music)

CALLEJON lieferten uns vor zwei Jahren mit "Wir Sind Angst" die volle Metalcore-Breitseite, weil die Zukunft mit Trump als möglichen Präsidenten, einem drohenden Brexit und der immer weiter steigenden Symphatie für rechtes Gedankengut, nicht wirklich rosig wirkte. Das vor allem Ängste die Menschen zu diesen Entscheidungen getrieben hat, machte sie damals sehr wütend. Und leider wurden alle diese Szenarien Wirklichkeit. Es gab für die Jungs also keinen Grund noch mal ein Album in dieser Art zu schreiben und wie Sänger BastiBasti sagt, war er ein bisschen von der eigenen Musik gelangweilt. Man empfand das man nun lang genug die immer wieder selbe Art von Musik gemacht hatte und man auch gar nicht mehr in der Stimmung für Partymusik sei.

Wer nun die ersten bereits vorab veröffentlichten Lieder gehört hat, den wird es also nicht wundern, dass "Fandigo" kein Metalcore-Album mehr ist. CALLEJON haben sich bewusst weiterentwickelt und haben laut eigener Aussage derzeit auch nicht das Interesse daran, später zu den Metalcore-Wurzeln zurückzukehren. Man wolle nicht mehr die "Metal-Berufsjugend" sein,heißt es im Pressetext, man konnte also sehr gespannt sein, was einem auf "Fandigo" im Endeffekt erwarten würde. Einen Tipp kann ich hier allerdings schon jetzt jedem Hörer geben: Macht euch frei von dem was die Band einmal war, wer typisches CALLEJON-Geballer erwartet, kann einfach nur enttäuscht werden.

Schon das erste Stück des Albums namens 'Der Riss In Uns' ist gewagt positioniert, denn wie viele Alben kennt man sonst, die direkt mit einer Ballade starten? Passend zum Cover startet man mit 80er-Synthieklängen und einer Computerstimme, bevor BastiBasti ganz sanft anfängt zu singen. Auf den letzten Alben gab es ja auch immer eine Ballade, aber sie fand ihren Patz immer am Ende. In meinen Augen ist es aber ein perfekter und emotionaler Einstieg, der einen ziemlich gut darauf vorbereitet, wie die neuen CALLEJON so sind. Man merkt hier zwar nicht viel von Rockmusik, trotzdem ist es direkt zum Start eines der besten Stücke des Albums. Mit dem folgenden 'Utopia' wurde "Fandigo" ja vor ein paar Monaten angekündigt und daher dürften es die meisten Leser hier schon gehört haben. Viele Leute störte damals sofort das Fehlen sämtlicher Screams, da hier nur clean gesungen wird, außerdem gibt es eine handvoll englischer Strophen. Das Teil ist super geschrieben, extrem treibend und macht einfach nur Spaß.

'Pinocchio' nimmt dann gleich wieder ein bisschen Geschwindigkeit aus der Sache, ohne aber gute Riffs und Beats vermissen zu lassen. Zur Mitte hin wird dann sogar wieder geshoutet, also keine Angst, man lässt die Vergangenheit nicht komplett hinter sich. Relativ wild zusammen gemixt startet 'Hölle Stufe 4' und birgt dabei einen düsteren 80er-Jahre-Discotouch und erinnert vor allem bei der einen englischen Strophe sehr stark an The Cure und Depeche Mode. Eine sehr gelungene Abwechslung bevor es mit 'Monroe' wieder etwas mehr in eine gewohnte Richtung geht. Die Geschwindigkeit nimmt wieder deutlich zu und auch Screams werden wieder vermehrt genutzt. Ein guter Song, der aber etwas den bisherigen Tracks hinterher hängt.

Das Durchschnittszeichen was man nun auf der Tracklist sieht ist nicht mehr als das instrumentale Intro zum nächsten Stück namens 'Das Gelebte Nichts'. Im ersten Viertel noch sehr beruhigend, dreht der Refrain ordentlich auf, nur damit man sich dann wieder beruhigt. Ein tolles Wechselspiel, welches mit einer guten Melodie aufwarten kann.

Nach den eher nicht so fröhlichen Texten der Vorgänger, hat man mit 'Noch Einmal' ein wahres Festival- und Konzertlied im Gepäck. Es gibt dazu ein echt gutes Musikvideo, also mache ich es kurz und sage Topsong und einfach selber anhören. Bei 'Mit Vollgas Vor Die Wand' handelt es sich um einen weiteren Favoriten von mir. Eine Ballade, die aber im Gegensatz zu 'Der Riss In Uns' auch nicht davor zurückschreckt mal etwas mehr aufzudrehen und thematisch den idealen Übergang zu 'Powertrauer' bietet. Mit knapp sechs Minuten handelt es sich dabei auch um das zweitlängste Lied auf "Fandigo" und glücklicherweise vergeht die Zeit wie im Flug. Wie so viele Lieder zuvor zielt man auch hier komplett auf die emotionale Eben des Hörers und zumindest bei mir klappt das auch. Text und Melodie fassen hier wirklich perfekt ineinander.

Nach so vielen Hits darf man sich dann auch mal wieder einen etwas schwächeren Titel auf das Album packen und der findet sich in 'Mein Gott Ist Aus Glas'. Musikalisch packt er mich einfach nicht richtig und hallt nicht lange in meinem Kopf nach. Nun finden sich GPS-Koordinaten als Liedtitel wieder und auch diesmal ist es nur ein Intro und zwar zu 'Nautilus', dem vielleicht härtesten Stück bisher. Also zumindest was die Instrumente angeht, denn Screams solltet ihr hier nicht erwarten. Macht wirklich Spaß, auch wenn mir die melancholische Seite bisher etwas besser gefallen hat. Mit 'Fandigo Umami' gibt es dann nochmal einen echten Knaller zum Abschied. Hier kriegt der Fan nicht nur die geliebten BastiBasti-Screams, nein, es schleichen sich sogar ein paar Blastbeats ein. Kein anderes Stück erinnert so sehr an die bekannten CALLEJON wie dieses und da wird es die Meisten wohl freuen, dass es mit sechseinhalb Minuten relativ lang ausfällt. Besser kann man die Sache hier eigentlich nicht zu Ende bringen.

Photo by Lukas Richter

Ja, "Fandigo" wird es wahrscheinlich sehr schwer bei den eingefleischten Fans haben. Es ist kein Output für die jugendliche Metalcore-Szene und hat großteilig mehr mit deutschen Singer-Songwritern zu tun, als mit den vorhergegangenen Platten der Band. Trotzdem bleibt CALLEJONs Handschrift stets erkennbar und es bleibt dank der Instrumente auch klar Rockmusik. Die Aussage von BastiBasti das nicht jeder Fan diese Platte verkraften wird, war da schon sehr passend. Die Frage bleibt, ob unbedingt jeder Fan auch diesen Wandel verkraften will. "Fandigo" ist jedenfalls das erwachsenste Album bisher, aber halt auch eines was (so will es der Pressetext) auf keinen Fall als Metalcore bezeichnet werden soll. Denn diese Zeiten haben CALLEJON anscheinend nun hinter sich gelassen.

Wie bewertet man nun also eine CD, bei der mich lediglich zwei Lieder nicht komplett begeistern konnten? Ich schätze relativ hoch, denn dafür was "Fandigo" sein will, ist es verdammt gut geworden. Aber ein klein wenig vermissen darf man die alten CALLEJON trotzdem sicherlich, waren sie doch eine erfrischende Abwechslung im Metalcore-Einheitsbrei.

Anspieltipps: 'Utopia', 'Fandigo Umami'

Album-VÖ: 28.07.2017