(Long Branch / SPV)

Mit ihrer "Holon"-Trilogie wurden THE HIRSCH EFFEKT von Album zu Album bekannter und erfolgreicher. Und das ganz ohne sich anzubiedern. Schließlich habe ich in den letzten Jahren meiner Rezensenten Tätigkeit kaum etwas fordernderes gehört und somit ist es umso erstaunlicher, dass sich die Band eine stetig wachsende Fanschar erspielen konnte ohne „Mainstream“ zu werden. Es geht also auch anders. Auch mit "Eskapist“ ist man weit entfernt von „Ausverkauf“-Rufen, aber dennoch hat das HIRSCH Projekt inzwischen ein solches Ausmaß angenommen, dass die Band nicht mehr ALLES (!!!) in DIY Manier händeln kann. Erfreulich das eine deutsche Genre Band solch einen Zuspruch ernten kann. Und nach den ersten Hördurchgängen von "Eskapist“ prophezeie ich, dass der Karrierepfeil weiter steil nach oben zeigen wird.

Das neue Album wartet mit zwölf Tracks auf, die erneut einer wilden Achterbahnfahrt gleichen. 'Lifnej' prescht direkt zum Start so dermaßen nach vorne, dass es einem schon mal schwindelig werden kann. Metal, Prog und Core-Elemente finden sich hier in einem Song wieder. Dabei schlägt der Track alle 90 Sekunden solch unerwartete Haken, dass man aus dem Staunen nicht rauskommen mag. Nach vier Minuten und dreißig Sekunden wird es dann sogar unerwartet ruhig für einen HIRSCH Track, aber auch nur um nach dreißig Sekunden nochmals das Tempo anzuziehen und die Gitarren wieder frei laufen zu lassen.

Dieser krasse Tempowechsel findet sich auf "Eskapist“ nicht nur einmal. Auch 'Xenophotopia' begeistert mit einer Bridge zum durchschnaufen, welche fast schon als klassische Musik bezeichnet werden kann. Wirken viele Tracks bei THE HIRSCH EFFEKT recht anarchisch, beweist das Trio mit 'Natans', dass sie nicht nur gepflegt losballern können, sondern sich auch in hörbaren Strukturen bewegen können, die einer Art Popsong der Marke HIRSCH EFFEKT verdammt nahe kommen. Das gelingt auf diesem Album sogar einige Male, wie man auch an der aktuellen Singleauskopplung 'Inukshuk' hören kann:

"Mit der Wahl der zweiten Single haben wir versucht den Gegenpol auf dem Album zu LIFNEJ auszuloten", erzählen THE HIRSCH EFFEKT. "INUKSHUK zeigt das andere Extrem auf ESKAPIST: Ruhe, Einfachheit und Pop-Appeal. Natürlich nicht ohne eine gewisse zornige Verzweiflung und Melancholie, die die Querverbindung zum Albumkontext ist. Thematisch ist auch INUKSHUK den persönlichen Inhalten des Albums zuzuordnen. Der Protagonist hadert mit der Zeit. Er befindet sich in einem ambivalenten Zustand, in dem er die Zeit entweder als unaufhaltbare Bedrohung wahrnimmt oder versucht, der Veränderungen die sie zwangsläufig mit sich bringt, mit Gelassenheit entgegen zu sehen. Die basale Struktur und Harmoniefolge des Songs hat uns veranlasst das Setting des Videos komplett in der freien Natur anzusiedeln."

THE HIRSCH EFFEKT machen nach ihrer Album Trilogie eigentlich genau dort weiter, wo sie stehen geblieben sind. Mit einem atemberaubenden Genremix, der den Zuhörer mehr als nur einmal fordert. Die Songs haben immer noch so viele irre Wendungen, dass es mir immer ein Rätsel bleiben wird, wie die Band es schafft, ihre Songs auf die Bühne zu bringen. Auch die Lyrics auf "Eskapist" fordern. Die Band nimt sich vielen aktuellen Themen an und ist an vielen Stellen verdammt politisch. Ein Gesicht welches den Jungs sehr gut steht.

Erneut ernten THE HIRSCH EFFEKT das volle Gewitter.

Der Song für die Playlist/das Mixtape: 'Natans'

Album-VÖ: 18.08.2017