(Epitaph Records/ Indigo)

Okay, es gab schon immer eine Symbiose Punkrock und Politik. Und im besten Fall gelingt der Spagat zwischen Message und Catchyness (siehe Anti-Flag, Rise Against, Strike Anywhere u.a.). Wenn dann nicht nur zwei, drei Akkorde zum Zuge kommen, sondern anspruchsvolle Kompositionen abgeliefert werden, die aus der Schnittmenge von Punk, Metal und Hardcore entstehen, kann es sich eigentlich nur um neues Material von PROPAGANDHI handeln. Und natürlich ist "Victory Lap" schon als designierter Klassiker ausgerufen worden, als die ersten Neuigkeiten zum Aufnahmeprozess durchsickerten.

Ich gebe zu, dass mich PROPAGANDHI nach dem Ausstieg von John K. Samson im Jahre 1997 teils etwas genervt haben mit ihrem anspruchsvollen Songstrukturen - ich bin halt ein Kind der 90er und wollte die Veränderung im Songwriting nicht mitgehen. 🙂 "Today's Empires, Tomorrow's Ashes" hat mich aber im Nachhinein doch noch überzeugt und so habe ich die weitere Karriere der Kanadier mit viel Interesse weiterverfolgt. Aber obwohl alle mir bekannten "Szenekenner" die nachfolgenden "Potemkin City Limits", "Supporting Case" und "Failed States" quasi kultisch verehren, habe ich den Zugang nicht mehr gefunden (mal abgesehen von einzelnen Tracks, die mich packen konnten). Die Zunahme von Metal-Elementen und die Verspieltheit, die einen stringenten Songaufbau eher entgegenwirkt, haben mich müde werden lassen.

Nun also Album Nr. 7, welches auf den Namen "Victory Lap" hört und mit Gitarristin Sulynn Sago ein neues Bandmember an Bord begrüßen darf. Ein dutzend neuer Songs werden abgefeuert - die Texte legen den Finger in die blutende Wunde und werden mit messerscharfen Riffs und einer tighten Rhythmus-Fraktion Richtung Höhepunkt getrieben. Soweit, so normal.

Ich mag den druckvollen Gesang von Gründungsmitglied Chris Hannah, allerdings geht mir das charakteristische Entgegenarbeiten der Instrumentierung bei 'Comply/ Resist', 'Cop Just Out Of Frame' oder 'When All Yours Fear Collide' immer noch und zunehmend gegen den Strich. Muss man einen Song immer zwangsläufig mit dem Zurschaustellen des Könnens anstrengend machen? Ich weiß, dass das wahrscheinlich genau das ist, was die Fans verlangen und hören wollen, um sich ob der anspruchsvollen Virtuosität berauschen zu lassen.

Ich bin dann eher bei den straight vorgetragenen Songs begeistert ('Victory Lap', 'Letters To A Young Anus', 'Failed Imagineer') oder dem hervorragenden 'Lower Order (A Good Laugh)', der das Tempo entschleunigt und den Track atmen lässt. Das ist wirklich ein ganz neuer Ansatz von PROPAGANDHI - dem Pop (im Sinne von Zugänglichkeit) wird Eintritt gewährt in eine Welt des politischen Diskurses, der eigentlich mit den Mitteln des Punkrocks stattfindet.

'Adventures in Zoochosis', 'Tartuffle' oder 'In Flagrante Delicto' sind definitiv schon Kracher vor dem Herrn, allerdings geht den Songs jeglicher Überraschungseffekt ab. Es ist die Krux, die oben erwähnt wurde - vermutlich werden alle PROPAGANDHI-Junkies völlig kritik-unfähig das Album abfeiern, vielleicht bin aber auch ich es, der "Victory Lap" nicht kapiert - es zwar gut, aber nicht herausragend findet.

Propagandhi_Photo_by_Avrinder_Dhillon

Propagandhi Photo by Avrinder Dhillon

PROPAGANDHI verwalten ihren Status als authentische und engagierte Band, sonst ist eigentlich fast alles wie immer (einzig 'Lower Order (A Good Laugh') probiert etwas anderes als gewohnt aus).

Album-VÖ: 29.09.2017